HOME

Thüringen: Zweiter FDP-Ministerpräsident in der Geschichte der Bundesrepublik: Wer ist Thomas Kemmerich?

Weil sich Amtsinhaber Bodo Ramelow in zwei Wahlgängen in Thüringen nicht durchsetzen kann, stellt die FDP im entscheidenden Durchlauf einen eigenen Mann auf – und der wird tatsächlich Ministerpräsident: Thomas Kemmerich, Vater von sechs Kindern, Unternehmensberater, bisher kaum bekannt.

Sensation in Thüringen: FDP-Kandidat Kemmerich wird Ministerpräsident

Damit hat er selbst wahrscheinlich am wenigsten gerechnet: Thomas L. Kemmerich ist zum neuen Ministerpräsidenten von Thüringen gewählt worden. Der gebürtige Aachener, der nach eigenen Aussagen kurz nach der Wende nach Erfurt zog und sechs Kinder hat, ist jetzt Landesvater. Außerhalb der FDP – ja, das ist die Partei, bei der kurz nach der Landtagswahl noch gar nicht feststand, ob sie den Einzug ins Landesparlament überhaupt schafft – war Kemmerich bisher weitestgehend unbekannt.

Stadtrat, Landtagsabgeordneter und zwei Jahre im Bundestag

Der 54-Jährige kennt die verschiedenen politischen Ebenen: Er ist Landesvorsitzender der FDP Thüringen, Bundesvorsitzender der FDP-nahen Vereinigung Liberaler Mittelstand und war von 2009 bis 2014 für die FDP Mitglied des Thüringer Landtags, darüberhinaus über mehrere Jahre Stadtrat in Erfurt. 2012 kandidierte er – erfolglos – bei der Oberbürgermeisterwahl in Erfurt. Im September 2017 zog er für die FDP in den Deutschen Bundestag ein, verzichtete aber zwei Jahre später für den Landtagswahlkampf auf sein Bundestagsmandat. Der Malermeister Reginald Hanke übernahm damals den Abgeordnetensitz von Kemmerich.

Jurist, der sein Geld mit Friseurgeschäften gemacht hat

Kemmerich, im Februar 1965 in Aachen geboren, studierte Rechtswissenschaften in Bonn. Nach der politischen Wende kam er 1989 nach Erfurt. Weil ihm selbst noch das zweite Staatsexamen zum Volljuristen fehlt, engagierte Kemmerich eine Handvoll Anwälte und Sekretärinnen und baute sich gemeinsam mit einem Freund ein Unternehmen auf. Sie mieteten im Januar 1990 ein Ladenlokal, gründen eine Unternehmensberatung, um genossenschaftliche Betriebe für die komplexen Anforderungen der Marktwirtschaft umzuorganisieren.

Björn Höcke, (r) Fraktionsvorsitzender der AfD, gratuliert Thomas Kemmerich (l., FDP), dem neuen Thüringer Ministerpräsidenten

An seine beruflichen Anfänge im Osten erinnerte sich Kemmerich vor zehn Jahren in einem Interview mit der Aachener Zeitung: "Wir haben ein Schild an die Wand geschraubt und konnten uns vor Aufträgen kaum retten. Dabei hatten wir bis dahin eigentlich nur Studentenfeten organisiert", erzählte Kemmerich. Vorträge vor angehenden Unternehmern in Erfurt ebnen Kontaktwege. 1990 wurde er dann Teilhaber und Geschäftsführer des ehemaligen Dienstleistungskombinates "Friseur & Kosmetik". Seit dem Jahr 2000 ist der Aachener Vorstandsvorsitzender der Friseur Masson AG. Daneben baute er deutschlandweit "Starschnitt"-Friseur-Geschäfte in einem Lizenzsystem auf.

Seine Frau Ute, eine Erfurterin, mit der er inzwischen sechs Kinder hat, heiratete Kemmerich 1995. In den wenigen Interviews, die der neue Ministerpräsident von Thüringen in seiner politischen Karriere bisher gegeben hat, betont er stets seine Liebe zu Ostdeutschland und wie ihn die Wendezeit nachhaltig beeindruckt habe. "Den Wahnsinn ab dem 10. November 1989, dem Tag nach dem Mauerfall, dort mittendrin erlebt zu haben – das bleibt einfach unvergesslich", sagte Kemmerich der Aachener Zeitung.

Kemmerich inszeniert sich gerne als "Macher"

Das Kemmerich vom eigenen politischen Erfolg überrascht ist, davon zeugen auch seine Internetaktivitäten. Der eigene Lebenslauf auf seiner Website, die mehr ein Blog ist, als eine professionelle Homepage, wurde länger nicht aktualisiert. Sein Ausscheiden aus dem Bundestag bleibt beispielsweise unerwähnt. Dafür zeigt sich der neue Landesvater gerne lächelnd vor thüringischer Bergkulisse oder nachdenklich von hinten aus dem Fenster schauend. "Taten statt Worte!", das sei sein Motto, so steht es geschrieben.

Gehandelt hat die FDP jetzt im Wahlchaos von Thüringen. Im vorherigen Wahlkampf fiel die Partei dagegen eher mit Worten auf und ihren ungewöhnlichen Slogans auf den Wahlplakaten von Kemmerich: "Endlich eine Glatze, die in Geschichte aufgepasst hat" – die Wahlwerbung mit Kemmerichs haarlosem Kopf hob sich ebenso von der Masse ab wie ein Plakat, das nur seine Cowboystiefel zeigte. Dazu der Spruch: "Stiefel, die in die richtige Richtung marschieren." 

Der Versuch rechtsradikale Klischees aus Korn zu nehmen, brachte der FDP keine zusätzlichen Wähler. Nur knapp konnten die Liberalen die Fünf-Prozent-Hürde nehmen. Dass es der Unternehmensberater Kemmerich nun mit den Stimmen der AfD ins Amt des Ministerpräsidenten geschafft hat, kritisieren viele Politiker.

Erst der zweite Ministerpräsident in der Geschichte der Bundesrepublik

Bislang haben die bundesrepublikanischen Liberalen nur ein einziges Mal einen Ministerpräsidenten gestellt: Reinhold Maier im heutigen Baden-Württemberg, von 1949 bis 1953. "Die Zeit" schrieb damals über ihn: "Wenn unter deutschen Politikern der Titel eines 'Champion' zu vergeben wäre, so könnte ihn nach dem Bundeskanzler am ehesten Dr. Reinhold Maier beanspruchen. Doch wer ihm darum besonderen politischen Ehrgeiz nachsagt und wenn man sogar behauptet, er strebe nach dem Posten des Bundeskanzlers (…), so kann Württembergs geliebter Herr das als ein "saudummes Geschwätz" bezeichnen." Bundeskanzler wurde der linksliberale Jurist auch nie. Dafür aber, etwas später, einige Jahre Parteichef. 

Quellen: DPA / "Aachener Zeitung"

DPA