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Wikileaks veröffentlicht Geheimpapiere: Brisante US-Akten offenbaren Afghanistan-Desaster

Die Taliban werden immer stärker, Pakistans Geheimdienst treibt ein doppeltes Spiel, und die Lage der deutschen Truppen ist bedrohlich wie nie: Die Website WikiLeaks sorgt mit der Veröffentlichung von geheimen US-Akten zu Afghanistan für Wirbel - und Empörung in Washington.

Eine Sammlung von 90.000 überwiegend geheimen Afghanistan-Militärdokumenten offenbart das Wiedererstarken der radikalislamischen Taliban im Krieg gegen die Isaf-Schutztruppe. Die US-Einheiten und deren Verbündete verlieren den Papieren zufolge in dem seit knapp neun Jahren andauernden Krieg am Hindukusch zunehmend an Boden - ihre Sicherheitslage ist prekär. Die afghanischen Sicherheitskräfte seien "hilflose Opfer" von Taliban-Anschlägen. Die Lage verschlechtere sich auch im Norden des Landes, wo deutsche Soldaten im Einsatz sind. Die Dokumente belegen auch die Existenz einer US-Elitetruppe zur Liquidierung von Taliban-Anführern.

Die brisanten Informationen wurden dem Internetportal Wikileaks von bisher unbekannter Seite zugespielt. Wikileaks wiederum gab das Material vor wenigen Wochen an den "Spiegel" sowie die "New York Times" und "The Guardian" aus London weiter. Die drei Medien analysierten jeweils für sich die gewaltige Datenmenge der amerikanischen Streitkräfte. Es seien Meldungen der Truppen aus dem laufenden Gefecht, die kurz zusammengefasst und direkt weitergeleitet wurden. Die Medien glichen nach eigenen Angaben die Informationen mit den offiziellen Darstellungen der Lage in Afghanistan ab. Sie veröffentlichten ihre Berichte am Sonntagabend zeitgleich im Internet. Die Dokumente umfassen die Jahre von 2004 bis 2009.

Der "Spiegel" teilte mit, die Unterlagen zeigten den Krieg aus der unmittelbaren Sicht der US-Soldaten. Es gehe beispielsweise um Einsätze der Task Force 373, einer US-Eliteeinheit mit der Aufgabe ranghohe Taliban gezielt zu töten. Bei solchen Operationen gebe es zahlreiche zivile Opfer - auch Kinder. Auftraggeber der Kommandos für die Task Force 373 sei direkt das US-Verteidigungsministerium. Rund 300 Soldaten der Einheit seien abgeschirmt auch im deutschen Lager Masar-i-Scharif untergebracht.

Die Dokumente offenbaren demnach auch, dass der pakistanische Geheimdienst der "vermutlich wichtigste außerafghanische Helfer der Taliban" ist. Abgesandte des pakistanischen Geheimdienstes sind dem Bericht zufolge dabei, wenn sich Aufständische zum Kriegsrat treffen und sollen auch präzise Mordbefehle erteilen, etwa gegen den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai.

Das Hamburger Magazin arbeitete vor allem die Lage der deutschen Truppen im Norden des Landes heraus. Diese sei bedrohlich, die Zahl der Kampfhandlungen habe ebenso drastisch zugenommen wie die Zahl der Anschläge. Auch der Einsatz von Spezialeinheiten der US-Streitkräfte helfe nur bedingt. Aus den Meldungen gehe anschaulicher als aus den Informationen der Bundesregierung an den Bundestag hervor, dass die Sicherheitslage in der Region immer schlechter werde. Nach dem Willen der internationalen Gemeinschaft soll die Führung Afghanistans von Ende 2014 an selbst für die Sicherheit des Landes sorgen.

USA verurteilen Enthüllungen aufs Schärfste

Der nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Barack Obama, James Jones, zeigte sich empört über die Enthüllungen. "Die USA verurteilen aufs Schärfste die Veröffentlichung von Geheiminformationen durch Einzelne oder Organisationen, durch die das Leben von Amerikanern und deren Verbündeten gefährdet und die nationale Sicherheit bedroht wird", sagte er.

Wikileaks sammelt geheime offizielle Dokumente aus anonymen Quellen, um Missstände öffentlich zu machen. Gründer Julian Assange erklärte dem "Spiegel": "Das Material wirft ein Schlaglicht auf die alltägliche Brutalität und das Elend des Krieges. Es wird die öffentliche Meinung verändern und auch die von Menschen mit politischem und diplomatischem Einfluss." In der Fülle stelle das Material alles in den Schatten, was über den Krieg in Afghanistan gesagt worden sei. "Diese Daten sind die umfassendste Beschreibung eines Krieges, die es jemals während eines laufenden bewaffneten Konflikts gegeben hat (...)."

Assange stellte klar, dass das gesamte Material vor der Veröffentlichung daraufhin überprüft worden sei, ob durch Details tatsächlich Soldaten im Afghanistan-Einsatz oder deren Verbündete in Gefahr geraten könnten.

mad/DPA/AFP / DPA