Roland Koch Alphatier in der Achterbahn


Im Januar war Roland Kochs Karriere eigentlich schon erledigt. Doch mittlerweile mischt er wieder kräftig im hessischen Machtmonopoly der unklaren Mehrheiten mit. Sein politischer Überlebenswille ist enorm - ganz im Gegensatz zu dem seiner Parteikollegen. Eine Beobachtung.
Von Sebastian Christ

Ein Knattern. Langsam erhebt sich der Wagen auf einer Stahlrohrrampe in die Höhe, und allen Passagieren ist klar, dass es bald schon wieder rumpelnd bergab geht. Roland Koch hält sich lässig am Vordergestänge fest, der orangefarbene Pulli liegt wie festgenäht über seine Schultern. Zack! Linkskurve. Zack! Rechtskurve. Abwärts, aufwärts, seitwärts. Koch verzieht nicht einen Moment sein Gesicht. Die Jugendlichen vor ihm johlen, heben die Arme. Der Ministerpräsident schaut entspannt nach vorn, als sei Achterbahnfahren eine hessische Erfindung. Einige Momente später tänzelt er lässig über die Aluminiumstufen am Ausgang. "Ich fühle mich mittlerweile ganz cool auf solchen Dingern", sagt er. Das Alphatier aus Eschborn hat gesprochen.

Roland Koch macht auf seiner Sommerreise, die ihn derzeit durch Hessen führt, einen auffallend entspannten Eindruck. Er ist Ministerpräsident, immer noch, aber auch nicht mehr so richtig. Seit seiner Wahlniederlage im Januar führt er in seiner Amtsbezeichnung den Zusatz "geschäftsführend", weil CDU und FDP im Landtag keine Mehrheit mehr haben. Damit befindet er sich in einer viel bedrohlicheren politischen Lage als etwa sein Ministerpräsidentenkollege Christian Wulff, der im stern-Interview zugab, ihm fehle es an Machtwillen für die Bundespolitik. Vielleicht sollte Wulff mal in Wiesbaden durchklingeln. Koch könnte jederzeit von der linken Mehrheit im Landtag abgewählt werden. Weil sich aber die SPD nicht traut, ihre Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti in ein mögliches Abstimmungswaterloo zu schicken, macht der Christdemokrat weiter. Mit einer fast beängstigenden Ruhe.

"In mir steckt ein Kind"

Das Motto seiner Reise: "Alles Gute für unsere Kinder". An drei Tagen besucht er insgesamt zwölf Kinder- und Jungendenrichtungen, vom Vergnügungspark "Taunus-Wunderland" bis hin zur Freiwilligen Feuerwehr. Der Ausländerwahlkampf vom Januar, den mittlerweile selbst Parteikollegen intern als grandiosen Fehler bezeichnen, scheint da so weit entfernt wie Eintracht Frankfurt von der Champions League. Koch streichelt Kinder, redet mit Ärzten, Pflegern und Projektleitern. Ganz der Landesvater - gelegentlich auch mit Hang zu Humor. "In jedem Menschen steckt lebenslang ein Kind", sagt er. "Auch in mir."

Im Taunus-Wunderland lässt er den Märchenwald links liegen und stiefelt über einen Waldweg, der durch ein Drachentor führt, zielstrebig zur Westerbahn: Eine Kinderlokomotive mit kleinen Wagen, die durch eine Miniaturlandschaft mit Holzhäuschen tuckert. Die Fotografen beziehen Stellung an der Bestatterhütte, wo Sargmodelle vor der Tür stehen. Doch Kochs Wagen nimmt einen anderen Weg. Er redet mit einer Schülerin, die ihm gegenüber sitzt. Nur dem Saloon schenkt er einen kurzen Blick. Zu Mittag isst er eine kross gegrillte, rote Bratwurst.

Höherer NC wegen Abschaffung der Studiengebühren?

Wenig später in Frankfurt besucht er ein Eliteförderungs-Projekt der besonderen Art: Die Start Stiftung fördert Jugendliche mit Migrationshintergrund und stellt ihnen bis zum Abitur jährlich ein mehrere Tausend Euro starkes Stipendium zur Verfügung. Koch redet über das Zusammenspiel von Staat und privaten Organisationen. Doch zum ersten Mal wird er auch mit kritischen Fragen konfrontiert. Die Jugendlichen sprechen gezielt Missstände an: Was will er gegen den Selektionsdruck des dreigliedrigen Schulsystems unternehmen? Wie sollen die Bildungsnachteile von armen Familien überwunden werden? Und vor allem: Wie verhält er sich künftig in Sachen Studiengebühren? Das Bezahlstudium wurde vor wenigen Wochen endgültig im hessischen Landtag gekippt. Koch bleibt wieder einmal gelassen. "Ob sich das langfristig hält, ist eine andere Frage. Die Professoren haben sich gerade erst darauf eingestellt, dass Lehre auch ein Stück Dienstleistung ist. Das fällt jetzt weg", sagt er. "Kurzfristig können wir wahrscheinlich beobachten, dass der Numerus Clausus in vielen Fächern erhöht wird." Schärfe Zugangsvoraussetzungen wegen der Insellage Hessens als gebührenfreies Bundesland: Koch zählt auf das Frustpotenzial der Dreierabiturienten, die sich künftig vergeblich um einen Studienplatz in Marburg, Gießen oder Frankfurt bewerben. Den Machtpoker im politischen Chaos-Hessen spielt er geschickt wie kein anderer.

Dazu gehört auch, dass er weniger krawallig auftritt als früher. Er verwischt Grenzen und ist nach außen hin gelassener geworden. Einen kurzen Moment lang hatten die Fotografen im Taunus-Wunderland auch die Möglichkeit, die Wandlung im Bild festzuhalten. Kurz hinter dem Eingang geht er einen Weg hinab. Koch hört ein erstes Kameraklicken, dann plötzlich ganz viele. Der Ministerpräsident dreht sich um, sieht hinter sich ein Urzeit-Vieh aus Pappe und Plastik, mehrere Meter hoch, zähnefletschend. Horror-Echse oder ausgestorbener Dinosaurier? Vielleicht beides? Koch blickt in die Kameralinsen und lächelt.


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