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Deportiert und massakriert Warum der Völkermord an den Armeniern uns alle angeht


Vor 100 Jahren wurden Armenier im Osmanischen Reich verschleppt und getötet. Auch das Deutsche Kaiserreich wusste davon – und verhinderte die Gräueltaten nicht. Warum das heute noch wichtig ist.
Von Lisa-Marie Eckardt

Sollten die Armenier systematisch vernichtet werden? Auch 100 Jahre nach den Massakern an der christlichen Volksgruppe im Osmanischen Reich wird die Frage noch immer kontrovers diskutiert. Am Freitag wird den bis zu 1,5 Millionen Opfern der Massenmorde offiziell gedacht. Die entscheidende Streitfrage lautet: Soll man, wie die Armenier fordern, von "Völkermord" sprechen? Oder soll der Begriff, wie die Türkei verlangt, vermieden werden?

In Deutschland hat sich die Bundesregierung jetzt dazu entschlossen, offiziell von einem Genozid zu sprechen - an dem das Deutsche Kaiserreich nicht schuldlos war. Der Bundestag will einen Beschluss auf den Weg bringen, in dem das Geschehen vor 100 Jahren offiziell als "Völkermord" eingestuft wird. Wegen einer vergleichbaren Erklärung aus Österreich holte die Türkei bereits ihren Botschafter aus Wien zurück.

1. Was geschah vor 100 Jahren?

Im Ersten Weltkrieg wurden Armenier als vermeintliche Kollaborateure mit dem Feind systematisch vertrieben und umgebracht. Das Deutsche Kaiserreich und das Osmanische Reich standen Seite an Seite. Insofern trägt auch Deutschland eine Mitverantwortung. Am 24. April 1915 begann die Verfolgung zunächst mit Festnahmen und Deportationen von führenden Armeniern in Konstantinopel (heute Istanbul). Bald darauf wurden auch in anderen Siedlungsgebieten etliche wehrlose Opfer deportiert und massakriert. Von etwa 2 bis 2,5 Millionen Armeniern, die nach Schätzungen zu Beginn des Krieges im Osmanischen Reich lebten, kamen nach armenischen Angaben 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Die Türkei geht von deutlich weniger Toten aus.

2. Welche Rolle spielte das Deutsche Kaiserreich?

Das Deutsche Kaiserreich war im Ersten Weltkrieg der engste Verbündete des Osmanischen Reiches. Aus Dokumenten im Auswärtigen Amt in Berlin geht nach Angaben von Grünen-Politiker Cem Özdemir hervor, dass das Kaiserreich nicht nur von den Massakern vor 100 Jahren gewusst, sondern sie "bewusst vertuscht" hat. Die Reichsregierung unternahm trotz ihres Einflusses in Konstantinopel nichts, um die Gräueltaten zu stoppen. Der Autor und Journalist Jürgen Gottschlich warf Deutschland in seinem gleichnamigen Buch "Beihilfe zum Völkermord" vor.

3. Wer bezeichnet die Massaker als Völkermord?

Die Armenier tun es seit jeher. 1987 stufte auch das Europäische Parlament die Tragödie als Völkermord ein und forderte die Regierung in Ankara auf, dies ebenfalls anzuerkennen. Das türkische Außenministerium warf dem Parlament daraufhin vor, die Geschichte neu schreiben zu wollen. Etwa ein Dutzend Staaten, darunter Frankreich, Schweden, die Niederlande, Belgien und die Schweiz, schlossen sich der Auffassung des Europaparlaments an und zogen den Zorn der Regierung in Ankara auf sich. Auch Papst Franziskus sprach kürzlich vom "ersten Genozid des 20. Jahrhunderts". Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan entgegnete daraufhin: "Wir werden es nicht zulassen, dass historische Vorfälle aus ihrem Zusammenhang gerissen werden und als Instrument für Kampagnen gegen unser Land verwendet werden."

4. Warum will die Türkei den Begriff vermeiden?

Die Türkei räumt zwar ein, dass osmanische Truppen bei Massakern und Deportationen 1915 und 1916 armenische Christen töteten. Die Regierung bestreitet aber, dass es Hunderttausende waren und dass es ein Völkermord gewesen sein soll. Aus Sicht der türkischen Regierung existiert "kein authentischer Beweis, der die Behauptung unterstützt, dass es einen vorsätzlichen Plan gab, Armenier zu vernichten". Die Regierung argumentiert, dass in den Kriegswirren damals "osmanische Bürger verschiedener ethnischer und religiöser Zugehörigkeit" starben. Sie wehrt sich dagegen, "die Verantwortung nur dem türkischen Volk zuzuschreiben", und fordert eine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung der "Umsiedlung" und ihrer Folgen.

5. Was bedeutet Völkermord?

Der Begriff "Völkermord" bezeichnet die spezielle Absicht, auf direkte oder indirekte Weise "eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören". Nach der UN-Völkermordkonventionen von 1948 ist Völkermord ein Verbrechen gemäß internationalem Recht, "das von der zivilisierten Welt verurteilt wird". Die Konvention wurden in Gedenken an die völkerrechtlichen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg beschlossen. Nur wenige Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden vom internationalen Recht auf der Grundlage der UN-Konventionen angeklagt - darunter die Massaker von Ruanda 1994 und im ostbosnischen Srebrenica 1995.

6. Was würde eine Anerkennung für Armenien bedeuten?

Armenien verlangt, dass sich die Türkei aus Respekt für die Opfer ihrer Vergangenheit stellt und Verantwortung übernimmt. Die Anerkennung des Völkermordes sollte bisher Voraussetzung für eine Aussöhnung zwischen der christlich geprägten Südkaukasusrepublik und dem EU-Beitrittskandidaten sein. Nun erklärte sich Armeniens Präsident zu einer Aussöhnung bereit, auch ohne darauf zu bestehen, dass die Türkei akzeptiere, sie habe damals einen Völkermord begangen. Das Ziel sollen "normale Beziehungen sein", sagte Sersch Sarksjan. Die Friedensprozesse sollen "ohne Vorbedingungen" wieder ausgenommen werden. 2009 hatten Armenien und die Türkei bereits einen Anlauf zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen genommen, ohne Erfolg.

7. Seit wann wird in Deutschland von "Völkermord" gesprochen?

Bisher wurden die Massaker von der Bundesregierung nicht als "Völkermord" eingestuft. Grund war die Sorge vor einer weiteren Belastung der Beziehungen zu Ankara. Doch als Bundespräsident Joachim Gauck eine Einladung der Kirchen annahm, zum Thema "Völkermord an den Armeniern" zu sprechen, setzte er die Koalition damit unter Druck. Denn es wird erwartet, dass Gauck den "Genozid" an den Armeniern auch so nennen wird. Die Oppositionsparteien Grüne und Linke forderten eine Entschuldigung für die Mitverantwortung des Deutschen Kaiserreichs und auch in den Regierungsparteien regte sich Widerstand. Nun sprechen die Regierungsfraktionen von Union und SPD die Gräueltaten in einem Papier für eine Gedenkstunde am Freitag im Bundestag erstmals von Völkermord. "Der Bundestag bedauert die unrühmliche Rolle des Deutschen Reiches, das trotz eindeutiger Informationen (...) nicht versucht hat, diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu stoppen", heißt es darin.

8. Wie wird die Türkei reagieren?

Bisher hat sich die Regierung in Ankara noch nicht geäußert zu den Plänen der Bundesregierung, die Massenmorde an den Armeniern als Völkermord anzuerkennen. Nach einer entsprechenden Entscheidung in Österreich am Dienstag hat die Türkei jedoch ihren dortigen Botschafter aus dem Land zurückbeordert. "Es ist klar, dass die Erklärung des österreichischen Parlaments die türkisch-österreichische Freundschaft dauerhaft beflecken wird", hieß es am Mittwochabend.

9. Wie sehen das die Türken in Deutschland?

80 Prozent der drei Millionen in Deutschland lebenden Türken lehnen nach Angaben der Türkischen Gemeinde zu Berlin den Begriff "Völkermord" für die Massaker an den Armeniern ab. Sollte Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede am Donnerstagabend von "Völkermord" sprechen, würde er damit seine Kompetenzen überschreiten, sagte der Vorsitzende des Vereins Dialog und Frieden. Laut dem Verein Gedankengut Atatürks schadeten "einseitige Darstellungen der Geschichte" der Freundschaft zwischen Deutschland, der Türkei und Armenien. Es müsse auch gesehen werden, dass das osmanische Reich damals "Vaterlandsverteidigung" betrieben habe.

10. Sind Reparationsforderungen zu erwarten?

Forderungen nach Wiedergutmachung sollen bei einer Anerkennung des Völkermordes keine Rolle spielen. Dennoch wären Reparationsklagen vor allem gegen die Türkei von Privatpersonen, die damals Angehörige verloren haben, nicht ausgeschlossen. Die Bundesregierung rechnet nicht mit Forderungen gegen Deutschland. Der Antrag von Union und SDP beinhalte keine juristische Schulderkenntnis, sondern eine historische Einordnung.

mit DPA

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