Wowereit und Jauch Der Tanz um die K-Frage


Gegen Ende dieser Klaus-Wowereit-Ich-Sag'-Alles-Woche hat sich das Berliner Stadtoberhaupt auch noch von Günther Jauch interviewen lassen. "Wie hältst Du's mit der Kanzlerkandidatur?", lautete dabei die zentrale Frage des Starmoderators, der ein zweites Outing Wowereits erzwingen wollte.
Von Ulrike Schuler

Eines gleich vorweg: Ein erlösendes "Ich will Kanzler werden - und das ist auch gut so" gab es nicht. Moderator Günther Jauch mühte sich bei der Vorstellung von Klaus Wowereits Autobiografie in der Berliner Bertelsmann-Repräsentanz allerdings redlich, dem Regierenden Bürgermeister ein glasklares Bekenntnis zu bundespolitischen Ambitionen zu entlocken. Schließlich war es Wowis große Woche: Tag für Tag mehr oder weniger aufregende vorveröffentlichte Schnipsel seines Lebens in der "Bild", dann Signierstunde mit Massenandrang im Kulturkaufhaus Dussmann und im stern-Interview seine Diagnose, dass Deutschland reif sei für einen schwulen Bundeskanzler. Da wäre ein neues Outing als kleiner Höhepunkt durchaus angemessen gewesen.

Doch Jauchs Anstrengungen blieben vergeblich, wenn auch nicht unamüsant. Mit unschuldigem Augenaufschlag und ganz trocken kam er im öffentlichen Zwiegespräch immer wieder auf das Thema Kanzlerkandidatur. Ob er die Parallelen zur Jugendzeit von Ex-Kanzler Gerhard Schröder für Zufall halte oder ob da immer wieder ein bestimmter Typ von SPD-Politiker hervorgebracht werde, der nach oben will, war eine der ersten Fragen des Moderators. Der Gefragte ließ ihn jedoch mit allgemeinen Statements über die Nachkommen der Kriegerwitwen, die stellvertretend für viele ständen, abblitzen.

Buch schon seit Jahren im Gespräch

Als Wowereit seinem Ärger darüber Luft machte, dass Angela Merkel als Regierungschefin zu Lasten der Sozialdemokraten immer den ersten Stich hole, dachte man einen Moment, jetzt ist er erwischt. "Es muss ein neuer Kanzler her", sagte der Moderator und Wowereit: "Ja". Sein Buch also eine Bewerbung fürs Kanzleramt? "Das weise ich nicht nur pro forma zurück. Das ist auch einfach falsch", dementierte Wowereit jedoch. Die Autobiografie sei schon seit Jahren im Gespräch, dahinter stecke überhaupt keine Strategie. Außerdem: "Alle, die dachten, dass sie step by step ihre Karriere planen, sind ziemlich gescheitert." Politik lasse sich nur über bestimmte Zeiträume kalkulieren. Alles hänge von bestimmten Konstellationen ab, die er sich nicht traue vorherzusagen.

Wenigstens einiges an Selbstcharakterisierungen entlockte Jauch dem Wowereit mit ein paar gezielten Unterstellungen. Wowereit der geborene Kungler? Das habe jeder schnell lernen müssen, der etwas bewirken wollte. Langwierige ideologische Debatten über die Revolutionierung der Welt ohne praktisches Handeln, seien nie sein Ding gewesen, gestand der Regierende Bürgermeister. Er habe das Kungeln "wunderbar beherrscht". Seine Feststellung im Buch, es sei bisweilen klüger, 10.000 Wähler zu verärgern als 50 Parteifreunde - das Credo eines klassischen Karrieristen? "Das ist nicht das Credo eines klassischen Karrieristen, sondern blanke Realität", entgegnete Wowereit.

Ärmliche Verhältnisse und hart schuftende Mutter

Erklärtes Ziel des Buches ist es, politische Ambitionen durch Biografisches zu erklären. In seinem Fall rückt Wowereit besonders die Jugend in ärmlichen Verhältnissen und die hart schuftende Mutter in den Mittelpunkt. Die habe sich als Putzfrau und mit Nebenverdiensten wie dem Verkauf von Stiefmütterchen und Petersiliensträußen abgerackert, damit ihre Kinder es mal besser haben. Von ihr habe er gelernt, sich trotz Zugehörigkeit zur Unterschicht Stolz und Mut nicht nehmen zu lassen und nicht immer andere für das eigene Schicksal verantwortlich zu machen. Ob das nicht das Prinzip Eigenverantwortung sei, das Union und FDP flammend vor sich hertrügen, stichelte Moderator Jauch. Die Politik müsse denjenigen, die den Willen hätten zu arbeiten, die Möglichkeiten dazu geben, wich Wowereit aus.

Fest hielt der Regierende Bürgermeister an seinem im Buch geäußerten Erstaunen darüber, dass manche "kleinen Leute" 80 Euro für Zigaretten und weitere 80 für Alkohol, Bezahl-TV und Handy-Gebühren ausgeben könnten. Das würde er auch vor einem SPD-Parteitag vertreten. Es bringe gar nichts, einfach mehr Geld ins System zu geben, das dann doch nicht bei den Kindern ankomme, die ohne Frühstück in die Schule kämen, sagte der Bürgermeister und forderte den Einsatz von Familienhelfern.

Schnellparcour in Sachen Personalien

In Sachen Personalien gab es eine Art Schnellparcour. Willy Brandt? Ein Politiker, der so viel Ausstrahlung hatte, dass er Idol war, urteilte Wowereit. Konrad Adenauer? Einer, dem er nie vergessen hat, dass er Berlin so im Stich gelassen habe. "Es war Kennedy, der kam und uns Mut gemacht hat." Helmut Kohl? "Als Kanzler fand ich ihn furchtbar." Helmut Schmidt? "Seine politischen Auffassungen waren nicht meine Politik." Oskar Lafontaine? Einer, der die SPD verraten habe. Und: "Der ist ja so was von bourgeois", sagte Wowereit über den Parteichef der Linken.

Natürlich durfte auch die Geschichte des berühmten Satzes "Ich bin schwul - und das ist auch gut so" nicht fehlen. Aus dem Gefühl heraus, dass das ein ganz schmutziger Wahlkampf werden könne, sei es 2001 zu dem öffentlichen Outing auf dem SPD-Landesparteitag gekommen. "Mir wäre es am liebsten, dass das kein Thema wäre", sagte Wowereit. Es sei aber noch lange nicht so, dass die Gesellschaft Homosexualität lässig akzeptiere. Sein Outing habe ihm zwar gerade unter jungen Leuten eine Sympathiewelle gebracht, aber viele hätten es auch "zum Kotzen gefunden", dass er nicht nur schwul sei, sondern es auch noch sage.

Bei seiner Buchpräsentation konnte sich Wowereit allerdings nicht über einen Mangel an Freundschaftsbekundungen beschweren. Sein Lebensgefährte Jörn Kubicki saß solidarisch in der ersten Reihe und Kabarettistin Désirée Nick fand den Abend "super". "Jauch hat toll gefragt und Wowi superschlau geantwortet", hauchte sie. Der Moderator ärgerte sich allerdings ein wenig über eine nicht gestellte Frage. Was Wowereit gemacht hätte, wenn seine äußerst knappe Wiederwahl zum Bürgermeister vor rund einem Jahr gescheitert wäre, habe er eigentlich noch wissen wollen. Wenn es ihm damals wie Heide Simonis ergangen wäre, weil ihm zu viele Abgeordnete die Gefolgschaft verweigerten - wäre er da aus der Politik raus gegangen? Das wäre eine tolle Schlussfrage gewesen, bedauerte Jauch.

Entertainerin Gayle Tufts dachte schon mal über landespolitische und Kanzlerfragen hinaus und brachte ganz neue Karrieremöglichkeiten ins Gespräch. Sie wünsche sich einen wie Wowereit als US-Senator oder noch besser: als US-Präsidentschaftskandidat.


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