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Wildbad Kreuth: Sieger sehen anders aus

Alle sind nett zueinander, auch Seehofer bekennt sich zu Stoiber, Ramsauer erklärt seinen Vorschlag, CSU-Parteivorsitz und das Amt des Ministerpräsidenten zu trennen, zum Missverständnis. Wildbad Kreuth - eine schrecklich schöne Inszenierung der CSU.

Von Hans-Peter Schütz

Jürgen Thumann will lernen, wie Parteipolitik läuft. Deshalb ist der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) zum Wochenbeginn ins Wildbad Kreuth oberhalb des Tegernsees gereist, wo die CSU-Landesgruppe im Bundestag sich seit 31 Jahren jeweils zum Jahresbeginn zur politischen Nabelschau versammelt. Der Düsseldorfer Unternehmer, kein CSU-Mitglied, ist privilegierter Gast von Wirtschaftsminister Michel Glos und darf zuhören und mitreden, wenn die Parteioberen hinter verschlossenen Türen Internas auspacken.

Was Thumann in Kreuth am Montagabend dabei erlebt hat, lässt ihn noch am Dienstagmorgen beim Frühstück staunen. Fast bewundernd und ein wenig fassungslos erzählt er: "Die haben sich kein bisschen gezofft!" Keine Diskussion über die schöne Landrätin Gabriele Pauli und ihre Fehde mit Parteichef Edmund Stoiber? Kein Streit, ob die CSU mit ihrem angeschlagenen Ministerpräsidenten im Herbst 2008 noch einmal antreten soll? Und keine gegenseitigen Schuldzuweisungen, weil sich die Parteioberen zuweilen verhalten haben, als wollten sie sich ein Verfahren wegen parteischädigenden Verhaltens einhandeln?

"Nichts da," berichtet Thumann, "da wurde zum Auftakt der Sitzung noch einmal der Beschluss des CSU-Präsidiums vom Montagmorgen vorgelesen und dann diskutierte die CSU sehr stringent nur noch sachpolitische Themen." In dem einstimmig gefassten Votum hatte das Gremium bekräftigt, dass Stoiber die Nummer 1 der Partei ist und bleibt und "seine erfolgreiche Politik über 2008 hinaus fortsetzen wird." Damit machte Stoiber auf seine Art in der Kreuther Klausur unverzüglich ernst: Er redete eine Stunde lang über gesellschaftliche Veränderungen und Herausforderungen im nächsten Jahrzehnt. "Das war hart," stöhnte anderntags einer der Zuhörer. Energiepolitik, EU-Mitgliedschaft der Türkei, Gesundheitsreform, demografische Entwicklung, Erbschaftssteuerreform undsoweiter undsoweiter. Irgendwie alles globale Themen, vor denen eine Frau Pauli zur lokalen Petitesse schrumpfte.

Nur Treueschwüre und Artigkeiten

Alles läuft auf dieser Kreuther Klausur ganz anders als erwartet. Wo sich die CSU-Spitze seit Jahrzehnten in einer winterliche Traumlandschaft den TV-Kameras stellte und ihre politische Stärke mit dicken Backen vorführte, stehen sie in diesem Winterfrühling bei zehn Grad plus im Schnürlregen und in Nebelschwaden, wobei naturgemäß keiner eine gute Figur macht. Da fragt dann ein Journalist tapfer Agrarminister Horst Seehofer: "Kennen Sie einen größeren Angsthasen als Edmund Stoiber?" Der lacht und sagt: "Wie kommen Sie denn auf die Frage?" Und damit ja niemand darin versteckte Kritik vermutet, fügt er hinzu: "Wir haben 2008 mit dem Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten Edmund Stoiber die besten Chancen."

Wo die Parteioberen zunächst befürchtet hatten, die CSU könne sich in ihre Einzelteile zerlegen, gab es kein Gemetzel, nur Treueschwüre und Artigkeiten. Frage an die Parlamentarische Staatssekretärin Dagmar Wöhrl: "Ist Stoiber ein Frauenfeind, weil er sich so lange mit Frau Pauli nicht treffen wollte?" Brav sagt die CSU-Dame: "Stoiber ist immer sehr frauenfreundlich gewesen. Er hat sich immer für die Frauen in der CSU eingesetzt." Und weil auch Frauen nicht immer nur nett zueinander sein mögen, setzt sie spitz hinzu: "Die Pauli macht nur Reklame für sich. Sie sollte sich jetzt endlich mal wieder in die politische Arbeit einbringen." Oder: Hat etwa Landesgruppenchef Ramsauer jemals auch nur in Gedanken erwogen, Regierungsamt und CSU-Vorsitz zu trennen? Natürlich nicht. "Mit der Behauptung sollte ich reingelegt werden."

Ramsauer, breitbeinig und unabhängig

Überhaupt dieser Ramsauer. Gibt den bundespolitischen Chef, der vor Kraft kaum laufen kann. Wagt heikle Scherze, indem er den Kreuther Ehrengast David Cameron, Chef der britischen Konservativen, mit der Bemerkung begrüßt, der dürfe sich "Leader of the Party" nennen, was sich für Stoiber in direkter Übersetzung leider verbiete. Und fällt dem CSU-Vorsitzenden schroff ins Wort, als der eine Frage beantworten will, für die sich Ramsauer selbst zuständig fühlt. Als Stoiber gefragt wird, was er denn aus seiner Kontroverse mit Frau Pauli gelernt habe, verhindert sein Berliner Vormann eine Antwort Stoibers indem er tönt: "Es gibt hier keine Personality-Show."

Das überbordende Selbstbewusstsein Ramsauers ist kein Zufall. Er will nichts anderes werden - zumindest auf absehbare Zeit. Nicht Minister, noch Ministerpräsident. Das macht unabhängig. Er strahlt in Kreuth in die Kameras, breitbeinig, lächelnd. Mir kann keiner, signalisiert er. Er hat eine schwierige Rolle in den letzten Wochen fehlerfrei gemeistert. Die Berliner CSU-Landesgruppe steht geschlossen hinter ihm. Fassungslos haben sie beobachtet, was an Turbulenzen sich die CSU in Bayern geleistet hat. Ramsauer gehörte auch zu denen, die vor der Sitzung des CSU-Präsidiums am Montag intern massiv Druck - manche sprechen von einem Ultimatum - bei Stoiber gemacht hat, jetzt endlich seinen Beitrag zur Beendigung der "Affäre Pauli" zu leisten. Sprich: Die Landrätin nicht länger mit "Sie sind nicht wichtig" abzumeiern, sondern ihr ein Gespräch anzubieten. Stoiber soll sich, so Insider, bis zuletzt gegen diesen Schritt gewehrt haben, den er unverändert als Zumutung empfindet. Um sein Amt zu retten, hat er am Ende doch nachgegeben - und sich sogar verpflichtet, sich bei Pauli zu entschuldigen.

"Es wird keine Ruhe geben"

Offen ist, wie weit die Treueschwüre für Stoiber über den Tag von Kreuth hinaus reichen. Die "legendäre Geschlossenheit," die Landtagspräsident Alois Glück bejubelt, kann schnell wieder vergessen sein. Wenn die nächste Umfrage etwa ein Rutschen der CSU unter die 50 Prozent signalisiert. Was wenn die CSU bei den Kommunalwahlen im Frühjahr 2008 abgebürstet wird und die Freien Wähler, die auch bei der nachfolgenden Landtagswahl antreten wollen weiter zulegen? Schon jetzt dürfte sicher sein, dass von der 124-köpfigen Landtagsfraktion rund 20 bei der Landtagswahl 2008 ihr Mandat verlieren werden, weil eine erneute Zwei-Drittel-Mehrheit nicht mehr erreichbar ist. Die Bertroffenen können die Quelle fortwährender Unruhe sein. Was, wenn Stoiber etwa beim kommenden Aschermittwoch in Passau ausgepfiffen wird. "Es wir keine Ruhe geben," prophezeit ein Vertrauter von Ramsauer.

Stoiber machte im Gegensatz zu Ramsauer in Kreuth nicht den Eindruck, als wisse er vor Kraft nicht wohin. Griesgram im Gesicht, hängende Mundwinkel, gebeugte Schultern – Sieger sehen anders aus. Für ihn zähle allein, wie Bayern am Ende dastehe. Weil dies nur in ein gutes Ergebnis münden werde, sei er sich des Ergebnisses bei der Landtagswahl sicher: 50 Prozent plus X. Und wenn er wiedergewählt ist? Dann will er weitersehen, denn, so Stoiber: "Ich mache nie halbe Sachen."

Es wird in der CSU nicht wenige geben, denen das wie eine Drohung in den Ohren geklungen haben muss.