HOME

Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Machs noch einmal, Gorbi!

Damals war Michail Gorbatschow Visionär. Und einer, der ein Gespür für das richtige Timing hatte. Jetzt hat er wieder einen wichtigen Satz gesagt. Darum sollte der Westen auch diesmal auf ihn hören.

Von Axel Vornbäumen

Michail Gorbatschow steht während des Bürgerfestes vor dem Brandenburger Tor in Berlin als Ballonpate auf der Bühne

Michail Gorbatschow steht während des Bürgerfestes vor dem Brandenburger Tor in Berlin als Ballonpate auf der Bühne

Da war er mal wieder, der Gorbi! Nach langer, langer Zeit. Wir kennen ihn noch. Haben ihn nicht vergessen. Erinnern uns. Haben ihm ja eigens einen Spitznamen verpasst. So wurde er irgendwie einer von uns. Ja, wir hatten ihn auf eine eigentümliche Weise lieb gewonnen, so wie man Staatschefs normalerweise eigentlich nicht lieb gewinnt. Wenige haben es ja geschafft, so wie er die Welt zu verändern. Friedlich, weitestgehend. So jemanden nimmt man gerne auf in die eigene Wertegemeinschaft.

Aus einer Position nur vermeintlicher Stärke hatte er erkannt, dass es besser ist, die Systemkonfrontation zu beenden, Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war das. Michail Gorbatschow war es, der den Anstoß dazu gab, Hand an zu legen an den Eisernen Vorhang mitten in Europa. Das reicht für ein eigenes Kapitel in den Geschichtsbüchern dieser Welt. Allemal.

Ein weiterer wichtiger Satz

Damals war er Visionär. Und einer, der ein Gespür für das richtige Timing hatte. "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" - das hat er gesagt. Die Welt hat sich das gemerkt. Nicht immer hat sie sich daran gehalten, in den vergangenen 25 Jahren. Hätte sie mal.

Jetzt hat Michail Gorbatschow, Friedensnobelpreisträger und Ex-Staatschef der so nicht mehr existierenden Sowjetunion, wieder einen wichtigen Satz gesagt, nicht ganz so einprägsam vielleicht. Etwas sperriger, aber deshalb nicht mit weniger Wucht. Es wäre gut, wenn die Welt mal wieder aufhorchen würde. Denn diese Welt, hat Gorbatschow gesagt, "steht am Rande eines neuen Kalten Krieges". Den Politikern im Westen seien Euphorie und Triumphalismus zu Kopfe gestiegen.

Ist er noch unser Gorbi?

Das hat er gesagt. Michail Gorbatschow. In Russland ist er dafür gelobt worden, so, wie schon lange nicht mehr. Geschenkt. Und hier, im Westen? Ist er nun noch unser Gorbi? Oder schieben wir ihn aufs Altenteil? Redet in unseren Ohren da plötzlich Michail Gorbatschow, Ex-Staatschef der Sowjetunion, der nun doch um den russischen Weltmachtanspruch bangt?

Es wäre eine Leistung, nicht sofort in Abwehrreflexe zu verfallen. Mit dem Nachdenken beginnen, bevor einen das Leben bestraft, weil man zu spät gekommen ist. Ohne die Partnerschaft Russlands mit Deutschland könne es dauerhaft keine Sicherheit in Europa geben, hat Gorbatschow gesagt. Da hat er Recht.

Westen sollte mit Nachdenken beginnen

Wenn Reden an Gedenkfeiern einen Sinn haben, dann den, dass man sein Alltagshandeln daran überprüft, vielleicht sogar orientiert. Gorbatschow hat gefordert, die Sanktionen gegen Russland schrittweise aufzuheben. Der Westen sollte mit dem Nachdenken beginnen. Zumindest das.

Axel Vornbäumen hält normalerweise nicht viel von Sonntagsreden. Manchmal aber doch. Dem Autor kann man auf Twitter folgen unter @avornbaeumen

Themen in diesem Artikel