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Schnauze, Wessi!: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht

Angeblich ist der "gesellschaftliche Zusammenhalt" im Westen größer als im Osten. Wie beruhigend für alle, die dort vor allem ihr Kapital zusammenhalten. Eine Studie über eine Studie.

Von Holger Witzel

Ein Ballon von Coca-Cola fliegt beim Fest zum Tag der Deutschen Einheit am 03.10.2013 am Brandenburger Tor. Noch Fragen?

Ein Ballon von Coca-Cola fliegt beim Fest zum Tag der Deutschen Einheit am 03.10.2013 am Brandenburger Tor. Noch Fragen?

Ein selbstzufriedenes Raunen ging durch Westdeutschland, als die Bertelsmann Stiftung vor ein paar Tagen eine neue Studie veröffentlichte. Demnach ist das, was man dort für "gesellschaftlichen Zusammenhalt" hält, doch größer als befürchtet. Tugenden wie "Hilfsbereitschaft" oder "Gerechtigkeitsempfinden" seien im kalten Ellbogen-Westen sogar ausgeprägter als im solidarischen Kuschel-Osten. Scheinbar waren all diese Klischees immer nur Klischees: "Ossis", so feierten das Schlagzeilen und Kommentare knapp 25 Jahre nach der deutschen-deutschen Vereinheitlichung, seien in Wahrheit viel schlimmere "Wessis".

Erst dachte ich: Komm, lass ihnen die kleine Freude, du musst nicht wie sie selbst zu jeden Mist etwas sagen - gib Westdeutschen eine Chance! Dann aber habe ich mir das Zauberwerk mit dem offiziellen Titel "Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt" doch noch mal näher angesehen und muss sagen: Respekt! Ich bin begeistert, ja - gerührt. Wie zu DDR-Zeiten findet man darin schlichteste Parolen der Sorte: "Je mehr Zusammenhalt, desto besser." Ganz offen ist von "Sozialkapital" die Rede. Nicht zuletzt dient es auch dem sozialen Frieden im Land, wenn sogar Wissenschaftler "insgesamt festhalten, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt nicht von einer abstrakten Einkommensungleichheit gefährdet ist".

Daten, geschüttelt und gerührt

Für solche und andere Aussagen wurde zwar kein einziger Deutscher extra befragt. Umso ermutigender ist, was sie trotzdem zu sagen hatten -beziehungsweise der Mut, nicht gegebene Antworten auf nicht gestellte Fragen zu einer sogenannten "Sekundärdatenanalyse" zu verdichten. Man kehrte dafür einfach ein paar alte Erhebungen und Statistiken zusammen, oft mit ganz anderen Forschungszielen. Diese Daten wurden dann so lange geschüttelt und gerührt oder - wie es die Sozialforscher aus und Gütersloh nennen - "gepoolt, gemittelt und standardisiert", bis sie einen "Gesamtindex" für ihren "Zusammenhalt" hatten.

"Dieses Vorgehen", heißt es zu den "Messmethoden" der Studie, "setzt sich aus einer streng mathematisch­statistischen Perspektive über das Unabhängigkeitsgebot hinweg." Die Autoren geben außerdem zu, "dass gesellschaftlicher Zusammenhalt häufig ein äußerst vager Begriff bleibt." Um der guten Sache willen haben sie es trotzdem mal versucht und entsprechende "Indikatoren" nach Gutdünken ausgewählt, selbstredend mit Betonung auf gut. Bei Lücken wurden fehlende oder zu schwache Daten "aussortiert" oder durch "andere, verfügbare" ersetzt. Zur Not ließ man "eine niedrigere Mindestanforderung" gelten, so dass in manchen Bundesländern Angaben von "zehn Personen" reichen mussten.

Jeder nach seinen Möglichkeiten!

Die Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED hätte den Zusammenhalt in der kaum exakter ermitteln können. Auf ähnlichen Rechenwegen erfüllten sich damals Pläne wie von selbst über, waren 120 Prozent mit der führenden Rolle der Partei zufrieden... Genau darauf kommt es eben manchmal an: Zusammenhalten, nicht immer alles auseinander dividieren. Jeder nach seinen Möglichkeiten! Oder wie man heute im Westen sagt: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.

So dachten wohl leider auch die Mitarbeiter des Bertelsmann-Programms "Lebendige Werte" eher an Indikatoren, die Ostdeutschen aufgrund lebendiger Erfahrung der letzten 25 Jahre nicht besonders lagen. Für den Komplex "Belastbare sozialen Beziehungen" etwa wurde "Vertrauen in Mitmenschen" und die "Akzeptanz von Diversität" - also der Umgang mit Schwulen, Ausländern oder Westdeutschen -"gemessen". Davon abgesehen, dass Ostdeutsche selbst bei nicht geführten Telefon-Umfragen lügen, weil die potentiellen Anrufer ja von der Stasi oder der NSA sein könnten: Woher sollen sie ihr "Vertrauen in Mitmenschen" nehmen, seit sie Versicherungs- und Volksvertreter aus dem Westen kennen? In Köln mag es leicht sein, RTL oder Narren zu akzeptieren. Sie gehören ja schon immer dazu. Wie aber sollen Magdeburger den Umgang mit Diversität üben, wenn die einzigen Ausländer ihre westdeutschen Chefs sind?

Die Krux mit dem Spenden

"Vertrauen" war auch in "gesellschaftliche und politische Institutionen" gefragt - mit anderen Worten: Um die führende Rolle des Kapitals und seiner Parteien. Es mag skurril wirken, aber 61 Prozent der Hamburger empfinden die "Verteilung der Güter in der Gesellschaft" trotzdem "als gerecht". In Sachsen-Anhalt nur 22 Prozent - aber schließlich wurde ihr Volkseigentum ja nicht mal unter allen Westdeutschen gerecht verteilt.

Offenbar fällt es den Ureinwohnern der Kolonien traditionell schwerer, eine "positiv emotionale Verbundenheit mit dem Gemeinwesen" zu entwickeln. Das war mit der offiziellen DDR nicht anders. Allerdings wurde damals höchstens die "antiimperialistische Solidarität" an Spenden gemessen. Auf Almosen im Land - außer vielleicht ein paar Westpakete - war niemand angewiesen, weil alle gleich wenig hatten und im Zweifel Winterreifen gegen Ketchup tauschten. Die Studie dagegen misst "Hilfsbereitschaft" vor allem an steuermindernden Mildtätigkeiten. Und das ist selbst mit zwei 400-Euro-Jobs pro Familie nicht so einfach.

Poltitik und Schlägerein

Wenigstens schnitten die Ostländer bei der "Anerkennung sozialer Regeln" ganz gut ab. Aber auch kein Wunder: Wurde dieser "Teilindex" doch an Statistiken zu Diebstahl und Unterschlagung abgelesen. Insgesamt scheint sich der im Westen bei der "Gemeinwohlorientierung" eher am Wohl der Gemeinen zu orientieren. Wie anders soll man erklären, dass ausgerechnet Hamburg mit 14 vorsätzlichen Körperverletzungen pro 1000 Strafmündigen und Jahr - gegenüber vier in Sachsen - am Ende Bundes-Sieger im Zusammenhalten wurde?

Diese Schlägereien müssen vornehmlich nach politischen Diskussionen in Vereinslokalen stattfinden. Denn auch das "politische Interesse" ist in Hamburg fast doppelt so hoch wie in Thüringen, was ebenso wie die Mitgliedschaft in Vereinen beim Indikator "gesellschaftliche Teilhabe" Pluspunkte brachte. In der DDR hieß das: "Arbeite mit, plane mit, regiere mit!" Arbeiten dürfen manche Ostler zwar noch - geplant und regiert wird aber auch bei ihnen von Westdeutschen. Und ja, die halten zusammen.

Berlin, Leuchtturm der Institutionen

Natürlich könnte man den Zusammenhalt im Westen auch mit Millionen Menschen erklären, die dort seit 1990 beim moralischen Aufbau West helfen. Aber wir wollen nicht unsachlicher sein als die Studie selbst. Immerhin konstatiert sie auch: "Die Kluft zwischen Ost und West hat sich seit der Wiedervereinigung sogar noch vergrößert." Meine Rede!

Lediglich in Berlin - laut Studie "das einzig 'gemischte' Ost­-West­-Bundesland" - sei das "Vertrauen in Institutionen" zuletzt gewachsen. Das kann am neuen Flughafen oder dem Umzug der BND-Zentrale liegen. Die Autoren der Studie vermuten allerdings, "dass dies auch mit dem Zuzug vieler Nicht­-Ostdeutscher in die östlichen Bezirke Berlins zu tun hat." So positiv habe ich das noch nie gesehen! Genauso die einleuchtende Erkenntnis: "Arm im Vergleich zum Bundesstandard zu sein, ist im Osten kein Problem." Leider distanziert man sich ein paar Sätze weiter schon wieder von "spekulativen Interpretationen" dieser Art, weil "Kulturunterschiede zwischen Ost und West" oft nur konstatierbar, aber hinsichtlich ihrer konkreten Bedeutung nicht eindeutig seien.

Mich macht das trotzdem alles unheimlich stolz: Schließlich gehören der drei Viertel des gleichnamigen Konzerns, damit auch der Verlag, in dem der stern erscheint, und mein Schreibtisch letztlich auch. Laut Wikipedia gilt die Stiftung zwar als #link; de.wikipedia.org/wiki/Bertelsmann_Stiftung;"wirtschaftsliberale Denkfabrik"# und steht ab und zu als Steuersparmodell der Eigentümer-Familien in der Kritik. Man könnte aber auch sagen: Es ist eine Art gemeinnütziger Konzern, leuchtendes Vorbild für den Zusammenhalt im Kapitalismus - beziehungsweise im Kapitalzusammenhalten.

"Ein paar Reiche" schaden nicht

So gesehen arbeite ich selbst ausschließlich für das Gemeinwohl, weil unsere steuerfreien Stiftungsgewinne so schöne Studien über den Zusammenhalt ermöglichen, die wiederum den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern. Es ist gewissermaßen ein Ehrenamt, mich über Westdeutsche und ihr solidarisches Gemeinwesen lustig zu machen. Die Studie jedenfalls - von wegen wirtschafsliberal! - fasst es so zusammen: "Der hier vorgelegte Vergleich der Bundesländer zeigt, dass 'ein paar Reiche' dem gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht schaden." Na also!

Allein der letzte Satz der Studie – auch wenn er von mir sein könnte - macht mich etwas traurig: "Die deutsche Einheit", heißt es da, "ist im Bereich des gesellschaftlichen Zusammenhalts offenbar noch lange nicht verwirklicht." Deshalb fassen wie uns jetzt noch einmal alle an den Händen, bilden einen Kreis und - egal, ob der neben dir gerade die Miete erhöht oder nicht mal Mindestlohn zahlt - halten zusammen.