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Und jetzt ... Django Asül: Von Pforzheimer Intellektuellen und Wutbürgern

Es ist ein Jammer, dass die Botschaften des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus von überkritischen Zeitgenossen so missverstanden wurden. Nun hat er Aussicht auf ganz viel Freizeit.

Eine satirische Wahlkampfanalyse von Django Asül.

Die deutsche Kanzlerin könnte vieles brauchen an diesem Wochenende. Einen ruhigen Nachmittag beispielsweise. Oder ein schönes Abendessen mit Freunden. Oder einen Wellnesstag auf Rügen. Aber weil das Leben auch für Politiker ungerecht ist, kriegt sie stattdessen Landtagswahlen serviert. Und zwar in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gleichzeitig. Nicht nur, dass jedwede Wahl im Moment nicht gelegen kommt. Aber diese beiden Bundesländer haben es besonders in sich, weil der Wahlkampf in beiden Fällen diesmal als absolut branchenunüblich gelten darf.

Normalerweise darf man den jeweiligen Parteien durchaus unterstellen, dass mittels Mobilisierung der eigenen Anhänger eine Optimierung des Wahlergebnisses angestrebt wird. Mit dieser Normalität scheinen die Herren Mappus und Brüderle wenig am Hut zu haben.

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Mappus trifft es besonders hart. Er wurde ja nur so ganz nebenbei über Nacht Ministerpräsident, weil sein Vorgänger Oettinger als Au-pair-Englischlehrer nach Brüssel wollte. Diesen Wunsch konnte man dem Charmebolzen schlecht abschlagen.

Also machte sich die baden-württembergische CDU auf die Suche nach einem ebenso eloquenten wie auch einfühlsamen Nachfolger. Dazu sollte der Neue aus einer Stadt sein, die einerseits mondän ist und andererseits an der Grenze zwischen Baden und Württemberg liegt. Schließlich sollen sich beide Landsmannschaften mit ihm identifizieren können.

Also lag es schon mal auf der Hand, dass ein Pforzheimer zum Zuge kommen würde. Und von bodenständigen, intellektuellen Sympathieträgern wimmelt es dort auch. Exemplarisch sei da nur mal der Philosoph Rene Weller genannt. Und so ward aus dem Pforzheimer Mappus der Ministerpräsident Mappus, und der demonstrierte fortan Volksnähe besonderer Art.

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Frei von parlamentarischen Zwängen kaufte er Anteile des Energiekonzerns EnBW . Und als die Demonstrationen bezüglich Stuttgart21 besonders hitzig wurden, sorgte er für kostenlose Erfrischung der Demonstranten . Der Überdruck in den Wasserschläuchen darf allerdings nicht als Bösartigkeit interpretiert werden. Es war halt nur des Guten zu viel.

Vielleicht war es auch ein symbolischer Akt, um der breitbewässerten Öffentlichkeit zu zeigen, welchem Druck ein weitsichtiger Ministerpräsident täglich ausgesetzt ist. Und die Idee, größere Bauwerke generell unter die Erde zu verlegen, versteht Mappus als einen neuen, wenn auch revolutionären Ansatz in Sachen Verkehrsberuhigung und Ökologie. Zudem verwies er von Anfang an gerne auf Franz Josef Strauß als sein politisches Vorbild, so dass der Bürger erkennen konnte: Hier ist einer, der lieber versöhnen als spalten will und der Konsens nicht nur als bloße Floskel sieht.

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Aber der Wutbürger ist eben kein Mutbürger und beschert Mappus grandiose Aussichten auf viel Tagesfreizeit ab kommender Woche. Bis zu den letzten Wahlen im Ländle musste sich die CDU immer überraschen lassen, ob sie es ganz alleine packt oder doch die Nervtöter von der FDP mit ins Boot nehmen muss. Diesmal kann sich die CDU entspannt zurücklehnen und schauen, ob Rot-Grün oder Grün-Rot das Zepter übernimmt.

Zu derlei Konstellationen hat Frau Merkel jedoch ähnlich viel Beziehung wie zu High Heels und Bunga Bunga. Deshalb hatte sie insgeheim die leise Hoffnung, dass sich wenigstens etwas in Rheinland-Pfalz zum Guten wenden könnte. Sicherheitshalber fragte sie nicht mal nach, ob sich die CDU dort zur Wahl stellt gegen den Altmeister Kurt Beck. Dort sollte es die FDP in ihrem Sinne richten. Und was soll da auch schief gehen, wenn mit Wirtschaftsminister Brüderle ein liberales Schlachtross die dortigen FDP-Geschicke lenkt? Eigentlich nichts. Solange der BDI nicht kurz vor der Wahl gemütliche Abende mit Managern organisiert, die dem Wirtschaftsminister unbequeme Fragen stellen und auch noch ehrliche Antworten einfordern. Und weil Brüderle eben Brüderle heißt und nicht Westerwelle, eiert er nicht groß rum und rückt mit der Wahrheit raus. Der ganze Mist mit dem Atommoratorium sei halt das übliche Wahlkampfgedöns, weil das Wahlvolk derzeit unerfreulich wachsam sei. Und der Protokollant schrieb das brav mit . War ja auch nur für die Elite gedacht.

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Aber weil das Prinzip Wikileaks viele Nachahmer hat, war die frohe Botschaft von Brüderle bald überall präsent. Was wiederum zu exaltierten Bemühungen des BDI führte, das Ding wieder gerade zu biegen. Die Basisinfo war zunächst: Das hat der Brüderle so nicht gesagt. Die nächste Ausbaustufe ließ wissen: Der Protokollant hat das falsch wiedergegeben. Phase drei: Der Protokollant ist privat Analphabet, nebenberuflich Halblegastheniker und nur auf Empfehlung der Uni Bayreuth überhaupt beim BDI gelandet. Und um das alles noch mit einem Ausrufezeichen zu versehen, haben die von der Industrie gleich auch noch den CSU-Mann Schnappauf gefeuert.

Seltsamerweise wird diese Version nicht überall für bare Münze genommen. Das stimmt die Kanzlerin wiederum bedenklich bis nachdenklich. Vielleicht sollte Frau Merkel immer ein Awacs-Aufklärungsflugzeug mitschicken, wenn Brüderle irgendwo halböffentlich auftritt. Bei Mappus mag diese Maßnahme eventuell nichts mehr bringen. Dem bleibt wohl nur der Schleudersitz.