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Schlag 12 - der Mittagskommentar: Lasst die Schulkinder endlich ausschlafen

Familienministerin Schwesig will Eltern und Kindern das Leben leichter machen - zum Beispiel mit einem späteren Schulbeginn ab 9 Uhr. Die CSU protestiert reflexhaft dagegen. Warum eigentlich?

Von Laura Himmelreich

Schule in Freiburg

Aufgepasst, mitgemacht - funktioniert aber auch in Bayern nur bei ausgeschlafenen Schülern

In diesem Land sind sogar Schlaf und Schläfrigkeit ein Politikum. Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) hat in den vergangenen Tagen zwei Vorschläge gemacht, die Familien  entspanntere Nächte versprechen. Erstens: Warum nicht 24-Stunden-Kitas einrichten, in der die Kleinsten auch mal übernachten können, beispielsweise, wenn der Vater Nachtschicht hat oder die Mutter auf Dienstreise ist. Zweitens: Warum nicht den Schulbeginn auf 9 Uhr verlegen, damit in der ersten Unterrichtsstunde endlich mehr als Gähnen herauskommt. Die CSU hat auf diese Vorschläge bereits eine Antwort: unmöglich!

Das ist - passend zum Thema - eigentlich gähnend langweilig, weil es nicht überrascht, dass die CSU in Sachen Familienpolitik hinterher hinkt. Aber solch absurde Debatten zeigen eben auch, wie ideologisch Familienpolitik in Deutschland noch immer aufgeladen ist. Vor allem die CSU will, dass Familien einem konservativen Leitbild entsprechen. Dabei sollte es doch einfach nur darum gehen, was Familien oder Kinder wollen. Und wenn es eine Stunde mehr Schlaf ist oder ein Bettchen in der Kita, dann: bitteschön.

Biologie statt Ideologie

Gegen Schwesigs Plan, nächtliche Betreuungsplätze zu fördern, polemisiert der CSU-Generalsekretär, das seien "staatlich verordnete 24-Stunden-Kitas". Dabei ist es nun einmal Fakt, dass die Betreuungsangebote in Deutschland so schlecht sind, dass viele junge Menschen lieber ganz auf Kinder verzichten. Überall fehlen Plätze, die es Eltern ermöglichen, nachmittags zu arbeiten. Viele Alleinerziehende müssen Hartz IV beziehen, weil sie keinen Job finden, der mit den Kita-Öffnungszeiten vereinbar ist. Gerade Beschäftigte in Schicht- und Nachtdiensten sind auf sich selbst gestellt, wenn sie nicht das Glück haben, dass Oma und Opa um die Ecke wohnen. Kinderbetreuung ist nicht mehr nur eine Frage der Ideologie, sie ist schlicht eine ökonomische Notwendigkeit - für einige eben auch nachts.

Für die Schüler geht es weniger um Ideologie als um Biologie. Seit Jahren raten Wissenschaftler dazu, die Schule sollte erst um 9 Uhr beginnen. Gerade Teenager sind Langschläfer, Konzentration und Gedächtnis funktionieren nach dem Morgengrauen noch nicht hinreichend. Doch das bayerische Kultusministerium fürchtet, dass bei späterem Schulbeginn, den Kindern nachmittags die Zeit für den Fußball- und Schützenverein fehlt - vielleicht ja auch für die Sitzungen bei der Jungen Union.

Mehr Geld, mehr Flexibilität

Das deutsche Betreuungs- und Schulsystem bildet - von der Kita bis zum Abi - ein Korsett, in das sich die Leben von Familien sich nur schwer reinpressen lassen. Vor allem mangelt es an Flexibilität: an Öffnungszeiten, die zu Arbeitsalltag und Biorhythmus passen, an Schulen, in denen Kinder entspannt in den Tag starten können, mittags ein nahrhaftes Essen bekommen und bei Bedarf auch nachmittags gut aufgehoben sind. Natürlich kostet das Geld. Mehr Geld, als Deutschland bisher für Betreuung und Bildung ausgibt.

Die Alternative ist, dass die Leute lieber gar keine Kinder in die Welt setzen. Und dass Lehrer weiterhin ihre Schüler auf den Bänken gähnen sehen.