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Schnauze, Wessi!: Und Ballack fehlt eben doch

Das Sparwasser-Tor von 1974 tröstet kaum noch über den Zustand des ostdeutschen Fußballs hinweg. Wenigstens sieht man in Brasilien, wie sehr ein Michael Ballack fehlt.

Ein Einwurf von Holger Witzel

Miachel Ballack: ein Plattenbaukicker aus Karl-Marx-Stadt, durch Talent dem Reservat entkommen, das Wounded Knee des Ostfußballs.

Miachel Ballack: ein Plattenbaukicker aus Karl-Marx-Stadt, durch Talent dem Reservat entkommen, das Wounded Knee des Ostfußballs.

Entschuldige, Micha, ich bin etwas spät dran. Aber es sollte auch kein Nachruf zu deinem Rücktritt sein - eher eine Art Rückruf, bevor die Kollegen anrufen und fragen: "Was macht eigentlich... ?" Selbst wenn sie dich jetzt - kurz vor dem Aus im Achtelfinale - wieder einwechseln wollen: Hüte dich vor dieser Rubrik! Frag mal Sparwasser, Heinz Schenk oder - vor zwei Wochen - David Odonkor!

Jedenfalls Glückwunsch noch mal, dass du diesen verlogenen Mist hinter dir hast! Dass deine Unterschrift nicht mehr für 9,99 Euro auf Wühltisch-Bällen verramscht wird und Popelesser dein Laufpensum bestimmen. Was soll die Lobhudelei für diesen Abstauber mit deiner 13 auf dem Rücken? Zu elft gegen zehn schwache Portugiesen, ein lahmes Unentschieden gegen Ghana. Also, gräm Dich nicht, vor allem nicht mit Nivea Sie haben ja nicht mal mehr einen richtigen Kapitän.

Am Ende geht es immer um Geld

Zu deinem Abschied vor einem Jahr sorgten ihre Krokodilstränen noch für ein rund um das Leipziger Zentralstadion. Sie wollten einen "würdigen Abschied"; du wolltest keine "Farce". Statt eines läppischen Freundschaftsspiels mit dem DFB hast Du selbst Tag und Wiese bestimmt. Was sie "falschen Stolz" nannten, war echter. Leider erkennen das Menschen nicht, die gar keinen haben. Und weil ich weiß, dass auch das ein paar von ihnen aufregt, schreib ich es gleich noch dreimal: Zentralstadion. Zentralstadion. Zentralstadion!

Löw nach einzuladen hatte Größe. Sicher war es auch Augenmaß, dass Lahm nicht bei "Ballack & Friends" spielen durfte. Aber in der "Weltauswahl"? Hätte es nicht auch ein Job als Einlaufkind getan? Egal, deine Sache. Dass sie dich in Interviews alle noch mal als "Lichtgestalt" priesen und nicht eher in den Urlaub konnten, war Strafe genug.

"Ab in den Urlaub" habe ich bei aller Verehrung übrigens nie verstanden. Nur weil dort offenbar auch mal ein paar Ostler im großen Stil Westler veralbern? Aber ich will ganz still sein. Würde und Glaubwürde sind auch als Lohnschreiber zwei verschiedene Dinge. Am Ende - wem sage ich das? - geht es immer um Geld. Deshalb hat das Leipziger Zentralstadion einen neuen Namen, den ich nicht ausspreche. Deshalb steigt in der Stadt des ersten Deutschen Meisters nun ein ferngesteuerter Marketing-Verein auf, der seinen richtigen Namen nicht mal selber nennen darf. Deshalb gibt es praktisch keinen erstklassigen Rasenball-Sport im Osten mehr. Außer vielleicht in der dritten Halbzeit.

Die Passion des Jürgen Sparwasser

Vor ziemlich genau 40 Jahren sorgte Jürgen Sparwasser in Hamburg für die einzige innerdeutsche Bilanz, die auch im Nachhinein niemand fälschen kann. Seitdem steht es für immer 1:0, denn es blieb bei diesem einen direkten Vergleich der beiden A-Nationalmannschaften. Ich erinnere mich noch, wie die Erwachsenen hin- und hergerissen waren, ob sie auf die DDR oder Deutschland halten sollten - bis Sparwasser die westdeutsche Abwehr so alt aussehen ließ, dass der Fifa ein gewisser Beckenbauer bis heute nicht geheuer ist.

Tatsächlich liegt der Verdacht nahe, dass auch damals alles abgekartet war: Als Gruppensieger der Vorrunde hatte es die naive DDR danach mit Brasilien, Argentinien und den Niederlanden zu tun, während der spätere Weltmeister gegen Jugoslawien, Schweden und Polen ins Finale spazierte. Wer konnte auch schon 1974 ahnen, dass Westdeutsche so schamlos berechnend sind und lieber eine sportpolitische Schmach einstecken, nur um der Todesgruppe zu entgehen? sicher nicht.

Alles für das Kollektiv

1988 blieb der ehemalige SED-Genosse nach einem Freundschaftsspiel im Westen. Und wie hat man ihm dort WM-Titel und Republikflucht gedankt? Vor ein paar Jahren habe ich ihn auf den kanarischen Inseln gesehen, wie er sich als Ferientrainer für verwöhnte Westkinder etwas zur Rente oder vielleicht auch nur ein paar Wochen Wintersonne verdiente.

Und du, Michael? Hat dir der Westen sonst Glück gebracht? Ich meine privat, gesundheitlich, was wirklich bleibt? Mal warst du der Retter, der seine Mannschaft bei der EM 2008 mit dem Tor des Jahres ins Achtelfinale ballerte. Dann wieder der Watschenmann, der sich von einem Rotzlöffel aus Köln ohrfeigen lassen musste. Schwätzer wie Netzer analysierten 2003 gar, dass einer wie du nie "Führungsspieler" oder "Genie" sein könne, weil er in einer Gesellschaft aufgewachsen sei, "in der vor allem das Kollektiv zählte".

Kurz zuvor hattest du mit drei Toren gegen die Ukraine praktisch im Alleingang das Ticket zur WM 2002 bezahlt. Und wer schoss dort die wichtigsten Tore gegen die USA und Südkorea? Wer opferte sich - wohl wissend, dass die zweite gelbe Karte zur Sperre im Endspiel führt - mit einem taktischen Foul im Halbfinale? Du weißt es, wir auch. Aber dort, wo das Kollektiv weniger zählt, hatte man es schnell vergessen.

Micha, du fehlst eben doch

Auf einmal mäkelten sie, der "Capitano" - woher stammte eigentlich dieser alberne Spitzname? - zeige zu viel Führung, bis dir ein Westberliner Rüpel den Fuß kaputttrat - und Löw und Lahm in deinen Hintern. Du hättest schon viel eher mal " , Wessi!" oder "Arsch lecken" sagen sollen, aber wer weiß: Womöglich nehmen das solche Leute noch wörtlich. Denn nun fehlst du eben doch! Schließlich kann Toni Kroos aus Greifswald, der Letzte deines Stammes - und zuletzt der Einzige mit Spielideen in der Mannschaft -, nicht alles alleine machen.

Du warst noch ein echter Spartakiade-Krieger. Ein Plattenbaukicker aus Karl-Marx-Stadt, durch Talent dem Reservat entkommen, das Wounded Knee des Ostfußballs. Dass du dennoch mit geradem Rücken vom Platz gingst, werden sie dir nie verzeihen. So wie sie Dynamo Dresden wegen ein paar Böllern vom Pokal ausschließen, aber Düsseldorf nach einem Platzsturm der Fans aufsteigen lassen. Mit Cottbus und Dresden in der dritten Liga ist die deutsche Einheit nun auch im Fußball fast vollendet. Wie das Land waren die Vereine seit 1990 Selbstbedienungsläden - nicht nur für Talentjäger aus Leverkusen oder Bayern, sondern auch für geltungssüchtige Westdeutsche, die für kleines Geld mal Präsident spielen wollten und dann mit den letzten Einnahmen wieder verschwanden.

Den Bullshit beim Namen nennen

Und deshalb schreibe ich dir, Michael: Du könntest jetzt deine Altersteilzeit genießen, Kahn aus dem ZDF-Kommentar-Tor schubsen oder gleich Löw ablösen. Aber du könntest auch einfach nach Hause kommen! Stell dir mal vor: Keine Schinderei, kaum Verletzungen – und trotzdem lauter Leute, die dich lieben! Mit einem wie dir könnte dein alter Club in Chemnitz die 3. Liga dominieren, du könntest dich mit Union am Westen rächen - zur Not auch bei Dynamo oder sogar als Red-Bull-Söldner, falls Du noch etwas Taschengeld brauchst.

Jetzt habe ich den Bullshit doch beim Namen genannt. Beinahe wäre ich auch auf die sauber eingefädelte Imagekampagne mit dem angeblichen Lizenzstreit um RB Leipzig hereingefallen: Was bei Motor Wolfsburg, Chemie Leverkusen oder Robotron Hoffenheim nie ein Problem war, sollte bei den Emporkömmlingen aus dem Osten plötzlich eins sein? Das hat den Salzburgen in Leipzig und Umgebung mehr Sympathien gebracht als jede andere Marketingaktion. Meine nicht.

Ein Lokruf

Fußball hat - wie Charakter - mit frühkindlichen Prägungen zu tun. Die lassen sich nicht einfach abschütteln. Und wenn mich dieses Bekenntnis auch ein paar Leser kostet: Mir persönlich wäre der 1. FC Lokomotive Leipzig am liebsten . Der Verein hat ein Imageproblem, ich weiß, Hooligans und so. Aber wenn man schon auf dem Platz keine Rolle mehr spielt, muss man doch wenigstens auswärts für Angst und Schrecken sorgen. Am besten - mit deiner Hilfe, Micha - auch irgendwann wieder im Westen. Vielleicht würde der stern ja sogar als Trikot-Sponsor einsteigen. "Mut gegen rechte Gewalt" - das könnte ich mir gut vorstellen bei Lok auf der Brust. Sag Bescheid, Micha! Komm heeme! Ich sag es dann weiter.

P.S. Wusstest Du, dass Lok Leipzig allein 1300 Euro monatlich zahlt, um sein eigenes blau-gelbes Ost-Logo zu nutzen? Die Rechte für Wort- und Bildmarken liegen, du ahnst es, bei einem Geschäftsmann aus Karlsruhe.