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Streik-Fazit: "Der Preis ist nicht zu hoch gewesen"

In Baden-Würtemberg haben die Streikenden im Öffentlichen Dienst ihre Arbeit wieder aufgenommen. Neun Wochen war der Müll liegen und die Kitas geschlossen geblieben. Drei Streikende ziehen ihr persönliches Fazit bei stern.de.

Erleichtert klatscht Irmgard Macke Mittwochnacht in die Hände. Im Heute Journal wird die Einigung im Baden-Württembergischen Tarifkonflikt bekannt gegeben. Nach neun Wochen ist der Streik im öffentlichen Dienst beendet. "Endlich kann die Arbeit normal weitergehen. Wir wollten nie die Bürger treffen. Die können ja nichts dafür", sagt Irmgard Macke und ihre Augen leuchten dabei. "38,5 wäre besser gewesen aber das war eben eine Illusion." Gut findet sie es, dass alle Berufsgruppen gleich vertreten sind. Nicht so eine Staffelregelung wie in Niedersachsen. Unsere Einigung sei einfacher und sinnvoller. Verdi habe nicht nachgegeben, meint Frau Macke. "Das war kein einknicken. Es war von vorneherein klar, dass es auf einen Kompromiss hinauslaufen würde. Das Ziel war klar: Nicht mehr als 39 Stunden."

Es hätte sie gewundert, wenn es zu keiner Einigung gekommen wäre, sagt Macke und erzählt von der "Endzeitstimmung" unter den Streikenden, während der morgendlichen Kundgebung. Das Gerücht kursierte, dass es zu dieser Einigung am Abend kommen würde. "Es war ein harter Kampf, das Ergebnis ist gut", sagt sie, auch wenn es finanzielle Einbußen gegeben hat. 104 Euro weniger auf der Lohnabrechnung für Februar. "Bei der nächsten Abrechnung wird es erheblich mehr sein. Im März hatten wir die meisten Streiktage." Dieser Streik habe gezeigt, wie wichtig es ist, organisiert zu sein, meint Macke. "Eine Organisation ist heute wichtiger denn je. In Zukunft wird es immer mehr Einschnitte geben und deshalb mehr Streiks. Wenn sich bei Verdi etwas ändern muss, wird das geschehen, irgendwann. Jetzt haben sie aber gezeigt, dass sie durchaus was können."

Antonio Tambolini arbeitet als Mülllader. "Ich bin so froh, dass ich endlich wieder arbeiten kann", sagt Tambolini. Nach neun Wochen sei er froh, dass es überhaupt zu einem Ergebnis gekommen sei. Das ist das Beste an dem Abschluss, meint Tambolini. "Eigentlich wollten wir unser Ziel von 38,5 Stunden erreichen. Das hat nicht geklappt und so ist es besser, als gar kein Ergebnis." Um seinen Arbeitsplatz macht er sich keine Sorgen. "Alles wird so bleiben wie es war. Nur, dass wir jetzt eine halbe Stunde länger arbeiten müssen. Es war ein harter Kampf." Ein Kampf, der die Familie Tambolini hart getroffen hat. 400 Euro weniger auf dem Lohnzettel, jeden Monat. Aber der Preis sei nicht zu hoch gewesen, sagt Tambolini. "Verdi hat es gut gemacht. Wir sind alle wie eine große Familie geworden und haben gezeigt, dass wir uns wehren können."

Tina Grützmann, Erzieherin

Sie liefen durch strömenden Regen und hielten Verdi-Plakate in die Höhe. "Wir hatten absolute Abschlussstimmung und ahnten, dass der Streik zu Ende geht", sagt die Erzieherin Tina Grützmann. "Es war ja nur so ein Gerücht aber bei der Streikversammlung kam es schon so rüber, dass es nun ein Ende hat. Auch Verdi hatte genug nach neun Wochen. Beide Seiten haben wohl keine Lust mehr gehabt oder vielleicht war der öffentliche Druck zu groß geworden."

Es sei ein guter Kompromiss, meint Grützmann. Es sei klar gewesen, dass es auf irgendwas mit 39 Stunden hinausläuft. „Eigentlich hatte ich mit 39,25 gerechnet. Es ist also alles gut.“

Mit einer halben Stunde Mehrarbeit kann Tina Grützmann gut leben. Das würde sich zwar am Ende bei der Überstundenabrechnung bemerkbar machen aber „die 39 Stunden Woche schaffe ich jetzt schon locker. Ich komme wöchentlich auf 40 oder 42 Stunden. Das macht mir nichts.“

Wie viel der Streik sie gekostet hat kann Frau Grützmann nicht sagen. "Ich habe mir das noch nicht ausgerechnet, da die meisten Streiktage erst im März abgerechnet werden." Verdi habe gute Arbeit geleistet, meint Grützmann. Aber sie sei noch nicht lange genug in der Gewerkschaft, um die Arbeit beurteilen zu können. "Ich bin erst beigetreten, als bekannt wurde, dass gestreikt wird. Aber man braucht Organisationen wie Verdi. Mit Leuten, die hinter einen stehen."

Maria Theresia Heitlinger, Carsten Stormer