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Wahl in Berlin: "Wowi" wacht auf

Der Kampf ums Hauptstadt-Rathaus hat begonnen: Die Berliner Grünen haben abgestimmt und wollen Renate Künast zur Bürgermeisterin machen. Amtsinhaber Klaus Wowereit gibt sich kampfbereit.

Von Jens Tartler, Berlin

Eigentlich will Klaus Wowereit über Renate Künast und die Grünen ja gar nicht reden. Er ist "der Regierende", wie das in Berlin heißt, Künast die Herausforderin. Aber dass es in ihm brodelt, zeigt der Bürgermeister an diesem Morgen in seinem Roten Rathaus. Um Mobilität soll es gehen, die Fortschritte des Wirtschaftsstandorts Berlin sollen gefeiert werden, der Festsaal ist voll mit Managern, bis hin zu Daimler-Chef Jürgen Zetsche. Aber eine lokale Größe wird vermisst. "Wo ist der Präsident der IHK?", fragt Wowereit in seine eigenen Begrüßungsfloskeln hinein. "Ist der in China? Ich denke, der ist schon bei den Grünen."

Eric Schweitzer kann es nicht richtigstellen, weil er tatsächlich weg ist. Aber in diesem Moment wird klar: Wowereit ist angefressen. Die fulminanten Umfrageergebnisse der Grünen und ihrer Spitzenkandidatin Künast, das Umschwenken des Bürgertums zur einstigen Alternativpartei - das ärgert den Mann, der sich als Gesicht der Hauptstadt sieht. Dass die gut verdienenden Akademiker im Westteil der Stadt oder in Prenzlauer Berg weit häufiger die Grünen wählen als die SPD, wird Wowereit bis zur Wahl im September des nächsten Jahres wohl nicht mehr ändern können.

Die Stadt als Ganzes hat er aber noch nicht aufgegeben. Anders als sein früherer Hamburger Amtskollege Ole von Beust hat der 57-Jährige keine Sehnsucht danach, sich den ganzen Tag auf Sylt im Strandkorb zu lümmeln. Dazu ist er immer noch viel zu energiegeladen und zu ehrgeizig. Noch vor einem Jahr sah er sich sogar als möglichen SPD-Kanzlerkandidaten. Dass er den Aufstieg in der Bundespartei nie so richtig hinbekommen hat, nagt immer noch an ihm. Aber in "seinem" Berlin, wo er sich vom Stadtrat in Tempelhof zum Regierungschef hochgearbeitet hat, von einer Grünen-Frau aus dem Amt gedrängt zu werden - dagegen wird er mit allem kämpfen, was er hat.

Da ist zum einen seine Schlitzohrigkeit. Wowereit ist ein unangenehmer Gegner. Künast ist zwar auch nicht auf den Mund gefallen, aber das leicht Durchtriebene des Amtsinhabers fehlt ihr. Sofort nachdem klar war, dass Künast ihn herausfordern würde, nörgelte Wowereit herum, Künast sei ja gar keine richtige Berliner Landespolitikerin, sie habe eine "Rückfahrkarte" in die Bundespolitik.

Als abgehoben will er Künast darstellen und sich selbst als den volksnahen "Wowi" inszenieren, der die Menschen auf der Straße versteht. So hat er schon vor Wochen eine "Kiez-Tour" gestartet, auf der er in den Fußgängerzonen Omas drückt und Kinderköpfe streichelt. Hier kann er tatsächlich seine Berliner Herkunft, seinen etwas kalkulierten Charme und seine unbestrittene Schlagfertigkeit ausspielen. Da hat es die eher schroffe Künast, die aus dem Ruhrgebiet stammt, schwerer.

Amtsmüde? Von wegen!

Wer Wowereit erlebt, bekommt tatsächlich nicht den Eindruck, der Regierende sei amtsmüde, wie es zum Beispiel die CDU immer wieder behauptet. Aber auch den Sozialdemokraten ist nicht entgangen, dass viele Berliner Rot-Rot leid sind. Die Koalition mit der Linken läuft zwar schon in der zweiten Legislaturperiode reibungslos und auch nicht ohne Erfolge, sie verbreitet aber wenig Glanz. "Es gibt einen Trend Richtung Rot-Grün", sagt einer von Wowereits Beratern. Klar sei aber, dass der Bürgermeister derselbe bleiben müsse. Die Führungsrolle für die Grünen, wie möglicherweise bald in Baden-Württemberg, sei unvorstellbar.

Um sich von der einstigen Verbraucherschutzministerin Künast abzusetzen, macht Wowereit jetzt auf Wirtschaftsfreund. Anders als in Stuttgart ließen sich in Berlin "große Infrastrukturprojekte noch durchsetzen", sagt er auf dem Kongress. Auch die von den Grünen bekämpfte Stadtautobahn A 100 müsse gebaut werden. Daimler-Chef Zetsche ist so begeistert, dass er über Wowereits Einladung, den Firmensitz nach Berlin zu verlegen, "noch mal nachdenken" will.

FTD