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Sahra Wagenknecht: Die unerwünschte Kommunistin

Hochgestecktes Haar, hochgeschlossene Kleidung, ernster Blick: Sahra Wagenknecht, die "schöne Kommunistin" der Linkspartei, könnte als Rosa-Luxemburg-Double auftreten. Eigentlich wollte sie sich nun zur stellvertretenden Parteivorsitzenden wählen lassen. Doch die Parteiführung wollte sie nicht. Ein stern.de-Interview.

Von Lutz Kinkel

Hummer! Immer noch geht es um Hummer. Sahra Wagenknecht, 38, Europaabgeordnete und Sprecherin der "Kommunistischen Plattform" der Linkspartei, wurde im Dezember 2007 in Brüssel bei einem Hummer-Essen fotografiert. Sie ließ die Kamera von ihrer Assistentin abholen und löschte eigenhändig die Bilder. Angeblich, weil sie sich auf den Fotos nicht gefallen habe. Mutmaßlich, weil eine Hummer-essende Kommunistin in Öffentlichkeit nicht sonderlich glaubwürdig ankommt.

Wie aus der Zeit gefallen

In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" konterte sie den Vorwurf mit dem Schlachtruf "Hummer für alle." Im kurzen Vorgespräch zum stern.de-Videointerview im "Café Einstein" spricht Wagenknecht von einer "Lappalie". Sie könne nicht verstehen, warum der Hummer so breiten Raum einnehme. Was die Frage aufwirft: Ist ihr das Affärchen immer noch peinlich, oder versteht sie die Mechanismen der Mediengesellschaft nicht?

Sahra Wagenknecht wirkt wie aus der Zeit gefallen. Ihr Äußeres - hochgesteckte Haare, hochgeschlossenes Kleid, ernster Blick - gemahnt an Rosa Luxemburg, die legendäre Arbeiterführerin, die 1919 ermordet wurde. Von Wagenknecht ist bekannt, dass sie als Jugendliche intensiv Goethe las, um sich mit 18 Jahren der Gesamtausgabe von Karl Marx und Friedrich Engels zu widmen. Kurz vor der Wende trat sie in die SED ein, mittlerweile repräsentiert sie das schrumpfende Häufchen Kommunisten in der Linkspartei. Vielleicht ist sie eine unzeitgemäße rote Bildungsbürgerin, die, von Marx geschult, in langen strategischen Linien denkt, in denen Hummer tatsächlich keine Rolle spielen. Vielleicht ist die Rosa-Luxemburg-Verkleidung aber auch kalkulierte Inszenierung, ein Selbstmarketing in der Mediengesellschaft. Vermutlich stimmt beides.

Lafontaine und Wagenknecht

Auf dem bevorstehenden Parteitag der Linken in Cottbus wollte Wagenknecht ursprünglich als stellvertretende Vorsitzende kandidieren. Doch die Führungsspitze, vor allem Lothar Bisky und Gregor Gysi, zwang sie, ihre Kandidatur fallen zu lassen. Eine Frau, die die Systemfrage stellt und auf Opposition beharrt, passt nicht mehr zur Strategie der Linkspartei. Oskar Lafontaine will das Saarland erobern, dort Ministerpräsident werden, auch in Thüringen wollen die Linken 2009 den Landeschef stellen. Das aber geht nur mit Hilfe der SPD - die Sahra Wagenknecht im stern.de-Interview als "neoliberal" klassifiziert. Sie will mit den Sozialdemokraten nicht paktieren, also will die Parteispitze der Linkspartei nicht mit ihr paktieren.

Welche Rolle spielte Lafontaine dabei? Es wurde immer wieder gemunkelt, er habe sie zur stellvertretenden Parteivorsitzenden promovieren wollen. In Hintergrundgesprächen sagten Parteifunktionäre das exakte Gegenteil - demnach grauste es Lafontaine vor einem Machtzuwachs der Kommunistin. Sahra Wagenknecht selbst hält sich bedeckt. Auch auf mehrfache Nachfrage will sie ihr Verhältnis zu Lafontaine nicht erläutern. Sie will nicht über Personen sprechen. Sondern über Inhalte. Natürlich.

Die Inhalte: Wagenknecht hält den bundesrepublikanischen Kapitalismus für Ausbeuterei. Sie sagt, die DDR sei das sozialere System gewesen. Wäre sie an der Regierung, würde sie Industrien verstaatlichen, darunter die Energieunternehmen. Eine staatlich gelenkte und strikt regulierte Wirtschaft scheint ihr bessere soziale Perspektiven zu versprechen als die soziale Marktwirtschaft. Sind ihre Vorstellungen noch im Rahmen des Gundgesetzes? Sahra Wagenknecht beteuert nicht nur, dass es so sei. Sie sagt, die Linkspartei sei die einzige verfassungstreue Partei, alle anderen würden das Sozialstaatsgebot mit Füßen treten. Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sieht das anders. Als er den Verfassungsschutzbericht vorstellte, sagte er, man müsse die Linkspartei auch künftig von Verfassungsschützern beobachten lassen. Ein Grund: Sahra Wagenknechts "Kommunistische Plattform".