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Und jetzt ... Django Asül Die SPD enteiert sich zu Ostern selbst


Kurz vor Ostern sind alle verplant: Optimaler Zeitpunkt für den Eiertanz mit Sarrazin, dachte sich die SPD. Und enteierte sich schnell und leise selbst.
Eine satirische Hommage von Django Asül

An einem Gründonnerstag ist die Allgemeinheit generell langfristig verplant. Man fährt in den Norden ans Wasser oder in den Süden in den Schnee. Oder noch weiter in den Süden, um Sonne zu tanken, nur um dann vor Ort festzustellen, dass es daheim wärmer und vor allem trockener ist. Man kann auch wahlweise daheim bleiben und sich ärgern, dass man wieder nicht den Mumm hatte, die Einladung der Verwandtschaft auszuschlagen.

In besonders harten Fällen gilt das lange Wochenende als längst verplempert, weil die Verwandtschaft sich einfach mal so wieder selber eingeladen hat. Da muss am Donnerstag daheim dann objektiv und frei von Emotionen die Schuldfrage geklärt werden. Ausgeblendet werden hingegen Themen, die einen sonst in letzter Zeit beschäftigen: Atom, Euro, Schwarz-Gelb, Rot-Grün und ähnliche Katastrophen. Kurzum: Die Aufmerksamkeit an einem Gründonnerstag konzentriert sich auf sogenannte Nebenkriegsschauplätze. Dieser Tatsache ist sich eine in der Theorie volksnahe Partei wie die SPD sehr bewusst. Deshalb haben die Sozialdemokraten die wichtigste Frage des eigenen ideologischen Kosmos' auf den Gründonnerstag vertagt.

Sarrazin pinkelte in den Ozean der Meinungsfreiheit

Oberstes Gebot war es nämlich, dem Bürger zu verheimlichen, dass der Sozi an sich nur noch begeisterungsfähig ist, wenn er im eigenen Saft schmort. Und so lautete auch die Frage aller Fragen: Wie hauen wir Sarrazin aus der SPD raus, weil es nicht sein kann, dass Vielfalt innerhalb der SPD etwas anderes ist als Einfalt im Plural?

Seit letztem Sommer hat die SPD die politische Teilhabe längst aufgegeben, weil Thilo Sarrazin zu einer Mischung aus Pandemie und Super-GAU emporgehoben wurde von seinen Parteifreunden. Da konnte in den letzten Wochen selbst Fukushima nicht anstinken dagegen. Oder um es mal bildlich auszudrücken: In der SPD konnte man damit leben, dass japanische Brennstäbebowle in den Pazifik fließt. Aber man wollte nicht tatenlos zuschauen, wenn ein Sarrazin in den Ozean der Meinungsfreiheit pinkelt.

Je mehr Verdruss daheim, desto mehr Gemetzel anzetteln

Sarrazin und die SPD hatten sich gelinde formuliert auseinandergelebt. Während Sarrazin die Nullen auf dem Konto zählte oder bei Anne Will einen Stoiber als Stotterkönig ablöste, wollten die Nullen in der SPD sich nicht länger der Sarrazinitis aussetzen. Im bundespolitischen Kontext macht das auch Sinn. Auch wenn sich die SPD doof verhält, ist sie nicht blöd. Dass die Meinung der SPD eigentlich nirgendwo mehr gefragt ist, weiß niemand besser als die Partei selber.

Da bleibt nur das Beschreiten neuer Pfade, um die Daseinsberechtigung zumindest nach Innen legitimieren zu können. George W. Bush himself, zwar nicht als Sozialdemokrat verschrien, aber auf der nach allen Seiten offenen Tölpelheitsskala durchaus auf Augenhöhe mit der SPD, hat es im vergangenen und verlorenen Jahrzehnt vorgemacht: Je mehr Verdruss daheim, umso mehr Gemetzel anzetteln zwecks Ablenkungsmanöver.

Zwischen Tribunal und Eiertanz

Und so sah die SPD in Sarrazin quasi den mentalen Taliban, den es auszumerzen gilt. Weil in Guantanamo keine Kapazitäten frei waren, hat sich die SPD für Berlin-Wilmersdorf entschieden als rechtsfreien Raum zwecks moralischer Hinrichtung. Die Sozialdemokraten, anwaltlich vertreten durch Sozialdemokraten, trafen sich vor einem sozialdemokratischen Schiedsgericht, um einen Sozialdemokraten, vertreten durch einen Sozialdemokraten, gewaltfrei und hochrepressiv in die nichtsozialdemokratische Realität zu entlassen. Dieses Szenario beweist einmal mehr, dass es in Deutschland selbst ohne Kabarettisten hochwertige Politsatire geben würde.

Das Ergebnis dieses Spektakels allerdings ist der eindeutige Beleg, wie unscharf in der SPD die Grenzen zwischen Tribunal und Eiertanz sind. Sarrazin darf sich nämlich auch weiterhin Sozialdemokrat schimpfen. Weil er keine einzige Aussage widerrufen musste. Was jetzt wie ein schlechter Scherz oder wie ein Druckfehler klingt, ist sozialdemokratische Dialektik. Mittendrin fiel der SPD scheinbar ein, dass es dieses Jahr noch etliche Wahlen gibt. Unter anderem in Berlin.

Wer nichts zu sagen hat, dem verzeiht man die Piepsstimme

Und da will man lieber gar keine Rolle spielen statt eine schlechte. Dass bei diesem Eiertanz Parteichef Sigmar Gabriel enteiert wurde, ist ein Kollateralschaden, den man schulterzuckend hinnimmt. Wer nichts zu sagen hat, dem verzeiht man gerne seine Piepsstimme. Durchsetzungsfähigkeit ist in einer Partei, die längst nichts mehr durchzusetzen hat, wirklich nicht vonnöten. Und der Verbleib Sarrazins in der SPD lässt erahnen: Es ist gar nicht mehr möglich, der SPD Schaden zuzufügen. Etliche kritische Stimmen befürchteten schon vor den Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz eine Kernschmelze der SPD. Diese These wird aber der Situation nicht gerecht. Denn wo kein Kern, da auch keine Schmelze.


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