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SPD-Parteitag: Sie haben sich alle lieb

SPD verkehrt: Sie küssen sich nur noch, sie schlagen einander nicht mehr. Deshalb haben Kurt Beck und seine Stellvertreter jetzt viel mehr Stimmen bekommen als sie verdient hätten. Ein Kommentar von stern-Autor Andreas Hoidn-Borchers.

Nein, die Welt ist wirklich nicht gerecht. Stattdessen gibt es die SPD. Aber der Reihe nach. Es war einmal ein Bundeskanzler, der war beim Volk beliebt, aber in seiner eigenen Partei, nunja: am Ende eher schlecht gelitten. Die Genossen mobbten ihn und sich aus der Regierung. 25 Jahre später haben sie Helmut Schmidt jetzt zugejubelt.

Es war auch einmal ein Bundeskanzler, der war ein toller Wahlkampfhecht, brachte die SPD zurück an die Regierung und dann auf einen zeitgemäßen Reformkurs. Die Genossen aber fanden das mehrheitlich so furchtbar, dass sie ihn in vorgezogene Neuwahlen und sich in die Große Koalition .manövrierten. Jetzt, zwei Jahre danach, haben sie ihm in Hamburg gehuldigt. Wie man das nennt? Scheinheilig? Schlechtes Gewissen? Seien wir gnädig und bleiben bei: einsichtig, wenn auch spät.

Es war auch einmal ein SPD-Chef, der fuhr zu einem Parteitag, verpatzte eine mit Spannung erwartete Rede und fuhr zwei Tage später wieder nach Hause. Nur war er da nicht mehr SPD-Chef, sondern nur noch Rudolf Scharping. Sein Nachnachnachnachfolger Kurt Beck dagegen hat jetzt von den Delegierten in Hamburg 95,5 Prozent der Stimmen nachgeworfen bekommen. Wofür? Nun, für seine ebenfalls mit großen Erwartungen befrachtete, nunja: Ansprache jedenfalls nicht. Wenn Beck etwas nicht kann, dann mitreißend reden. Zumindest nicht in dem Sinne, dass er Gedanken miteinander verbindet, Botschaften bündelt, eine erkennbare Richtung vorgibt; von Grammatik und Witz wollen wir an dieser Stelle mal gar nicht reden.

Verworren wie Stoiber, aber mit weniger Ähs

Kurt Beck sprach zwar nicht ganz so lange wie Fidel Castro, aber in etwa so verwegen verworren wie Edmund Stoiber, nur mit deutlich weniger Ähs. In der an grausigen Vorsitzenden-Reden wahrlich nicht armen Geschichte der SPD-Parteitage (wir sagen nur: Gerhard Schröder!) war dies eine der grausigeren. Dafür kann Beck nicht mit diesem immensen Vertrauensbeweis ausgestattet worden sein. Wofür also dann?

Vielleicht lag es zuallererst an einer Grundstimmung unter den versammelten Sozialdemokraten, von denen alle profitierten : die Altkanzler Schmidt und Schröder, wie eben auch Beck. Man könnte diese Stimmung mit dem Satz beschreiben: Pieppieppiep - wir ham uns alle lieb. Für die mit ihrem (Rest-)Personal ansonsten nicht zimperlich umspringenden Genossen ist das ein zivilisatorischer Fortschritt in Quantensprunghöhe.

Allerdings war der Schlecht-Redner und Wohlfühl-Akrobat Beck, anders als Scharping vor zwölf Jahren, auch clever genug, sich rechtzeitig vor diesem für ihn so wichtigen Treffen lieb Chef bei seinem Parteivolk zu machen. Er verteilte mit seinem Vorstoß für eine verlängerte Zahlung des Arbeitslosengeldes an Ältere eine so große Portion Glücksgefühl an die Agenda-geplagten Genossen, dass er sich jetzt ziemlich viel rausnehmen kann: an der Rente mit 67 nur marginale Korrekturen zuzulassen etwa. Oder eben eine versemmelte Parteitagsrede. Denn Zurück in die Zukunft ist ein Motto, unter dem sich die deutsche Sozialdemokratie im Zweifel immer am einfachsten einen lässt.

Die SPD hat kapiert, dass sie mit Beck leben muss

Außerdem macht Erfahrung selbst Genossen irgendwann einmal klüger. Deshalb hat Kurt Beck seine 95,5 Prozent auch für seine einsame Erscheinung erhalten: Die SPDler haben inzwischen kapiert, dass sie mit Beck leben müssen; es gibt keinen anderen außer ihm mehr. Keinen Lafontaine wie damals in Mannheim, keinen Müntefering, der ihm gefährlich werden könnte (oder wollte), auch keinen Stnmer oder Stnbrück, seiner im Zuge der Operation Alg I vom Parteichef ent-ei-erten Stellvertreter. Dass die Delegierten die beiden mit 85,5 (Steinmeier) und 75,4 Prozent (Steinbrück) ausstatteten, war zuerst ein Akt der Vernunft, damit die SPD den Parteitag nicht als zerstritten verlässt; es war zudem Ausdruck des schlechten Gewissens, Schmerzensgeld für die Pein der letzten drei Wochen in Form von Prozenten, sozusagen. Es war aber auch, viel mehr als die 74,8 Prozent für Andrea Nahles und die 80,9 Prozent für seinen Generalsekretär Hubertus Heil, ein Signal an Beck: Du wolltest eigentlich starke Stellvertreter - wir auch. Und zwar in echt.

Denn die SPD hat jetzt ein kleines Problem: Sie hat einen Parteivorsitzenden, der gestärkt und geschwächt zugleich ist. Mit diesem Ergebnis im Kreuz ist Beck endgültig, was er im Grunde seit langem war: der nächste Kanzlerkandidat. Nur kann man sich nach seiner Rede beim besten Willen nicht vorstellen, wie er die Wähler quer durch die Republik mitreißen soll. Eine Alternative zu ihm aber gibt es auch nicht mehr. Dafür hat Beck ja selbst gesorgt - und daran ändert auch dieser Parteitag nichts. Aber vielleicht gibt es ja doch Gerechtigkeit auf dieser Welt. Auch bei Sozialdemokraten.

Andreas Hoidn-Borchers