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Presseschau zu von der Leyen "Friendly fire" im "Himmelfahrtsministerium"


Ursula von der Leyen will über das Verteidiungsministerin ins Kanzleramt - so der Tenor der Presse. Andere Kommentatoren meinen allerdings: Ihr neuer Job ist ein Himmelfahrtskommando.

Keine vier Stunden, nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel die CDU-Minister verkündet hatte, saß Ursula von der Leyen schon bei Günther Jauch im Ledersessel und präsentiert sich als neue Chefin der Bundeswehr. Die Christdemokratin, die in den vergangenen acht Jahren die Ministerien für Familie und Arbeit geführt hat, versucht erst gar nicht, Tiefenkenntnisse in ihrem neuen Metier vorzutäuschen.

Auch die deutsche Presse greift diesen zentralen Widerspruch auf. Doch von der Leyen wird auch großer Mut zugesagt. Und in einem sind sich alle Stimmen einig: Die Aufgabe, die auf die 55-Jährige wartet, ist gewaltig.

"Thüringische Landeszeitung", Weimar

Der Job ist nicht vergnügungssteuerpflichtig: Mutter der Kompanie ist Ursula von der Leyen jetzt. Und damit hat sie alles auf eine Karte gesetzt: Für den Job braucht es Helm und Schutzweste. Dabei droht vor allem das, was so gerne "friendly fire" genannt wird - also Schüsse aus den eigenen Linien. (...) Den Laden aufräumen, die Reform schaffen: Die Herausforderung ist groß. Warum sie sich das antut? Weil es ihre größte Chance ist. Verbunden mit dem größten Risiko.

"Reutlinger General-Anzeiger", Reutlingen

Was blieb, war das Verteidigungsministerium. Angela Merkel hat Thomas de Maizière aus der Schusslinie genommen und ihm wieder das Innenressort zurückgegeben, in dem er sich bewährt hatte. Nun muss von der Leyen in der Löwengrube überleben lernen. Das nötige Selbstvertrauen hat sie - schließlich wird ihr nachgesagt, die Kanzlerin beerben zu wollen. Genau das könnte aber auch der Grund sein, weshalb für sie schließlich nur das verminte Terrain übrig geblieben ist.

"Landeszeitung", Lüneburg

Koalitionsarithmetik ist so kompliziert, dass noch der faulste Kompromiss Chancen hat, als Überraschungscoup Freude auszulösen. Dass Ursula von der Leyen mit ihrer Erfahrung als Familien- und Arbeitsministerin die Bundeswehr besser in Stellung bringen kann bei der Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ist zu erwarten. Zentral ist dies aber nicht. Vielmehr gilt es einer Entfremdung entgegenzuwirken, die sich zwischen der Berufsarmee in unpopulären Auslandseinsätzen und der desinteressierten Zivilgesellschaft entwickelt. Es gilt, eine Sicherheitspolitik zu konzipieren, die Deutschlands gestiegenem Gewicht in der Welt gerecht wird. Und es gilt, die Transformation der Truppe trotz leerer Kassen zum Erfolg zu führen. Zu hohe Herausforderungen, um die Hardthöhe als Spielwiese zu benutzen.

"Eßlinger Zeitung", Eßlingen

Tatsächlich beweist von der Leyen Mut. Immerhin ist seit Helmut Schmidt vor 41 Jahren vom Posten des Verteidigungsministers aus niemand mehr so richtig in der Bundespolitik aufgestiegen. Demgegenüber steht eine Reihe von Rücktritten, zuletzt der von zu Guttenberg. Übersteht von der Leyen die kippelige Sprosse aber halbwegs unbeschadet, steht ihr praktisch alles offen. Als Frau auf dem Chefsessel im Bundeskanzleramt wäre sie jedenfalls kein Novum mehr.

"Pforzheimer Zeitung", Pforzheim

Es ist erstaunlich: Seit bekannt ist, dass Ursula von der Leyen Bundesverteidigungsministerin wird, spricht halb Deutschland davon, sie positioniere sich damit als kommende Kanzlerin. In der öffentlichen Wahrnehmung spielt es auch keine Rolle, dass Amtsnachfolger wie Manfred Wörner, Rudolf Scharping, Karl-Theodor zu Guttenberg und zuletzt Thomas de Maizière im Amt an Ansehen verloren - oder sogar gehen mussten. Es gibt übrigens noch eine andere Lesart zur möglichen Merkel-Nachfolge. Und die geht so: Merkel hat de Maizière aus der Schusslinie genommen und ihm wieder das Innenressort übergeben, um ihn als Kronprinz aufzubauen. Das ergibt genauso viel Sinn wie die von-der-Leyen-Festspiele. Oder genauso wenig.

"Lübecker Nachrichten", Lübeck

Von der Leyens Erfolg im neuen Amt wird nicht nur davon abhängen, ob sie frischen Wind in die Truppe bringt, sondern auch davon, dass sie loyale Berater und Militärexperten um sich scharen kann. Und vor allem davon, ob sie ein politisches Konzept für die Bundeswehr der Zukunft besitzt - und es auch umsetzt. Merkel mag von der Leyen das Himmelfahrtsministerium auch deshalb übertragen haben, um deren Ambitionen aufs Kanzleramt nicht in den Himmel schießen zu lassen. Im Misserfolgsfall würde die Kanzlerin die Ministerin aber ebenso schnell fallen lassen wie einst den großen Blender "KT" zu Guttenberg.

cjf/DPA DPA

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