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Terrorverdächtiger Aleem N.: "Die Schläge waren zu viel für mich"

Die Generalbundesanwältin ermittelt gegen Aleem N., weil er das Terrornetz al Kaida unterstützt haben soll. Das hatte er in pakistanischer Haft zugegeben. Im Gespräch mit stern.de behauptet der Deutsch-Pakistaner nun, seine Aussage sei unter Folter erpresst worden - für die Chefermittlerin könnte das zum Problem werden.

Von Martin Knobbe und Rainer Nübel

Es war am ersten Tag und es genügten drei Schläge mit einer Art Gummi-Paddel. Ja, er sei in einem terroristischen Ausbildungscamp gewesen. Ja, er habe seine Hand beim Mischen von Sprengstoff verletzt. Ja, er habe Geld für al Kaida nach Pakistan gebracht. "Die Schläge waren einfach zu viel für mich", sagt Aleem N. heute. "Ich wollte nur nach Hause zu meiner Frau und meinen Kindern." Also habe er irgendwann erzählt, was die Agenten vom pakistanischen Geheimdienst ISI hören wollten. Auch wenn es nicht die Wahrheit war.

Für die deutschen Sicherheitsbehörden ein Problem

So erzählt es der 45-jährige Edelsteinhändler aus dem pfälzischen Germersheim im Gespräch mit stern.de. Sollten seine Angaben stimmen, wäre das auch für die deutschen Sicherheitsbehörden ein Problem. Die Generalbundesanwältin ermittelt gegen Aleem N. wegen des Verdachts der Unterstützung von al Kaida. Er soll Geld für die Terrororganisation nach Pakistan gebracht und Kämpfer rekrutiert haben. Außerdem soll er ein Terrorcamp besucht haben. Die Bundesanwälte stützen ihre Ermittlungen teilweise auf Informationen, die sie vom pakistanischen Geheimdienst bekommen haben. Aussagen, die unter Folter entstanden sind, aber sind in Deutschland nicht gerichtsverwertbar.

Es war der 18. Juni, ein Montag, gegen vier Uhr morgens. Aleem N. wollte vom pakistanischen Lahore über Katar nach Deutschland zurückreisen, als er im Flughafen von zwei Männern festgehalten wurde. Sie hätten gesagt, sie wollten die Edelsteine in seinem Gepäck genauer untersuchen. Dann hätten sie ihn zu einem Auto gebracht. Ihm seien die Füße gefesselt und mit einem schwarzen Band die Augen verbunden worden. Man habe ihm einen Sack aus dickem Stoff über den Kopf gestülpt. Die Fahrt zur Vernehmung habe rund 20 Minuten gedauert.

Gleich beim ersten Verhör geschlagen

Gleich beim Verhör hätten ihn die pakistanischen Agenten geschlagen. Sie hätten dafür einen Holzstiel verwendet, an dem der Teil eines alten Lkw-Reifens befestigt worden war. Auch ein Bambusstock sei im Zimmer gewesen, damit sei er aber nicht malträtiert worden.

Die folgenden zwei Monate, so erzählt es Aleem N., habe er in drei unterschiedlichen Gefängnissen verbracht, meistens in einer Einzelzelle, meist lag das Gefängnis unter der Erde, er habe nie das Sonnenlicht gesehen. Fast täglich habe man ihn verhört, zwischen sieben und zehn Stunden lang, nur sonntags nicht. Zwei Stunden vor den Verhören sei er oft in einen Raum gesperrt worden, in dem nur ein harter Holzhocker stand.

Der Raum sei auf 17 Grad abgekühlt gewesen, das habe er an einer Temperaturanzeige ablesen können. Er habe gefroren. Er sei mit Fäusten und mit der flachen Hand geschlagen worden. Auch eine offene Verletzung an seiner rechten Hand sei getroffen worden, er habe geblutet. Als Aleem N. daraufhin einen Verantwortlichen sprechen wollte, hätten ihm die Schläger gesagt: "Es gibt keinen Verantwortlichen. Wir sind verantwortlich."

Auch von westlichen Geheimdiensten vernommen

Ab dem zweiten Tag sei er auch von westlichen Geheimdiensten vernommen worden. Die Agenten, zwei Männer und eine Frau, hätten englisch mit ihm gesprochen und wollten vor allem erfahren, wohin er in Europa schon überall gereist sei und welche Kontakte er zu Terrorverdächtigen habe. "Was haben Sie vor? Was haben Sie für Pläne?", habe ihn die Frau gefragt. "Sie war sehr aggressiv", sagt Aleem N.

Man habe ihm Namen genannt und Bilder gezeigt, unter anderem auch von Verdächtigen aus Deutschland. So habe er einen Mann wieder erkannt, den er einmal im Multi-Kultur-Haus in Neu-Ulm beim Beten gesehen habe. Erst in diesen Tagen, sagt Aleem N., habe er den Namen dieses Mannes erfahren: Fritz Martin Gelowicz, der inzwischen beschuldigt wird, mit zwei anderen jungen Muslimen einen der größten Terroranschläge in Deutschland vorbreitet zu haben.

Ausschließlich von Pakistani geschlagen worden

Aleem N. sagt, er sei ausschließlich von Pakistani geschlagen worden. Die westlichen Agenten seien dann nicht im Raum gewesen. Auch über seinen Aufenthalt im Terrorcamp sei er befragt worden: Ob er Sheik Said, angeblich ein hochrangiges Führungsmitglied von al Kaida , kennen gelernt habe, und Abu Ubayda al Masri, den angeblichen Führer seines Terrorcamps. Aus Angst vor weiteren Schlägen habe er ja gesagt, erzählt Aleem N. Er habe auch zugegeben, Sprengstoff aus "rotem Phosphor" hergestellt zu haben. "Ich wusste, dass Feuerwerksböller daraus bestehen. Darum habe ich das einfach mal erzählt." Später wird die Aussage aus den Protokollen des pakistanischen Geheimdienstes Grundlage eines Beschlusses des Bundesgerichtshofs in den Ermittlungen gegen Aleem N. sein.

Die deutschen Behörden beobachten Aleem N. schon seit sechs Jahren. Der studierte Maschinenbauer, der 1987 von Pakistan nach Deutschland kam, mit einer Deutschen verheiratet ist und den deutschen Pass besitzt, arbeitete damals für das "Institut für Transurane" bei Karlsruhe. Drei Tage nach den Anschlägen vom 11. September 2001 soll er gedroht haben: "Solche Anschläge wird es auch in Deutschland geben." So haben es Kollegen den Behörden erzählt. Aleem N. sagt, sie hätten ihn missverstanden. Monate später soll er einen Polizisten bedroht haben, der seiner Meinung nach den Propheten Mohammed verhöhnt habe. "Wenn wir in Pakistan wären, würde ich Dich dafür töten", soll er zu dem Polizisten gesagt haben. Ein Terror-Verfahren gegen Aleem N. wurde später eingestellt, er galt seit den Vorfällen bei den Behörden aber als islamistischer Gefährder.

Turmaline wollte er kaufen und Lapislazuli

Nachdem er nicht mehr für das Institut arbeitete, machte sich Aleem N. als Händler von Edelsteinen und Halbedelsteinen selbstständig. Er reiste zum Einkauf regelmäßig nach Pakistan, so auch wieder Ende Mai dieses Jahres, Turmaline wollte er kaufen, Kristalle in mehreren Farben, und Lapislazuli, Schmucksteine in tiefem Blau.

Aleem N. sagt, er habe zuerst einen seiner Brüder in Lahore besucht, dann sei er in den Norden aufgebrochen. Im Grenzgebiet zu Afghanistan habe er Händler besucht, dort, wo auch viele Taliban-Kämpfer leben. Er sei in Wana gewesen, der Bezirkshauptstadt in Süd-Waziristan, dort, wo sich die Ausbildungslager für Terroristen befinden sollen. Er habe häufig Schüsse aus Maschinengewehren und Explosionen gehört, er habe gedacht, es seien militärische Übungen.

Er habe dann einen Freund in Mahabatikila besucht, der seine Hochzeit feierte. Nach der Zeremonie hätten die Gäste mit Kalaschnikows in die Luft geschossen und ein kleines Feuerwerk angezündet. Einer der Böller sei nicht explodiert, sagt Aleem N. Er habe ihn wegräumen wollen, weil die Kinder damit Fußball gespielt hätten. Als er ihn aufgehoben hatte, sei er explodiert. Seine rechte Hand und der Arm seien verletzt worden.

Verletzung in einem Terrorcamp zugezogen

Die deutschen Behörden allerdings sind überzeugt, dass sich Aleem N. die Verletzung in einem Terrorcamp zugezogen hat. Er habe für eine Sprengstoffvorrichtung Kaliumnitrat mit rotem Phosphor gemischt, es sei vorzeitig zur Explosion gekommen. In dem Beschluss eines Ermittlungsrichters am Bundesgerichtshof wird dabei auf die Aussagen verwiesen, die Aleem N. gegenüber dem pakistanischen Geheimdienst ISI gemacht hat.

Die Generalsbundesanwaltschaft ermittelt gegen Aleem N. wegen des Verdachts der Unterstützung von al Kaida. Er soll nicht nur ein Terrorcamp besucht haben, sondern auch Geld nach Pakistan geschafft haben und neue Kämpfer für den Dschihad angeworben haben. Er soll auch Nachtsichtgeräte nach Pakistan geschafft haben, was Aleem N. nicht bestreitet. Er habe zwei Stück einem Freund mitgebracht, der in Nord-Waziristan Herden von Schafen und Kühen habe. Die Ferngläser habe es in Deutschland im Angebot gegeben, 129 Euro das Stück, sagte Aleem N. in einem Video-Interview mit der "New York Times".

Beweise gegen Aleem N. reichten nicht aus

Der Anwalt von Aleem N., Manfred Gnjidic, will nun gegen die Beschlüsse gegen seinen Mandanten Widerspruch einlegen. "Geständnisse, die unter Folter entstanden sind, können nicht Bestandteil von Ermittlungen gegen deutsche Staatsangehörige sein", sagte er zu stern.de.

Aleem N. wurde am 21. August aus pakistanischer Haft entlassen. Der höchste Richter des Obersten Gerichtshofes in Islamabad hatte festgestellt, dass die Beweise gegen ihn nicht ausreichten, um ihn länger festzuhalten. Vier Tage später war er zurück in Deutschland, daheim in der Pfalz.

Von:

Rainer Nübel und Martin Knobbe