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Renate Künast: "Vattenfall hat die Kontrolle verloren"

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Renate Künast, greift den Atomkraftwerkbetreiber Vattenfall scharf an und wirft ihm Desinformation und Lügen vor. "Das Unternehmen ist nicht geeignet, ein Atomkraftwerk zu führen", sagt Künast im Interview mit stern.de.

Frau Künast, angesichts der jüngsten Störfälle - hat Vattenfall seine Atomkraftwerke noch unter Kontrolle?

Es scheint so, dass Vattenfall weder Mitarbeiter noch Sicherheit unter Kontrolle hat. Und offenbar sind die Jungs von Vattenfall einfach nicht geeignet, ein Atomkraftwerk zu führen.

Was genau meinen Sie damit?

2001 gab es in Brunsbüttel eine Explosion. Doch Vattenfall weigert sich, eine vollständige Mängelliste für das AKW vorzulegen. Seit Jahren versucht das Unternehmen bei jedem Zwischenfall die wahren Dimensionen zu verschleiern. Diesen ständigen unseriösen Umgang mit der Risikotechnik Atomenergie muss man schon als krankhaftes Fehlverhalten bezeichnen.

Der deutsche Vattenfall-Chef Klaus Rauscher hat jetzt in einem Interview beteuert, für seine Firma gehe Sicherheit stets vor Wirtschaftlichkeit. Nehmen Sie ihm solche Aussagen ab?

Nein. Diese Aussage ist lächerlich. Ich glaube auch nicht, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung ihm das abnimmt. Alles deutet doch daraufhin, dass Vattenfall Sicherheit eben nicht über alles geht.

Welche Konsequenzen fordern Sie?

Vattenfall muss natürlich die Betriebserlaubnis entzogen werden. Ich frage mich sowieso, was genau das zuständige schleswig-holsteinische Ministerium überhaupt noch prüfen will. Nach dem Gesetz reicht es bereits, wenn Tatsachen vorliegen, aus denen sich Bedenken gegen die Zuverlässigkeit des Führungsstabs ergeben, um die Genehmigung für ein AKW zu entziehen. Es gibt mittlerweile eine große Menge von Tatsachen die diese Zweifel begründen.

Die da wären?

Ja. Es ist ja nicht so, dass die jüngsten Ereignisse einzelne Vorkommnisse waren. Seit Jahren gibt es in Krümmel und Brunsbüttel immer wieder Störfälle. Bis heute hat all das nicht dazu geführt, dass Vattenfall einen seriösen und sorgfältigen Umgang mit ihren AKW pflegt. Jede Desinformation und Lüge des Unternehmens sind symptomatisch für ihr Grundproblem, seriös und sorgfältig mit der Atomkraft umzugehen.

Sind Häufigkeit und Umgang mit Störfällen ein spezielles Vattenfall-Problem?

Seit Anfang der 1990er Jahre hat es in Deutschland rund 2000 Störfälle in AKW gegeben. Aber nach meiner Kenntnis gibt es keinen Betreiber, der eine solche Fülle an Problemen im Umgang mit seinen Atomkraftwerken hat wie Vattenfall.

Vattenfall-Chef Rauscher hat gesagt, er habe unterschätzt, dass sich auch die Öffentlichkeit ein Bild machen wolle...

...ein Hohn. Genauso wie die Ankündigung, die Firma wolle ab sofort über alle Vorkommnisse im Internet informieren. Transparenz ist wichtig und gut, aber das ist eine Nebelkerze. Das Problem ist doch: Otto Normalverbraucher hat keine Ahnung, wie man ein Atomkraftwerk betreibt. All die Informationen nützen nichts, weil nur Fachleute etwas damit anfangen können. Und regelmäßig über Schlampereien informiert zu werden, hilft ja nicht weiter. Die Schlampereien müssen aufhören.

Interview: Niels Kruse