VG-Wort Pixel

Zu Besuch in Griechenland "Merkel in Athen - das ist wie Hitler in Paris"


Die Kanzlerin reist in das Auge des Eurokrisen-Orkans. Sie ist in weiten Teilen der Bevölkerung nicht willkommen. 6000 Polizisten sorgen für ihren Schutz.
Von Andreas Albes, Athen

Dieser Tage sieht man zuweilen einen Mann durch Athen laufen, der sich einen Toilettenspülkasten auf den Rücken geschnallt hat, aus dem allerhand Dreck quillt. Darauf steht: "Merkel's political shit." Das repräsentiert, was eine Mehrzahl der Griechen denkt. Und so wird die Kanzlerin bei ihrer morgigen Visite mit dem größten Aufgebot an Sicherheitskräften geschützt, seit US-Präsident Bill Clinton das Land einst besuchte. 6000 Polizisten bewachen das Zentrum, Hubschrauber sind im Einsatz, Wasserwerfer stehen bereit. "Alarmstufe Rot", so die Tageszeitung "Ethnos".

Anti-Merkel-Stimmung in den Medien

Griechenlands größte Gewerkschaften haben einen dreistündigen Streik angekündigt, damit ihre Mitglieder um 13 Uhr an einer Großkundgebung vor dem Parlament teilnehmen können. Die militante Arbeiterfront Pame wird gleichzeitig eine Demo auf dem Omonia-Platz starten. Und die ultranationale Partei Unabhängige Griechen rief dazu auf, die deutsche Botschaft mit einer Menschenkette zu blockieren.

Diverse Medien heizen die Anti-Merkel-Stimmung mit den üblichen Naziparolen an. So erschien "Proto Thema", eine der führenden Tageszeitungen, am Sonntag mit der fetten roten Schlagzeile: "Heil." Oppositionsführer Alexis Tsipras vom linksradikalen Bündnis Syriza sagte: "Merkel kommt nicht, um Griechenland zu unterstützen. Sie kommt, um ein korruptes politisches System zu retten. Bereiten wir ihr den Empfang, den sie verdient." Im Internet gibt es bereits die Initiative "Merkel raus!". Vor allem auf Twitter formieren sich die Scharfmacher. Einer schreibt: "Merkel kommt am gleichen Tag, an dem die Nazis 1944 Athen bombardierten. Wir wollen kein Viertes Reich." Ein anderer: "Merkel in Athen - das ist wie Hitler in Paris. Dient oder leistet Widerstand!" Und: "Hoffen wir, dass sie feuerfeste Kleidung und ein feuerfestes Auto mitgebracht hat."

Merkels Besuch stärkt Samaras' Position

Derweil versucht Athens Regierung, den Menschen klarzumachen, dass Merkels Reise weit mehr als nur symbolischen Charakter hat. Der griechische Rundfunk unterbrach anlässlich der Bekanntmachung sogar sein Programm für "eine wichtige Sondermeldung". Wenig später sprach Ministerpräsident Samaras freudig und erleichtert von einer "sehr positiven Entwicklung". Der Besuch stärkt seine Position ungemein. Berlin signalisiert damit, dass die Bundesrepublik Vertrauen in Samaras' Politik hat. "Wir sind grundsätzlich misstrauisch. Aber er macht seinen Job seit Amtsantritt gut", so ein Diplomat. "So viel Verlässlichkeit hatten wir in Athen schon lange nicht mehr. Das muss man unterstützen."

Sechs Stunden wird Merkels spontaner Kurztrip dauern. Das Samaras-Treffen findet um 14 Uhr statt, anschließend sind Staatspräsident Papoulias und Vertreter der griechischen Wirtschaft an der Reihe. Zwar wird es am Ende keine Zusagen für weitere Hilfsmaßnahmen geben oder - wie es Samaras gern hätte - eine Verlängerung der Fristen für Sparmaßnahmen. Doch allein der Zeitpunkt des Besuchs zeigt, dass Merkel die Rettung des Landes will. Denn exakt zum selben Zeitpunkt finden die Verhandlungen mit den Geldgebern der Troika statt, ob man Athen nun die nächste Kredittranche von rund 30 Milliarden Euro überweisen soll.

Man kann also nur hoffen, dass es morgen aus Athen keine Bilder von Straßenschlachten, Tränengasangriffen und brennenden Häusern geben wird. Immerhin kursiert seit Freitag im Internet ein Witz, um die erhitzten Gemüter etwas zu beruhigen: Die Kanzlerin steht an der Passkontrolle. "Name?" – „Merkel.“; "Zweck Ihrer Reise? Okkupation?" – "Nein, ich bin nur zu Besuch."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker