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Zentralrat der Juden: Knobloch geht, und wer kommt?

Der Stil, mit dem Charlotte Knobloch aus dem Amt der Präsidentin des Zentralrates der Juden befördert wurde, ist respektlos. Aber: Es gibt auch gute Gründe für einen Generationenwechsel.

Am vergangenen Mittwoch war Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden, in Osnabrück. Dort wollte sie gemeinsam mit Ministerpräsident Christian Wulff eine neue Synagoge eröffnen. Das hätte die üblichen schönen Bilder erzeugt: festliche Reden, Händeschütteln, Postkartenansichten des Interieurs. Aber just an diesem Mittwoch gab die "Zeit" eine Agenturmeldung raus. Sie lautete: Knobloch verzichtet auf eine zweite Amtszeit als Präsidentin. Knobloch reagierte auf Nachfragen völlig überrascht. Ihre Amtszeit ende erst im November, sagte sie, sie beteilige sich nicht an Spekulationen.

Die "Zeit" berief sich in ihrer Pressemitteilung auf "Zentralratskreise". Also wurde die Information aus Knoblochs eigenem Verband gespielt. Ihre Stellvertreter, Dieter Graumann und Salomon Korn, schwiegen zu der Angelegenheit. Auch Generalsekretär Stefan Kramer sprang Knobloch nicht zur Seite. Damit dokumentierten sie, dass die 77-Jährige keinen Rückhalt mehr hat. Es gibt elegantere Wege, einen Generationenwechsel einzuleiten. Dieser war respektlos. Manche sprechen von einer Intrige.

Gut getarnt die NS-Diktatur überlebt

Nun hat Knobloch auf der Sitzung des Direktoriums des Zentralrates auch offiziell ihren Rückzug angekündigt. Als Nachfolger wird ihr bisheriger Vize Graumann, 59, gehandelt. Er wäre der erste Präsident, der den Holocaust nicht selbst er- und überlebt hat. Der studierte Volkswirtschaftler wurde 1950 in Israel geboren, im Alter von eineinhalb Jahren kam er mit seiner Familie nach Frankfurt. Dort besitzt er eine Liegenschaftsverwaltung. Graumann sagte dem "Spiegel": "Wir müssen raus aus der schrecklichen Opferrolle. Wir müssen deutlicher machen, wofür wir sind, nicht wogegen."

Knobloch, die 1932 geboren wurde und in der Obhut einer fränkischen Familie die NS-Diktatur überlebte, weil sie als uneheliches Kind einer Katholikin ausgegeben wurde, führte den Zentralrat noch im traditionellen Sinn. Sie sah es als ihre Aufgabe an, die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten, sowie unablässig vor den Gefahren des Rechtsextremismus und eines neuen Antisemitismus zu warnen. Graumann verglich die Arbeit des Zentralrats unter Knobloch mit einer "Empörungsmaschine".

Als "Tante Charly" verunglimpft

Kritiker warfen Knobloch vor, sie raube damit dem Zentralrat seine politische Bedeutung. "Spiegel"-Autor Henryk M. Broder verunglimpfte sie als "Tante Charly" und sagte, sie sei überfordert. Zudem sei ihre Organisation in einem erbärmlichen Zustand. Broder kündigte 2009 an, selbst zu kandidieren - wollte diese Ankündigung aber später nur noch als Diskussionsanregung verstanden wissen. Der Publizist Alfred Grosser kritisierte in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", Knobloch vernachlässige die aus dem ehemaligen Ostblock eingewanderten Juden. Sie stellen mittlerweile 90 Prozent aller Juden in Deutschland, sind aber im Zentralrat nicht an entscheidender Stelle vertreten.

Grosser warf dem Zentralrat auch vor, er nehme einseitig Partei für die israelische Regierung, und schwinge "reflexhaft die Antisemitismuskeule", sobald Kritik an Israel laut werde. Da diese Kritik an den Zentralrat insgesamt adressiert war, richtete sie sich allerdings auch an Knoblochs potentiellen Nachfolger Graumann. Er hatte 2006 der damaligen Entwicklungshilfeministerin Heidi Wiezcorek-Zeul, SPD, vorgeworfen, sie lebe "seit Jahren ihre anti-israelischen Reflexe" aus. Der Hintergrund: Wiezcorek Zeul hatte gefordert, die Vereinten Nationen sollten den Einsatz von Streubomben durch das israelische Militär im Libanon-Krieg untersuchen. Graumann legte sich auch mit der Linkspartei an, der er "empörende Feindseligkeit" im Umgang mit Israel vorwarf.

Teilnahme an politischen Debatten

Trotz dieser inhaltlichen Überscheidung galt das Verhältnis zwischen Knobloch und ihren Stellvertretern sowie dem Generalsekretär immer als schwierig. Medienberichten zufolge haben Graumann, Korn und Kramer die Präsidentin nie richtig ernst genommen, auch weil sie sich lieber an ihrem Heimatort München aufhielt, anstatt sich in Berlin bundespolitisch einzumischen. Jüngere Vertreter im Zentralrat drängen nun nach Angaben der "Welt" darauf, dass der Zentralrat sich nicht nur als Holocaust- und Antisemitismus-Mahner versteht, sondern sich auch an Debatten über soziale und ethische Fragen beteiligt, beispielsweise zur Gen- und Biotechnik sowie den Problemen im Umweltschutz. Jüdische Vertreter sollten dabei eine Rolle spielen wie es die Vertreter christlicher Kirche schon längst tun.

Würde sich der Zentralrat in diesem Sinne wandeln, wäre der Abschied Knoblochs in der Tat mehr als nur eine Personalie - es wäre der zugleich der Aufbruch in ein neues Selbstverständnis der Juden in Deutschland.

DPA/AFP/lk / DPA