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Verfahren gegen Stephan B. Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde sagt im Prozess gegen Halle-Attentäter aus: "Will ihm nicht in die Augen schauen"

Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Halle
Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Halle, wenige Tage nach dem Anschlag
© Soeren Stache / DPA
Max Privorozki, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle, sagt an diesem Dienstag im Gerichtsverfahren um den Anschlag im vergangenen Oktober als Zeuge aus. Dem stern erzählte er vor dem Prozessauftakt, was er sich von der Verhandlung erhofft.

Es ist Tag zehn im Prozess um den rechtsextremistisch motivierten Anschlag auf die Synagoge von Halle an der Saale – und wieder werden die Blicke auf die Menschen gerichtet sein, die dem Tod nur knapp entkommen sind.

52 Gläubige hatten sich am 9. Oktober vergangenen Jahres in dem jüdischen Gotteshaus versammelt, um gemeinsam Jom Kippur zu begehen, den höchsten Feiertag im Judentum.

Zwei Menschen starben beim Anschlag von Halle

Gegen 12 Uhr hatte der Angeklagte Stephan B. versucht, gewaltsam in das Gebäude einzudringen. Er zündete Sprengsätze und versuchte, eine Holztür zum Hof der Synagoge mit einer selbst gebastelten Waffe aufzuschießen. Im Inneren – so der Plan des inzwischen 28-Jährigen – wollte er so viele Menschen wie möglich töten, aus purem Hass auf Juden, wie B. im bisherigen Prozessverlauf mehrfach deutlich gemacht hat.

Die Tür hielt den Schüssen stand. B. erschoss daraufhin vor der Synagoge die 40-jährige Passantin Jana L. und wenig später in einem Döner-Imbiss den 20-jährigen Kevin S. Erst nach rund anderthalb Stunden konnte die Polizei den Rechtsterroristen überwältigen. Seit Juli wird ihm in Magdeburg der Prozess gemacht.

An diesem Dienstag soll nun unter anderem Max Privorozki in den Zeugenstand treten. Er ist der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle und einer von Dutzenden Nebenkläger in dem Mammutprozess.

"Ich hoffe, dass das Gericht sehr präzise die Hintergründe erforschen wird, zum Beispiel, wie sich diese antisemitische Paranoia [von Stephan B.; Anm. d. Red.] entwickelt hat", beschrieb Privorozki im April dem stern seine Erwartungen an das Verfahren. Ob das Gericht diese vollends erfüllen kann, ist ungewiss. Die Aktivitäten des Angeklagten im Internet werden womöglich ein blinder Fleck bleiben. Die Ermittlungen konnten nicht vollständig klären, auf welchen Plattformen sich B. herumtrieb, mit wem er dort kommunizierte und wie sich sein antisemitisches, frauenfeindliches und rassistisches Weltbild in den Jahren vor der Tat immer weiter festigte – und schließlich zu dem Entschluss geführt hat, bewaffnet die Synagoge von Halle stürmen zu wollen.

Wie die übrigen Gläubigen in der Synagoge konnte auch Privorozki am 9. Oktober 2019 die Versuche des Attentäters, in das Gotteshaus einzudringen, und den Mord an Jana L. live über Überwachungsbildschirme im Gebäude mitverfolgen.

"Was soll ich in diesen Augen sehen?"

Privorozki will, so schilderte er es im April, dass im Gerichtssaal auch über die Opfer gesprochen wird. Über diejenigen, die ihr Leben verloren haben. Und über die anderen, die verletzt wurden. Am Körper oder so wie er und viele seiner Gemeinde: an der Seele. Bereits an den vergangenen Prozesstagen schilderten einige von ihnen, wie sie die Minuten in Todesangst miterlebt haben. Wie der Anschlag von Halle ihr Leben verändert hat. Fast alle berichteten dabei von psychischen Folgen wie Schlafstörungen und Angstattacken, mit denen sie seit dem Tag des Anschlags zu kämpfen hätten.

An diesem Dienstag wird Privorozki im Saal C24 im Landgericht Magdeburg dem Menschen, der ihn töten wollte, ganz nahe sein. Nur wenige Meter trennen den Zeugenstand von der Anklagebank. B. wird, wie an allen Prozesstagen, an den Füßen gefesselt sein. Er ist keine Gefahr mehr für den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde von Halle und die anderen 51 Gläubigen. Das antisemitische Weltbild in Teilen der Gesellschaft bedroht sie jedoch weiterhin.

Was wird Privorozki empfinden, wenn er dem Täter gegenüberstehen wird?  "Ich will ihm nicht in die Augen schauen", sagte er dem stern. "Was soll ich in diesen Augen sehen? Den paranoiden Hass auf Juden? Dieser Mensch ist einfach nur krank."

wue

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