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Streit um Asylbewerberheim in Berlin-Hellersdorf: Nur ein kleines bisschen rechts

Kein Tag ohne Demo: Die NPD macht mobil gegen das Flüchtlingsheim in Berlin-Hellersdorf, linke Initiativen halten dagegen. Und die Anwohner? Sind oft erschreckend rassistisch.

Ein Ortstermin von Katharina Grimm

Es sind Hunderte gekommen. Die Gegendemonstranten sammeln sich am Dienstagabend an der Bahnstation, bereits auf dem Bahnsteig stehen Polizisten. Zu Fuß geht es für die Menschenmasse durch den Stadtteil bis zur ehemaligen Oberschule. Seit Montag ist der graue Klotz eine Unterkunft für Asylbewerber. Und damit Anlass für Demonstrationen - und erschreckende Fremdenfeindlichkeit der Anwohner.

"Nein, wir sind keine Nazis", sagt ein älterer Anwohner. Er steht zwischen seinen Nachbarn schräg gegenüber des Gebäudes. Aber das Heim wollen sie hier alle loswerden. "Die sollen abhauen", sagt er. Und wohin? "Na, woanders hin, weit weg. Nicht hier", sagt er. Nichts anderes steht auf den Transparenten der NPD, die zur Demonstration aufgerufen hat. Die findet nicht direkt vor dem Flüchtlingsheim statt, sondern im Ortskern. Auch die Gegendemonstranten sind dorthin gezogen. Und so stehen sich nach Polizeiaussagen rund 40 NPDler und rund 600 Menschen auf der anderen Seite gegenüber.

"Ein tolerantes Land sieht anders aus"

Für rechte Parteien ist der Streit um das Flüchtlingsheim zur Wahlkampfzeit ein gefundenes Fressen: Migration stoppen, "Maria statt Scharia" steht auf einem Plakat. Auch am Mittwoch nutzt die rechtsextreme Kleinpartei Pro-Deutschland das Thema für eine Kundgebung. So geht das bereits seit Wochen. "Ich kann nur mit Nachdruck an die Menschen im Umfeld des Flüchtlingsheims appellieren, sich nicht von rechtsextremen Rattenfängern instrumentalisieren zu lassen", sagt Berlins Innensenator Frank Henkel. Die Grüne Jugend in Berlin ist entsetzt: "Ein tolerantes Land sieht anders aus. Statt dem Grundrecht auf Asyl, Einsatz für Menschenrechte und einem friedlichen Miteinander erleben wir Hass, Gewalt und Ausgrenzung aus einem viel zu breiten Teil der Gesellschaft."

Doch die platten Parolen der politisch Rechten scheinen zumindest bei den Anwohnern gut anzukommen. Das seien gar keine Ausländer, sondern Asylanten, sagt einer. Also Sozialschmarotzer. Er erntet zustimmendes Nicken seiner Nachbarn. "Die kommen doch aus sicheren Drittstaaten", sagt ein anderer Anwohner. Die Asylsuchenden in Berlin kommen meist aus Kriegs- und Krisenregionen, wie Syrien, Afghanistan oder Pakistan. "Ja, dann sollen sie halt dahin zurückgehen", poltert der Anwohner weiter. Dass dort Krieg herrscht, ist ihm egal. Dass in dem Heim auch viele Familien untergekommen sind, interessiert ihn nicht. "Als in Deutschland Krieg war, sind wir ja auch nicht geflohen", sagt eine Anwohnerin. Sie ist jünger als die Männer, neben denen sie steht. Vielleicht noch nicht mal 40. Krieg kennt sie nur aus dem Fernsehen. Sie lebt von Harzt IV. "Ich muss jeden Euro umdrehen, alles beim Amt beantragen. Und die?" Sie zeigt auf das Heim. "Die kriegen alles. Das würde ich auch gerne."

Noch mehr Flüchtlinge

In Berlin wird der Platz für Asylsuchende knapp, viele Unterkünfte sind überlaufen. Mehr als 6200 Flüchtlinge leben in Berlin. Nur 2,4 Prozent davon, also 149 Menschen, haben ihre Unterkunft im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Zu wenig, findet auch der Senat und will stärker umverteilen – also sollen in dem Bezirk weitere Flüchtlinge untergebracht werden. Dabei gilt Marzahn-Hellersdorf als Problemviertel. Schon seit Jahren gibt es dort eine aktive rechte Szene, die NPD konnte bei vergangenen Wahlen in dem Stadtteil überdurchschnittlich viele Stimmen sammeln.

Inzwischen hat sich auch eine Bürgerinitiative formiert. Dort sind Anwohner aktiv, die sich gegen die dauernden Demos wehren, die sich von der Politik übergangen fühlen - die aber auch eine gewisse Nähe zur NPD haben. "Die Bürgerinitiative ist unpolitisch. Das sagen die auch selbst immer!", erzählt ein Anwohner. Auf ihrer Facebook-Seite hingegen häufen sich zumindest hetzerische Beiträge. Wer sich hinter der Initiative verbirgt, bleibt unklar.

Latenter Frendenhass

"Bitte nicht alle in einen Topf werfen", heißt es beim Informationspavillon. Seit Tagen campieren dort linke Aktivisten, sie sollen nun langfristig eine feste Bleibe bekommen, um Berührungsängste der Anwohner abzubauen. "Es wurden schon Sachspenden abgeben", sagt ein Aktivist. Anwohner hätten Decken gespendet, aber auch Spielzeug. Außerdem hätten sie sogar Getränke und Essen zu dem Pavillon gebracht. Viele Anwohner seien eingeschüchtert von den Demos und der Polizeipräsenz – generell hätten sie aber nichts gegen das Heim. Es gebe sogar eine Unterstützer-Gruppe.

Auf der anderen Straßenseite stehen zwei junge Familien mit Kinderwagen, um sie herum spielen kleine Kinder. "Ich hätte mir für das Gebäude eine Kita gewünscht", sagt eine der Mütter. Die würden nämlich fehlen im Bezirk. Aber: "Ich habe Mitleid mit den Menschen. Gerade, wenn man selbst Kinder hat, ist ein Leben als Flüchtling unvorstellbar", sagt sie. Den Mann, der mit erhobenem Arm zum Hitlergruß traurige Berühmtheit in den Berliner Zeitungen erlangte, kennt sie. "Das ist ein Spinner. Und der steht jetzt hier für alle Anwohner", sagt sie. Aber der Hitlergruß ist ja keine jugendliche Dummheit, oder? Eine Antwort weiß keiner. Es scheint, als ob selbst der Hitlergruß hier niemanden ernsthaft empört.