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Rede zum 100. Jahrestag: Gauck nennt Massaker an Armeniern erstmals Völkermord

Bis zu 1,5 Millionen Armenier fielen im Osmanischen Reich einem Massenmord zu Opfer. Bis heute weigert sich die Türkei, von einem Genozid zu sprechen - kein Grund für Joachim Gauck, es nicht zu tun.

Darf die Welt den Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern Völkermord nennen? Bundespräsident Gauck lässt sich durch die Drohungen aus Ankara nicht einschüchtern und spricht von Genozid.

Darf die Welt den Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern Völkermord nennen? Bundespräsident Gauck lässt sich durch die Drohungen aus Ankara nicht einschüchtern und spricht von Genozid.

Bundespräsident Joachim Gauck hat die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich klar als "Völkermord" benannt und zugleich auf eine deutsche Beteiligung daran hingewiesen. "In diesem Fall müssen auch wir Deutsche insgesamt uns noch der Aufarbeitung stellen, wenn es nämlich um eine Mitverantwortung, unter Umständen sogar Mitschuld, am Völkermord an den Armeniern geht", sagte Gauck nach einem ökumenischen Gedenkgottesdienst in Berlin.

Gauck ging damit deutlich über die zuvor in der Koalition für ihren Antrag am Freitag im Bundestag verabredete Formulierung hinaus, die er aber auch in seiner Rede aufgriff: "Das Schicksal der Armenier steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von der das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist."


Gegen die Haltung der Türkei

Weiter sprach Gauck in seiner Rede von einer "genozidalen Dynamik, der das armenische Volk zum Opfer fiel", und von "geplanten und systematischen Mordaktionen" sowie einer "kalkulierten, verbrecherischen Tat". Er stellte sich damit gegen die Haltung der Türkei, die den Begriff "Völkermord" als Beschreibung für das Geschehen vor hundert Jahren ablehnt und auch eine systematische Planung zurückweist.

"Wir gedenken der Opfer, damit sie und ihr Schicksal nicht vergessen werden", sagte Gauck. "Eine Erinnerung an die Opfer wäre aber nur ein halbiertes Gedenken, wenn nicht auch von den Tätern gesprochen würde." Das seien die damaligen Machthaber im Osmanischen Reich und ihre Handlanger gewesen, aus rassischen und aus religiösen Motiven.

Rolle des Deutschen Reiches

Dies setze heute niemand auf die Anklagebank, die Nachfahren der Opfer könnten aber zu recht eine "Anerkennung historischer Tatsachen und damit auch einer historischen Schuld" erwarten. Heute jedoch freue er sich "über jedes ermutigende Zeichen der Verständigung und des Aufeinanderzugehens zwischen Türken und Armeniern", hob der Präsident hervor.

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Gauck ging auch auf die Rolle des im Ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich verbündeten Deutschen Reichs ein. Dieses habe nicht nur von dem Vernichtungswillen gegen die Armenier gewusst, sondern deutsche Militärs seien "an der Planung und zum Teil auch an der Durchführung der Deportationen beteiligt gewesen".

Nach armenischer Darstellung starben ab dem 24. April 1915 bei der Verfolgung und Vertreibung der Armenier auf dem Gebiet der heutigen Türkei bis zu 1,5 Millionen Armenier im Zuge einer gezielten Vernichtungskampagne. Betroffen waren zudem Aramäer und Griechen. Die Türkei spricht von wesentlich geringeren Opferzahlen.

ivi/lie/AFP / AFP