Wolfgang Schäuble "Uns droht kein Weltuntergang"


Er sieht es nur als eine Frage der Zeit an, bis der erste Türkischstämmige (oder andere Migrant) das Kanzleramt erobert. Er hält die Banken momentan für eine größere Bedrohung als den Terrorismus. Und er schwärmt regelrecht von Barack Obama: Der stern führte mit Innenminister Wolfgang Schäuble ein verblüffendes Gespräch.
Von Andreas Hoidn-Borchers, Berlin

Höher hinaus hat es kein Bundesminister geschafft. Wolfgang Schäuble sitzt im 13. Stock mit weitem Blick über Berlin. Unten fließt die Spree. Nur ein wenig klein ist das Büro geraten, für ein gewaltiges Ego zumindest. Vorgänger Otto Schily fand die Bleibe jedenfalls eher unangemessen, zu wenig repräsentativ für den Minister des Inneren der Bundesrepublik Deutschland, den Verfassungsminister.

Ach, sagt Wolfgang Schäuble, ihm reiche es. Mehr muss nicht sein. Es ist Donnerstagabend. Stockduster. Draußen funkeln tausend Lichter. Der Fernseher läuft, Parlamentskanal, irgendeine Bundestagsdebatte. Der Minister hat auf stumm geschaltet. Er sei mit sich im Reinen, sagt er den stern-Redakteuren. Es scheint zu stimmen. Der 65-Jährige, seit dem Attentat im Jahr 1990 an den Rollstuhl gefesselt, wirkt in der Tat entspannt. Kein Gift, keine Galle. Dafür entspinnt sich ein ungewöhnliches Gespräch. Es dreht sich um Obama und Osama bin Laden, um Bush und Brecht, um Gier und Gebete - und natürlich um die Finanzkrise. Komplett nachzulesen ab Donnerstag im neuen stern.

"Das Land ist längst nicht auf der sicheren Seite"

Wer die freie Gesellschaft denn mehr bedrohe, fragt der stern: die Banker oder bin Laden? Da stutzt Schäuble, lacht kurz in sich hinein und antwortet dann: "Mal abgesehen von Ihrer journalistischen Zuspitzung machen uns gegenwärtig in der Tat die Banken mehr Sorgen." Sie sind es, die das Vertrauen der Bürger momentan erschüttern. Allerdings attestiert Schäuble den Deutschen auch, dass sie "mit erstaunlicher Reife" auf die Finanzkrise reagiert haben. Bislang jedenfalls. Die Demokratie sieht der Innenminister nicht in Gefahr - obwohl die Krise nicht mal ansatzweise ausgestanden ist, im Gegenteil. Keiner weiß, was noch kommt. Das Land sei "längst nicht auf der sicheren Seite", sagt Schäuble. "Wir fahren ziemlich auf Sicht. Nur: Es droht uns nicht gleich der Weltuntergang. … Noch leiden wir nicht Hunger." Und es gibt ja auch positive Seiten. Es sei doch "nicht schlecht, wenn diese Krise dazu führt, dass Übertreibungen korrigiert werden müssen", sagt er, etwa die "Selbstbedienung - eine Managerkaste genehmigt sich dreistellige Millionenbeträge in einem geschlossenen System, aus dem keiner rausfliegt, der einmal drin ist."

"Obamas Wahl ist eine Chance"

Nächstes Thema. Der neue US-Präsident. Barack Obama, der Demokrat, der nicht-konservative Kandidat. Aus Sicht des deutschen CDU-Mannes müsste er der falsche Mann sein. Irrtum. Wer Schäuble hört und Schäuble ein bisschen kennt, der merkt schnell: Für seine Verhältnisse schwärmt er geradezu von diesem Mann. Dessen Wahl sei "eine Chance" und "in unserem Interesse", sagt Schäuble. Obama habe "enorme Substanz" und werde "das Vertrauen in die USA zurückgewinnen". Obamas Rede zur Rassenfrage hat ihn sogar "wirklich ergriffen". Danach sagte er seiner Frau: Der gewinnt die Wahl - dabei war damals noch nicht einmal klar, ob er sich gegen Hillary Clinton in den Primaries durchsetzen würde. Mitten in der Wahlnacht schaltete Schäuble dann den Fernseher ein, um bestätigt zu bekommen, dass er recht behalten hat. Kein Wunder, dass er hingegen völlig daneben findet, wie der russische Staatspräsident Medwedjew direkt nach der Wahl Obamas die USA massiv attackiert hatte: Die Reaktion Russlands sei "doch ziemlich unklug, da hat sogar der unsägliche iranische Präsident etwas intelligenter reagiert."

Die Frage drängt sich auf. Nach Obama, dem ersten Schwarzen im Weißen Haus: Wann gibt´s eigentlich den ersten Deutschen mit Migrationshintergrund im Kanzleramt? Die Antwort kommt schnell, auch mit ihr hätte man nicht unbedingt gerechnet: Das sei nur noch "eine Frage der Zeit". Ein Türkischstämmiger als Regierungschef? "Ja, warum denn nicht!", ruft er. "In den jungen türkischstämmigen Deutschen der dritten Generation steckt großes Potenzial - wir müssen nur vernünftig damit umgehen."

Natürlich verteidigt er die umstrittene Online-Durchsuchung und das BKA-Gesetz. Er macht es mit einem historischen Vergleich. Der Staat müsse reagieren, wenn Terroristen neue Kommunikationswege nutzten, "bei Wallenstein hat der kaiserliche Hof den Boten vom schwedischen Lager zu Wallenstein abgefangen". Okay, aber bei Wallenstein gab es die FDP noch nicht! Da guckt Wolfgang Schäuble doch erst einmal verblüfft, denkt kurz nach - und gibt dann zurück: "Aber Wallenstein gehörte zweifelsfrei zu den Besserverdienenden."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker