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Rudolph Moshammer: Schrilles Leben, schäbiger Tod

Er beschwor das Edle und Gute und lieferte sich doch der Gosse aus: Der Mord an Rudolph Moshammer entlarvt die Scheinwelt des exzentrischen Müncher Modeschöpfers. Authentisch war nur sein Herz für die Obdachlosen.

Viel gibt es nicht, was die Nutzer der städtischen Straßenbahnen in München erschüttern könnte. Schon gar nicht die offiziellen Durchsagen. "Nächster Halt in ..." heißt es da stereotyp, allenfalls noch "Leit, lasst's Leit nei". Nach dem gewaltsamen Tod des Münchner Oberbekleiders Rudolph Moshammer, 64, aber wurden die Kunden am vergangenen Freitag hellhörig. "Liebe Münchner", knarzte es am Vormittag aus dem Lautsprecher der Linie 25 an der Haltestelle Robert-Koch-Straße in Grünwald, nur ein paar Schritte von der Doppelhaushälfte des "Modezaren" entfernt: "Falls ihr nicht wisst, warum da drüben so ein Gedränge ist: Das ganze Aufgebot gilt unserem Rudolph Moshammer. Der ist heute in der Früh ermordet worden."

Tout München war geschockt. Im Sekundentakt verlieh die A-, B- und C-Prominenz ihrer tiefen Bestürzung Ausdruck. "Ein Original mit ganz besonderer Persönlichkeit", dekretierte Ministerpräsident Edmund Stoiber. "Mei, der arme Rudolph", sagte Wolfgang Fierek. "Ich könnte heulen", jammerte Ingrid Steeger. Und selbst Udo Lindenberg würdigte den Verblichenen: "Er war ein schillerndes Unikum in einer immer anonymeren Gesellschaft." "Eine Art lebendes Neuschwanstein", präzisierte Ottfried Fischer.

Abends, beim Bayerischen Filmpreis, trug die BR-Moderatorin Uschi Dämmrich von Luttitz im stillen Gedenken an den teuren Toten ein rosa Kostümchen als Trauerkleid. "Mei, Uschi", habe der Mosi nämlich immer gesagt, "in Rosa schaust am schönsten aus." Allerdings hatte Uschi Dämmrich, kleiner Schönheitsfehler, den Fummel nicht vom Freund entwerfen lassen, sondern bei der Konkurrenz erworben. Mit Moshammer zeigte man sich. Aber gekauft wurde bei Versace und Co., denn als Modemacher war der Mosi längst aus der Mode.

Das war mal anders, früher, als die "Mama" noch an der Kasse saß, zierlich, mit blau eingefärbtem Haar, passend dazu getöntem Hund und halb so groß wie Rudolph, der "Bub". So an die 60 Angestellte stichelten damals oben im Atelier an schweren Jacken aus Brokat und an Überwürfen aus "handgezupftem Lamaschamhaar", wie das Lodenproletariat an der Isar juxte. Kein Schlips kostete unter 220 Mark. Von schräg gegenüber, dem Hotel Vier Jahreszeiten, eskortierten "echte Eunuchen", wie Mosi ermittelte, ganze Kolonnen von Haremsdamen in sein Boudoir zur Anprobe von Verschleierungen nach dem Dernier Cri. In der Kundenkartei fanden sich Friedrich Karl Flick, Roberto Blanco, Siegfried und Roy sowie Elisabeth Noelle-Neumann, einst Chefin des Instituts für Demoskopie in Allensbach, "Sphinx vom Bodensee".

Im "Carnaval de Venise", dem Ladengeschäft in Neorokoko an der Maximilianstraße, gibt es Mosis Krawatten inzwischen für unter 30 Euro. Im Salon waren zuletzt höchstens drei Angestellte gleichzeitig sichtbar, und der wohl berühmteste Kunde der letzten Jahre war der Leichenplastinierer Gunther von Hagens. Der hatte im Februar 2003 nächtens und heimlich im glitzrigen Entrée der Boutique eine seiner präparierten Leichen zu Werbezwecken fotografieren lassen, worin Mosi einen "Imageschaden in Millionenhöhe" sah. Mit dem Erwerb einer blutroten Samtjacke zum Schnäppchenpreis von 868,90 Euro wurde der Millionenschaden im Beisein von Hagens' Justitiar kompensiert. Mosi bekam zum Andenken ein Kristallglas mit einem eingelaserten Leichenteil und der Aufschrift: "Hautmensch".

Als Modemacher mochte Mosi

megaout sein. Als Vorturner der Münchner Bussi-Bussi-Gesellschaft hatte er sich längst nachhaltig etabliert. Und doch sah es zwischenzeitlich ganz so aus, als würde er vollends abstürzen. Gnadenlos war das Echo nach seinem missglückten Auftritt beim deutschen Grand-Prix-Schlagerwettbewerb.

"Komponist will Sänger verklagen: ,Er sang zu grauenhaft"", hieß es damals. Demütigender noch: "Daisy hätte besser gejault." Da rückte selbst die Schickeria leicht von ihrem gerupften Paradiesvogel ab. Schon fanden Events ohne ihn statt. Aber dann geschah das Wunder.

Plötzlich nämlich war Mosi wieder in. Die Jugend hatte den beleibten Mann entdeckt, mitsamt seinem gelackten Haar wie aus den Labors von Plaste und Elaste, den zwei offenbar mit Sekundenkleber fixierten Haarsträhnen an der Stirn und dem ständig züngelnden Miniterrier im Arm. Beim Oktoberfest jubelten sie ihm zu, als hätte er ihnen Freibier fürs Leben spendiert. Ein "cooler Typ", "crazy" irgendwie, und schräg. Wobei sich das Gerücht, wie weltmännisch er einen Trauerfall in der Familie bewältigte, als durchaus hilfreich für das neue Image erwies. Eine der angeblich vier diversen Daisys, die Mosi im Laufe der Jahre am Herzen trug, war nämlich bei einem wohltätigen Termin jäh verblichen. Worauf ihr Herrchen sie in seiner mobilen Hundehütte, einem Louis-Vuitton-Köfferchen, zur (vorletzten) Ruhe bettete und sie entzückten Charity-Ladys mit den Worten präsentierte: "Schaugn S', wie liab sie schläft."

Prompt buchten ihn Werbeagenturen als Imageträger für Versandhauskataloge, Mietwagen, Katzenfutter, Fast Food oder Kaffee. Ein weiterer lukrativer Vertrag, so sein langjähriger Münchner Anwalt Lutz Libbertz, stand "unmittelbar vor der Unterzeichnung". Es ging um eine Parfümserie für Hunde, "Daisy Nr. 5" oder so ähnlich. Auch die Mikrofone der Münchner Boulevardweltpresse waren wieder da. Und Mosi sprach über alles, was so anlag - auch über bezahlten Sex: "Das ist doch ganz entsetzlich, ist doch das. Man kann doch Liebe nicht kaufen. Die ist doch ein Geschenk."

Das war tagsüber. Nachts fuhr der Mann mit dem rabenschwarz gefärbten Haar, die Augen mit Kajal umschattet, in seinem schwarzen Rolls durch München, vorzugsweise in der Gegend rund um den Hauptbahnhof oder durch das Glockenbachviertel auf der Suche nach jungen Männern. Die mussten nicht unbedingt aus der Stricherszene kommen. Es gibt in München wohl ein paar Hundert Männer, die von Moshammer angesprochen worden sind. Immer war es das gleiche Ritual. Ob sie den Weg nach sowieso wüssten, ob sie ihm den Weg nicht zeigen könnten, ob sie einsteigen wollten. Lust hätten, mit ihm in seiner Wohnung Videos zu gucken, ob sie Geld bräuchten und schließlich, ob sie "Spaß haben möchten". Wollten sie keine Videos gucken und keinen Spaß haben, dann fuhr er einfach weiter.

Jeder aus Moshammers Bekanntenkreis

wusste von diesen nächtlichen Streifzügen, die er dennoch fast schon verzweifelt abstritt. Eine mehr als nur trostlose Situation für einen Mann, der im Licht der Scheinwerfer das Gute, Schöne, Edle beschwor und sich ein paar Stunden später dem Hohn, Spott und der Verachtung irgendwelcher Stricher preisgab. Warum er sich nicht zu seiner Homosexualität bekannte, nicht zu seinem langjährigen Freund Silvio Belli, für dessen Scheidung er angeblich der Grund war, ist rätselhaft. Er liebe Frauen, aber er sei zu beschäftigt, um eine Frau heiraten zu können: Das war seine Antwort auf entsprechende Fragen. Moshammer, so sieht es ein langjähriger Bekannter, hatte sich eine Scheinwelt aufgebaut, an die er irgendwann selbst glaubte. Hätte er in seinen besten Jahren, damals, als die Scheichs noch bei ihm Schlange standen, bekannt, homosexuell zu sein, wäre dies "das Ende seiner Karriere als Schneider himmlischer Kaftans gewesen".

Die ersten drei Männer, die er in der Nacht zum Freitag kontaktierte, hatten keine Lust. Hilfskoch Herisch A., 25, ein Asylbewerber aus dem Irak, war der vierte. Er stieg ein. Durch das Schlachthofviertel und Thalkirchen fuhr Moshammer mit ihm nach Grünwald. Dort, so die Polizei, nahm Moshammer "sexuelle Handlungen" an dem Hilfskoch vor, "wobei er bekleidet blieb, wie es seinen Praktiken entsprach". Danach schaute man miteinander im Fernsehzimmer ein paar dem Anlass entsprechende Videos. Als der junge Mann ein paar Stunden später die angeblich vereinbarten 2000 Euro haben wollte, gab es Streit um das Geld. Herisch A. nahm ein Elektrokabel, das auf dem Tisch lag, warf es Moshammer von hinten um den Hals und zog es mit aller Kraft zu. Anschließend durchsuchte er sein Opfer nach Geld und verließ das Haus, ohne die Tür hinter sich zu schließen.

Für München war der Mord wie ein Déjà-vu. 14 Jahre zuvor war der beliebte Volksschauspieler Walter Sedlmayr in seiner Schwabinger Wohnung mit einem Hammer erschlagen worden. Auch hier führten die ersten Spuren in das Strichermilieu Münchens. Auch damals erfuhr eine geschockte Öffentlichkeit, dass ihr Bilderbuch-Bayer ein Schattenleben geführt hatte.

Moshammers Mörder wurde

so schnell gefasst, weil Polizei, Gerichtsmedizin und Landeskriminalamt "wie ein gut eingespieltes Räderwerk" arbeiteten. Rund um die Uhr reichte die Münchner Spurensicherung, was immer sie an möglichen DNA-Spuren fand, an die Rechtsmediziner weiter. Die arbeiteten das Material auf und leiteten es an das LKA, wo es mit dem bundesweiten Datenbestand abgeglichen wurde. Dort war eine DNA-Probe des Irakers archiviert. Er hatte sie freiwillig abgegeben, als im Jahre 2004 gegen ihn wegen Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung ermittelt wurde. Weil das Opfer, eine 18-Jährige russische Schülerin, ihre Anzeige zurückzog, wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt. Die Probe blieb in der Kartei.

Als Herisch A. am Samstag gegen 22 Uhr seine Wohnung in München betrat, wartete dort bereits ein Spezialeinsatzkommando der Polizei auf ihn. Mikroskopisch kleine Hautpartikel, die am Elektrokabel gesichert worden waren, hatten ihn überführt (siehe Seite 108). Bei den ersten Vernehmungen gab der Iraker an, kein Stricher zu sein. Er habe Spielschulden gehabt, leide darunter, "dass ich mir im Leben nichts leisten kann". Vier Jahre zuvor war er aus Khanakin, nördlich von Bagdad, nach Norddeutschland gekommen, wo er einen Asylantrag stellte. Seit 2002 lebt er in München.

Während der Hilfskoch vernommen wurde, pilgerte München zu Mosis verwaistem Thronsaal in der Maximilianstraße 14. Der Teppich aus Rosen, Kränzen, Blumengestecken, Plüschtieren, Postkarten, Gedichten war inzwischen so groß geworden, dass Polizisten postiert wurden, um die Trauergemeinde zu ordnen. "Lady Di light", beschreibt ein Beamter die Lage, während zwei Rentnerinnen "letzte Grüße" deponieren. "Wieder ein Sonnenstrahl weniger in unserer Mitte. Lass es Dir gut gehen, da oben", schrieben "Joe, Gabi u. v. m". "An Daisy Moshammer mit tiefem Mitgefühl", steht auf der Schleife zu einem pinkfarbenen Gesteck, das ein "Eddy von Kalckreuth" abgelegt hat. Die Medien sind auch reichlich präsent. "Könnten Sie die Rose für unsere Kamera noch mal da hinlegen", bittet eine heftige Blondine mit Mikro einen jungen Mann. "Ich bitte Sie. Einmal reicht wohl", lehnt der entrüstet ab.

"Für uns war der Herr Moshammer ein Licht", sagt Günther Bauer, Geschäftsführer der Inneren Mission in München. Er spricht damit eine weitere Facette in Moshammers Leben an. "Diejenige, die bleiben wird", wie Bauer hofft.

Über Jahre hinweg habe der ehemalige Modezar Obdachlose unterstützt. Auch und am nachhaltigsten ohne Kameras und Mikros in Reichweite. Die teure professionelle Kaffeemaschine in der Teestube "Komm", einem Treffpunkt für obdachlose Männer, wurde von ihm finanziert. Manchmal kam er selbst in die Teestube, suchte das Gespräch mit den Männern, hörte zu, versprach zu helfen. Er unterstützte "Biss", die Zeitung für Menschen ohne festen Wohnsitz, warb für sie auf riesigen Plakaten und verkaufte sie selbst auf der Maximilianstraße.

Jeder Münchner Obdachlose kannte Mosi. Sein Vater, früher mal ein vermögender Versicherungsangestellter, begann zu trinken, wurde Alkoholiker, verlor seine Wohnung und starb auf der Straße. Ein Schicksal, das Rudolph Moshammer nie erleben wollte. Deshalb auch sein fürsorgliches Interesse an den Menschen am Rande der Gesellschaft, die ihm im Vorbeigehen dankbar Emily, die Kühlerfigur seines Rolls, polierten.

Mit direkten Geldspritzen war bei ihm allerdings "weniger zu rechnen", wie Bauer es formuliert. "Das lief meistens so, dass ein Anruf aus seinem Büro kam: ,Geht mal bei Karstadt vorbei. Da liegen für euch 50 winterfeste Schlafsäcke."" Die habe man dann geholt und über die Kleiderkammer verteilt.

Das größte Projekt Moshammers bleibt wahrscheinlich unerfüllt. Er hatte versprochen, ein Haus mit 40 Apartments für Obdachlose zu errichten. Der Inneren Mission gelang es nicht, in den vergangenen zwei Jahren ein dafür passendes Grundstück zu finden. Doch, so vermutet sein Anwalt Libbertz, "womöglich freuen sich die Obdachlosen ja noch". Ein Testament wurde allerdings bisher nicht gefunden. Und auch die finanziellen Verhältnisse des Mannes, der nach eigener Aussage "keinen Knopf annähen konnte", sind ungewiss. Der Laden in der Maximilianstraße ist gemietet. Es gibt Kredite, die zurückzuzahlen sind und die angeblich ein paar Millionen ausmachen. Es gibt allerdings auch Immobilien, und das ist in München ein Pfund.

Die Polizei hat vorerst

andere Probleme. Sie bittet die "deutschsprachige Bevölkerung in Deutschland, Österreich und der Schweiz dringendst" darum, von weiteren Anrufen bei der Grünwalder Inspektion oder im Münchner Präsidium abzusehen. Die Leitungen seien überlastet, die so wichtige, harte Arbeit für unsere Sicherheit behindert. Und all das, weil "alle Welt Daisy will".

Doch da ist wohl nichts mehr zu machen. Daisy, nun Vollwaise, ist und bleibt bei dem "Herrn Andreas", Mosis Chauffeur, und gewöhnt sich dort an ein Leben - diesseits von Chappi & Co. und jenseits vom Kaviar.

Mitarbeit: Ulrike von Bülow, Gerald Rissner, Annette Maria Rupprecht, Daniel Sander, Werner Schmitz, Hannelore Schütz

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