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Schnauze, Wessi!: Mein Auto, das verwöhnte Boxenluder

Trabis haben zwar geknattert und gestunken, aber wenigstens nicht gesprochen. Heute verhandeln altkluge Autos sogar die Preise mit der Werkstatt selbst. Eine Durchsicht.

Von Holger Witzel

Unser Auto stammt aus Stuttgart, ist schon über zehn Jahre alt und trägt einen spanischen Mädchennamen, den ich mal lieber mit M. abkürze. Er klingt ohnehin temperamentvoller als ihr Dieselmotor. Außerdem soll das hier weder Werbung sein, noch die letzten Anzeigenkunden vergraulen. Vermutlich hat M. - neben ihrem Anspruch auf genderkorrekte Personalpronomen - sogar so etwas wie Persönlichkeitsrechte, denn sie kommuniziert mit uns. Jedenfalls bettelte sie schon seit mehreren hundert Kilometern um eine Inspektion. "Service E" leuchtete in ihrem "Kombi-Instrument", wobei sie Wert darauf legt, eine Limousine zu sein. Aber weil sie gerade frisch adoptiert ist, lieblos abgeschoben übrigens unter der Rubrik "Gebrauchte", sollte sie ihren Willen haben.

Es war das erste und - so viel kann ich verraten - auch das letzte Mal, dass ich ohne Not die Leipziger Niederlassung ihrer Verwandten aufsuchte. Dort riecht es nach neuen Reifen. Es sieht eher aus wie in einer Bank und diese wird selbstredend von Westdeutschen geleitet, was aber nach 23 Jahren sicher nur noch daran liegt, dass die sich auch auf gesellschaftlichem Parkett zu bewegen wissen, auf dem Leipziger Autohaus-Chefs aus Mangel an echter Prominenz gern gesehen sind. Arglos fragte ich an einem Service-Tresen nach den Kosten für eine Durchsicht, beziehungsweise "Service E". Doch so einfach ist das nicht.

Ms Geheimsprache

Entweder fragt man hier nicht nach Preisen - oder M. ist schon zu alt. Ihre jüngeren Geschwister, so wurde mir erklärt, kennen nur noch "Assyst A, B oder Assyst B plus". Mit "Service E" schien M. autodemografisch kurz vor dem Schrottplatz zu stehen. Aber ich sollte mir keine Sorgen machen - das Auto werde dem Meister schon verraten, was es braucht.

Offenbar bespricht M. doch nicht alles mit uns. "Sie - also es", hakte ich nach, "bestimmt das selbst?" Die junge Frau lachte gequält: "Ja, so ungefähr. Über Werkstattcodes und Intervalle." Genau könne man das allerdings erst mit "Assyst" auf einem Computer auslesen.

Ehrlich gesagt - und so ehrlich sage ich das auch - möchte ich aber nicht, dass M. mit einem von M. programmierten Computer in einer geheimen M.-Sprache bespricht, was M.-Mitarbeiter mit ihr machen. Weil ich dafür bezahle, wäre mir eine Zahl lieber, am liebsten auf Deutsch, zur Not auch in Euro. Wenn nichts weiter sei, hieß es nach einigem Hin und Her, wären für einen großen Service etwa 500 Euro fällig. Da seien dann aber schon alle Flüssigkeiten und Filter dabei. Ich schluckte trotzdem.

Ein Wellness-Tag. Für das Auto.

Bitte nicht falsch verstehen: Wir gönnen M. diesen Wellnesstag. Es geht um ihre Sicherheit, damit auch um unsere, nicht zuletzt um den Stempel im Serviceheft – was man sich von Heilpraktikern in Latzhosen eben so einreden lässt, selbst "wenn nichts weiter ist". Dennoch ermahnte ich M. noch mal eindringlich: Sie soll sich bloß zusammenreißen! Keine Extra-Wünsche! Aber sie blinkte nur aufgeregt, als sie mit ihrem persönlichen Meister in der Assyst-Dolmetscher-Kabine verschwand.

Ich sollte in der Zwischenzeit einen Kaffee trinken, Milch und Zucker alles gratis. Und so weiß ich leider nicht, ob es tatsächlich M. war, die sich "Assyst Plus 001181" wünschte – den "großen Wartungsumfang" mit etlichen "Zusatz"-Codes. Jedenfalls hatte man sich mit ihr auf einen Komplettpreis von 842 Euro geeinigt. Mir wurde die Differenz mit dem extra Aufwand für Autos "mit SBC" erklärt - oder was M. sonst noch an elektrohydraulischem Klimbim mit sich rumschleppt und bisher verschwiegen hat. Ich zögerte kurz mit der Unterschrift, aber der Meister schaute mich an, als hätte er darauf auch keinen Einfluss: Der Computer, die Intervalle, M. und ihre Ansprüche. So ein verwöhntes Boxenluder!

Gummizeugs. Für 86 Euro.

Den ganzen Tag ließ sie sich ihre Ventile schmieren, "Keilrippenriemen" massieren und andere Frivolitäten gefallen. "Prüfen, Erneuern, Durchführen" stand später lapidar auf der Rechnung. Zwischendurch rief der Meister noch mal an, weil er Wasser in den Blinkern entdeckt hatte: Ob "wir" die für je 90 Euro nicht tauschen sollen? Zudem sei etwas Plastik am Gurtschloss gerissen, die Bremsen in 8000 Kilometern fällig ...

"Was sagt denn M. dazu?" fragte ich. Ihre Kontrolllampe für die Bremsen leuchte zwar noch nicht, gab der Meister zu - und so genau könne man die Restkilometer auch nicht bestimmen. Sicher aber hätte M. nichts dagegen, wenn "wir" das für 500 Euro auch noch gleich ...

"Nein", sagte ich schroff und ließ mich von meinem schlechten Gewissen dafür sofort zu neuen Scheibenwischern überreden. Wer ahnt auch, dass die hier 86 Euro kosten - ein paar Wischerblätter aus Gummi! Vermutlich nicht mal M., die zu aller Verschwendungssucht auch noch ein bisschen blöd sein muss, genau wie ich. Immerhin haben wir beide nicht gemerkt, dass sie auf dem rechten Scheinwerfer etwas schielte. Angeblich ergab das der "kostenlose Lichttest", dem weder sie noch ich widersprechen konnte, weil nie die Rede davon war. Dem TÜV-Mann vor wenigen Wochen muss es auch entgangen sein. Egal, sind ja nur "2 AW" für 18,20 netto, am Ende insgesamt 949,69 Euro. Wahrscheinlich hat der Niederlassungsleiter oder jemand aus dem Vorstand in Stuttgart persönlich Hand angelegt.

Der Stalker aus der Werkstatt

M. strahlt jedenfalls, als ich sie abhole. Ob es wenigstens schön war, frage ich gereizt und deute ihr Schweigen auch ein wenig als Scham für das übertriebene Gejammer vorher. Das "Wasser" in den Blinkern ist nur ein wenig Kondensat - vielleicht sogar von der oberflächlichen Wäsche zum Schluss?! Und was soll das bitte heißen, lese ich M. an der ersten Ampel aus der Rechnung vor: "Laufräder ab- und anmontieren"? Bezahle ich etwa einen Schuster, damit er mir meine Schuhe an- und auszieht?! Die beschädigte Gurtschnalle finde ich gar nicht und will gerade weiter schimpfen, da piept M. schon wieder altklug, ich solle mich gefälligst anschnallen. Penetrant, bevormundend: Typisch Besserwessi!

Drei Wochen später ruft die Niederlassung noch mal an, ob wir mit dem Werkstattbesuch zufrieden waren. Ich druckse ein wenig herum - zumal ich gerade im Auto sitze. Womöglich hört M. mit und lässt mich bei einem falschen Wort mitten in Hessen im Stich. Danach lege ich schnell auf und lösche die Nummer aus der Freisprechanlage, damit M. nicht heimlich zurückruft, wenn sie sich auf dem nächsten Parkplatz unbeobachtet fühlt. Und genau einen Tag später - keine 1000 Kilometer nach dem Werkstatttermin - geht die Meckerei schon wieder los. "Kühlmittel", steht im Display - "Werkstatt aufsuchen!" Es klingt nicht wie eine Bitte.

M. schweigt. Endlich.

Vorsichtshalber halte ich trotzdem an und krame die Rechnung erneut raus. Öl, Bremsflüssigkeit und allerlei Filter stehen darauf - jeder Posten als "Zusatz-Service" extra aufgeführt, sogar das Scheibenwaschmittel. Aber Kühlmittel - der simple Kühlerstand, wie man früher sagte - gehört offenbar nicht zum "großen Wartungsumfang Assyst plus". Wütend lasse ich den Motor wieder an und denke still: "Schnauze!" Ich habe es diesmal wirklich nicht laut gesagt, aber seitdem redet M. tatsächlich kein Wort mehr mit uns. Womöglich kann sie sogar Gedanken lesen? Ist mir aber inzwischen auch egal. Solange die Kühlmittel-Warnung weiter aus bleibt.

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