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TV-Kritik

"Maybrit Illner": "Man wird in einen Clan hineingeboren und hat keine andere Wahl"

Entführung, Raub und Erpressung: Verbrecher-Clans agierten in Deutschland bisher fast ungestört. Das soll sich ändern, versprechen Innenpolitiker bei "Maybrit Illner". Doch die Strukturen sind nur schwer zu knacken.

Von Andrea Zschocher

Maybritt Illner

Clan-Kriminalität nur spät erkannt: NRW-Innenminister Reul räumt Versäumnisse in der Vergangenheit ein

Erst in der vergangenen Woche gelang den Berliner Behörden ein schwerer Schlag gegen einen arabischen Clan. Sie verhafteten den Kopf der Bande: Arafat Abou-Chaker. Er soll mit seinem Bruder den Plan ausgeheckt haben, die Kinder seines ehemaligen Geschäftspartner Bushido zu entführen. Glaubt man den Experten bei "Maybrit Illner" ist Kidnapping und Erpressung eine typische Methode, um den Reichtum der Familie zu mehren.  

Schon zu Beginn der Talkrunde zum Thema  "Familienbande – kriminelle Clans außer Kontrolle?"unterstrich der Migrationsforscher Ralph Ghadban, dass die Behörden die Clans nur schwer unterwandern könnten. Denn die rekrutieren sich ausschließlich aus Verwandten. "Man wird in einen Clan hineingeboren und hat keine andere Wahl. Auch die, die keine Straftäter sind, sind zum Schweigen verpflichtet", so Ghadban.

Der Strafverteidiger László Anisic hielt dagegen, dass es im juristischen Sinne eigentlich gar keine Familienclans in Deutschland gäbe, weil das Wort "Clan" juristisch nicht bekannt sei. Stattdessen würde es den Begriff der Bande geben. Und für eine Bande sei ein Verwandtschaftsverhältnis nicht erforderlich. Gleichzeitig wies er aber darauf hin, dass im Rechtsstaat enge Verwandte natürlich ein Zeugnisverweigerungsrecht haben. Wenn dann die Bande eben doch aus Familienmitgliedern besteht, gegen die nicht ausgesagt wird, dann erschwert dies die Beweisführung. Aber, hier waren sich alle einig, die Rechtsstaatlichkeit ist nicht verhandelbar. Der Justizsenator von Berlin war sich sicher, dass er in den nächsten Jahren auch an die "Bosse" herankommen würde.

Zu Gast bei "Maybrit Illner" waren:

  • Herbert Reul (CDU), Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen
  • Laura Garavini, deutsch-italienische Politikerin
  • Sebastian Fiedler, Bundesvorsitzender des "Bundes Deutscher Kriminalbeamter"
  • Dirk Behrendt (Bündnis 90/Die Grünen),  Justizsenator des Landes Berlin
  • László Anisic, Strafverteidiger
  • Dr. Ralph Ghadban, Migrationsforscher

Integration hat bei den Familienclans versagt 

Maybrit Illner diskutierte mit ihren Gästen über Familienclans. Wieso in der Ankündigung noch ein Fragezeichen hinter "Familenclans außer Kontrolle?" gesetzt wurde, war bereits zu Beginn der Sendung unverständlich. Denn bis auf den Strafverteidiger Anisic zeichneten alle ein düsteres Bild. Die Clans machen in Städten Niedersachsen, im Ruhrgebiet, Berlin und Bremen durch Erpressung von sich Reden. Obwohl auch in der Geldwäsche aktiv,  wurden sie von der Justiz in den letzten Jahren wenig beachtet.

So erklärten Reul und Fiedler, dass erst durch den Druck der Bürger der Staat aktiv wurde, nun aber entschlossen gegen Banden vorgehen würde. Die Antimafia-Kämpferin Laura Garavini betonte, dass es hierbei nicht nur um ausländische Kriminalität ginge, sondern sehr wohl auch um deutsche. Viele Mitglieder seien ohnehin deutsche Staatsbürger, ihre Vorfahren waren, betonte Migrationsforscher Ghadban, in den 80er Jahren aus dem Libanon eingewandert.

Der Wissenschaftler betonte mehrfach wie wichtig es ist, dass die Strukturen der Familienclans erkannt werden und versucht werden müsse hier anzusetzen. Die Integration sei immer eine individuelle Sache, viele Mitglieder kämen aber aus Regionen, in denen vor allem die Gruppe wichtig ist. Deswegen habe die Integration auch versagt. Fiedler verwies darauf, dass die Fehler der 80er und 90er Jahre sich nun mit den Geflüchteten nicht wiederholen dürften, um zu verhindern, dass sich neue Clans bilden. Er wies darauf, dass die Clans, die seit Jahren aktiv sind, keine neuen Mitglieder außerhalb der Familie rekrutieren würden.

"Abou-Chaker ist ein kleiner Fisch"

Politiker nutzen solche Diskussionsrunden natürlich auch gern, um zu zeigen, was ihre Partei alles erreicht hat. So lobten sich sowohl Herbert Reul von der CDU als auch Dirk Behrendt von den Grünen für ihre Arbeit. Der Eine dafür, dass er im Ruhrgebiet großflächige Razzien durchführen ließ, der Andere für die Inhaftierung von Arafat Abou-Chaker und die Vermögensabschöpfung von Clanmitgliedern.

Ghadban kann darüber nur lächeln. Der Abou-Chaker-Clan, der vor allem durch seine Verbindung mit dem Rapper Bushido bekannt ist, sei innerhalb der Familienclans nur ein kleiner Fisch. Sie hätten nur früh erkannt, dass da, wo Rapper sind auch das Geld ist. Und Geld ist das, was Familien antreibe. Das organisierte Verbrechen, das sie betreiben reicht von Schutzgelderpressung bis zu Geldwäsche. Hier müssen, forderte Behrendt, neue Gesetze her.

Methoden aus Italien könnten helfen

Die schärferen Gesetze kritisierte Anisic. Zur Zeit ermöglicht der Verdacht auf Bandenbildung das Überwachen von telefonischer Kommunikation. Und plötzlich ist "alles Bande, um mehr Telefon- und Raumabhörung möglich zu machen. Das löst sich vor Gericht in Luft auf". Reul reagierte auf diesen Vorwurf gelassen. "Momentan mache ich mir weniger Sorge, dass wir irgendein Rechtsinstrument nicht richtig einsetzen, so lange wir es einsetzen", erklärte er.

Es gelte, für die Zukunft eine Vorsorge zu treffen um die Familienclans empfindlich zu treffen. Dabei blickt Deutschland durchaus auch Richtung Italien. Hier hat sich laut Garavini eine Mischung aus Razzien und der Beschlagnahme von Gütern als wichtigste Instrumente gegen die Mafia durchgesetzt. Das soll nun auch in Deutschland vorangetrieben werden.

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