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Schengen-Abkommen: Europäisches Tohuwabohu an der Grenze

An insgesamt 86 deutschen Grenzübergängen sind um Mitternacht die Passkontrollen weggefallen. Die Bewohner von Städten wie Frankfurt oder Zittau feierten, wie die Grenzwächter am Tor eines vereinten Europa arbeitslos wurden. Aus Frankfurt (Oder) und Zittau berichtet Sebastian Wieschowski

Hunderte Zittauer wollen direkt an der Grenze mitfeiern, wenn die polnische und tschechische Nachbarschaft näher an Deutschland heranrückt. Schlagbäume sollen fallen, Grenzkontrollen aufgegeben werden. Doch bevor sich die Menschen über die neue Freizügigkeit an der Oder freuen dürfen, müssen sie vor einem Maschendrahtzaun ausharren. Dicht drängen sie sich an den engmaschigen Zaun, der den Grenzübergang an der Friedensstraße sichern soll. Denn am großen Feiertag wurde die Grenze für normale Bürger erstmal dicht gemacht, das Volk in die zweite Reihe gestellt.

Zu den wenigen, die in Zittau gegen 9 Uhr die Erweiterung des Schengen-Raumes hautnah erleben dürfen, gehören Bundeskanzlerin Angela Merkel und Gäste aus dem Ausland. Zwei prominente Portugiesen gehen äußerst unterschiedlich mit dem eisig strengen sächsischen Winter um: EU-Kommissionspräsident Barroso hustet sich immer wieder in die Faust und drückt seinen schweren Wintermantel an den Körper, der portugiesische Ministerpräsident und EU-Ratspräsident José Sócrates hat dagegen ganz auf eine Jacke verzichtet und stellt sich tapfer mit Sakko in die Kälte.

Verkehrsschild für Barroso

Im Hintergrund dudelt eine Bundespolizeikapelle die Europahymne herunter, Schulkinder wurden mit Europaschals in die erste Reihe der Wartenden gestellt. Alles soll nach einem großen Festtag aussehen, doch viel mehr als grenzstädtische Normalität haben die Zittauer Zaungäste nicht zu bieten. Kein Wunder, denn anderswo sind die Grenzkontrollen bereits seit Mitternacht abgeschafft. Deshalb verteilt Angela Merkel warme Worte, begrüßt die wartende Menge mit einem schwerfälligen "Guten Morgen erstmal", spricht von europäischer Normalität. Dann folgt das obligatorische Gruppenfoto. Gemeinsam wollen Merkel und ihre Gäste den Schlagbaum anheben - doch die Kraft reicht nicht, ein letztes Mal brauchen sie die Hilfe des Grenzpolizisten, der die weiß-rote Blechschranke hochfährt. Sachsens Ministerpräsident Milbradt überreicht Barroso noch ein Grenz-Verkehrsschild, dann ist die Zeremonie vorbei. Polen und Tschechien sind ganz nah an ihren deutschen Nachbarn heran gerückt, doch Feierstimmung sieht anders aus.

Party in Frankfurt

Die europäische Megaparty fand einige hundert Kilometer nördlich um Mitternacht statt: Auf der Stadtbrücke zwischen Frankfurt an der Oder und Słubice begrüßten mehrere tausend Frankfurter ihre polnischen Nachbarn im gemeinsamen Schengen-Raum, sie stießen mit Bier und Wodka an, hoben deutsche und polnische Fahnen in die Luft und lagen sich singend in den Armen - Szenen, die an den Fall der Berliner Mauer erinnerten.

Es herrschte ein europäisches Tohuwabohu mit deutsch-polnischen Wortfetzen, das ohne viel Pathos auskam: Zwar hatten sich auch in Frankfurt ein paar lokale Würdenträger versammelt, um einen Grenzbaum zu beseitigen, allerdings mit etwas mehr Phantasie. Die weiß-rote Stange wurde kurzerhand abgeschraubt, kurz darauf schossen Feuerwerkskörper in den Himmel. Mittendrin im Partygetümmel: Frankfurts Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU) und Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU), die sich zuvor in das letzte Auto gesetzt hatten, das deutsche und polnische Beamte kurz vor Mitternacht an der Stadtbrücke kontrollierten. "Heute ist Europa vollendet", schwärmte Junghanns, eingehüllt in den Rauch des Feuerwerks, am Übergang auf der Stadtbrücke.

Auch die Polizisten, die ihren Dienst an der Grenze nun aufgeben müssen, feierten mit: "Ich sehe das alles mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Es ist ein historischer Moment, der mich schon sehr berührt. Aber ich freue mich auf neue Aufgaben", sagte der Bundespolizist Andre Wehlendorf. Er und seine Kollegen patrouillieren ab sofort gemeinsam mit polnischen Kollegen im Umkreis von 30 Kilometern um die Grenze.

Zuvor haben sich Grenzer und Frankfurter Bürger gemeinsam auf den großen Tag eingestimmt. Viele seien ein letztes Mal am Übergang vorbeigekommen, berichtet Wehlendorf, außerdem hätten einige Passanten den Abbau der Kontrollhäuschen und Grenzschilder sehr interessiert beobachtet. Von Angst vor mehr Kriminalität sei am Abend nichts zu spüren gewesen, meint der Bundespolizist. Im Gegenteil - die einzigen Demonstranten, die in der Nacht in Frankfurt aufliefen, wollen dass Polen noch näher an Deutschland heranrückt: "Hier soll ein Bus fahren" stand auf ihren Plakat, darunter: "Für eine grenzüberschreitende Buslinie."