Stammzellenforschung Keine endgültigen Wahrheiten


Der Bundestag hat die umstrittene Lockerung des Stammzellengesetzes beschlossen und den Stichtag für den Import embryonaler Stammzellen verschoben. Ein pragmatischer Schritt. Aus dem ethischen Problem führt er jedoch nicht heraus.
Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Normalerweise geht es im Bundestag eher dramatisch zu, wenn der Fraktionszwang aufgehoben ist, weil sich die Abgeordneten wirklich frei nach ihrem Gewissen entscheiden können, völlig frei von Fraktionszwang und Parteiräson. Bei der jüngsten Stammzellen-Debatte war dies nicht der Fall, aus gutem Grund. Die Frage, um die es ging, entzieht sich endgültiger Wahrheitsfindung. Sie verlangte von den Abgeordneten eine persönliche Entscheidung, obwohl allen klar war, dass es keine Wahrheit gibt, die aus dem ethischen Dilemma der Forschung mit embryonalen Stammzellen herausführt.

Das ethische Dilemma wird nicht gelöst

So erlebte das Parlament eine Debatte, die ihren besonderen Akzent aus den Fragezeichen bezog, die alle Redner hinter ihre jeweilige Position setzen mussten. Lassen sich das geltende Embryonenschutzgesetz und die im Grundgesetz garantierte Menschenwürde mit der weiteren Verwendung embryonaler Stammzellen für Forschungszwecke vereinbaren? Nein. Das ethische Dilemma dieser Frage wird auch mit dem jetzt beschlossenen neuen Stichtag nicht gelöst. Was ist, wenn dieser Stichtag in ein paar Jahren erneut verschoben werden soll? Alles begänne von vorn. Und: Ist denn der Versuch, neue Wege zur Heilung von kranken Menschen zu finden, unmoralisch? Natürlich nicht. Schließlich gilt die Messlatte der Menschenwürde ebenso für schwerkranke Menschen. Es gibt auch eine Ethik des Heilens.

Die Befürworter der Stammzellenforschung argumentiern, dass aus überzähligen embryonalen Stammzellen nach künstlichen Befruchtungen sowieso kein neues Leben mehr entstehen wird. Die Gegner meinen, einen Menschen zu opfern, verstoße gegen das Prinzip der Unantastbarkeit des Lebens? Nur, wann ist der Mensch ein Mensch, wann ein noch ungeordneter Zellhaufen?

Ethische Fragen entziehen sich zuweilen schuldfreien Antworten. Wer stellt denn Abtreibungen aus medizinischen Gründen infrage, die das Leben der Mutter gefährden, obwohl auch dabei Leben getötet wird? Kompromisse sind hier nicht denkbar, es kann in solchen Fragen keine geben. Ohne Frage ist auch der neue Stichtag ein Schritt, der zur Aushöhlung des Embryonenschutzgesetzes beiträgt.

Logik hilft nicht weiter

So erlebte der Bundestag letztlich eine hilflose Debatte. Jede Entscheidung, die zur Abstimmung stand, war gleichzeitig richtig wie falsch. Logik hilft nicht weiter. Oder soll es als logisch akzeptiert werden, dass man am Gesetz nichts ändert bis auf den Stichtag, aber zugleich nicht länger unter Strafe stellt, wenn deutsche Forscher im Ausland in der Stammzellenforschung arbeiten? Können die Befürworter des Festhaltens am alten Stichtag begründen, weshalb es ethisch akzeptabel sein soll, weiter mit älteren Stammzellen zu arbeiten, nicht aber mit jüngeren? Oder: Wie muss man ethisch bewerten, wenn Frauen bereit sind, embryonale Stammzellen bereitzustellen, gänzlich losgelöst von der Absicht einer künstlichen Befruchtung?

Weil die ethische Frage unlösbar ist, ist der neue Stichtag ein pragmatischer Schritt. Aus dem moralischen Problem führt er nicht hinaus. Eine Erkenntnis bleibt allerdings am Ende dieser Debatte: Weil nicht abzusehen ist, ob sich die großen Heilserwartungen an die Forschung mit embryonalen Stammzellen jemals erfüllen, sollte die Politik die Förderung der Forschung auf dem Feld adulter Stammzellen massiv verstärken. Die bisherigen Ergebnisse in diesem Bereich sind auf jeden Fall vielversprechender als bei der Forschung mit embryonalen Stammzellen. Und alle Beteiligten an dieser Diskussion sollten sich vor allem davor hüten, Stammzellenforschung insgesamt als moderne Form des Wunderheilens anzupreisen. Wir wissen nicht, was sie eines fernen Tages bringen kann.


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