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Visa-Affäre: Makler mit Makel

Die Reiseschutzpässe des Heinz Kübler haben die Visa-Affäre mit ausgelöst. Jetzt steht er wegen "Beihilfe zum gewerbsmäßigen Schleusen" vor Gericht.

Sein Büro hat der Kaufmann Heinz Kübler mit einer elektronischen Sperre vor seinen Mitarbeitern gesichert. Um hineinzukommen, muss Kübler immer einen Zahlencode eintippen. "Es hat einmal Schwierigkeiten gegeben", sagt er. Diebstahl wichtiger Dokumente. Ein bisschen James Bond in der Bahnhofstraße der württembergischen Kleinstadt Weinsberg. Wo das Leben dahinzuplätschern scheint zwischen Weinhängen und Schraubenfabriken. Von wo aus aber Kübler, ein Händler von Versicherungen, Autos und Häusern, vorbestraft wegen sexueller Nötigung, dem Außenminister in Berlin Schwierigkeiten machen konnte. Aus Versehen natürlich.

Kübler ist 43 und ein großer Mann mit fahlblond gewelltem Haar, einer blau getönten Brille und einer erstaunlich sanften Stimme. Sie wird immer dann besonders dünn, wenn er beim Antworten einsilbig wird. Man könnte auch sagen: Wenn er lügt. Aber dann wäre sein Anwalt wohl schnell mit einer Klage bei Fuß. Denn Kübler ist der Mann, der die Reiseschutzpässe verkauft hat. Durch den Untersuchungsausschuss zur Visa-Affäre in Berlin sind die "Pässe" zur berühmtesten Versicherungspolice Deutschlands geworden. Ihretwegen wird Kübler ab 2. Mai im Landgericht Köln sitzen und sich gegen den Vorwurf wehren, beim gewerbsmäßigen Schleusen von Ausländern geholfen zu haben. Kübler findet, das müsse mit Freispruch enden.

Sein Ankläger aber ist Egbert Bülles, ein ambitionierter Oberstaatsanwalt von knapp 60, der bereits einen der besten Kunden Küblers, den Kölner Mathematiker Anatoli Barg, für fünf Jahre hinter Gitter gebracht hat wegen Schleusungen von Ukrainern im ganz großen Stil. Bülles hatte herausgefunden, dass sich Barg für seine Geschäfte die politisch gewollten Lockerungen bei der Visa-Vergabe zunutze machen konnte. Nun ist die Frage: Hat Kübler, der schon Jahre mit Russland und Russlanddeutschen Geschäfte macht, gewusst, was Barg für einer ist und das aus Geldgier in Kauf genommen? Barg behauptet das. Bülles glaubt das. Sehr intensiv.

Der Staatsanwalt möchte,

wie schon im Prozess gegen Barg, das halbe Auswärtige Amt vorladen, dazu wichtige Männer aus dem Bundesinnenministerium, und sie grober Fehler in der Visa-Politik überführen. Seine Anklageschrift zeugt von Erregung: überall Ausrufezeichen, eigenwillig interpretierte Vernehmungen. Kübler scheint Vehikel für Bülles zu sein, um mit Berlin abzurechnen. Weil man ihm dort Beweismaterial vorenthalten hatte. Es hilft nicht, dass Kübler beteuert: "Es war nicht an mir zu prüfen, wer ein Visum bekommt oder nicht. Ich habe keine hoheitlichen Aufgaben."

Er will nichts als eine clevere Geschäftsidee gehabt haben, als er das bis zum Jahr 2001 konkurrenzlose Reiseschutzpaket des ADAC für Ausländer abgekupfert hatte, um es selbst günstiger anzubieten und Reiseschutzpass zu nennen. Das "Carnet de Touriste" des ADAC sicherte Krankheit, Unfälle und Abschiebungskosten für Ausländer ab. Der Reiseschutzpass auch. Kübler fuhr 2000 und 2001 mehrmals nach Berlin, um sich mit höheren Beamten im Innenministerium und Auswärtigen Amt zu treffen. Am Anfang reagierte man verhalten, verlangte Bürgschaften und eine fälschungssichere Police. Kübler, damals noch Generalvertreter der Allianz, holte die Versicherung für die Haftpflicht ins Boot, für die Krankenversicherung die Elvia - und für Rückführungskosten nach dem Ausländergesetz bürgte er selbst. Schnell wurde der Reiseschutzpass auf der Internetseite des Auswärtigen Amtes empfohlen. Das Geschäft lief blendend. In Kiew aber überrannten sie die Botschaft mit dem Reiseschutzpass, sodass Kübler sich verpflichten ließ, den Verkauf auf 200 "Pässe" pro Tag zu limitieren. Der lief nun über das Internet, wo Kübler gleich selbst Termine für die Visa-Stelle vergab. "Die waren in Kiew begeistert."

Anatoli Barg auch. Er bekam die Quelle in Weinsberg über ein Merkblatt des Auswärtigen Amtes spitz und bestellte per Fax Formulare en gros, holte sie persönlich ab, zahlte gern bar. Gekannt habe er Barg vorher nicht, sagt Kübler, und seine Stimme wird dabei sehr dünn und leise.

Der Allianz schwant schon Ende 2001 etwas: Kübler rechne nicht ordentlich ab, wird gemahnt. Als die Allianz erfährt, dass der Bundesgrenzschutz im Jahr 2002 Küblers Räume durchsucht hat, kündigt man die Verträge. In Kiew wird Kübler Mitte 2002 gesperrt. Der Ansturm in Kiew hielt trotzdem an - für Kübler der Beweis seiner Unschuld.

Es ist Abend in Weinsberg. Heinz Kübler schaut in seinen Computer. Er betreibt jetzt eine eigene Versicherungsgesellschaft. 130 Reisekrankenversicherungen hat er in den letzten Stunden verkauft, nach Jordanien, Dubai, Ägypten. Die Baustelle gegenüber seinem Büro ruht. Dort zieht er ein Geschäftshaus hoch. Unten kommt ein Café hinein. Er will es "Vis-a-vis" nennen.

Dorit Kowitz Mitarbeit: Maria Theresia Heitlinger / print