Zwischenruf Amerika ohne Botschaft

An spektakulärem Ort, neben dem Brandenburger Tor, haben die USA ihr neues Botschaftsgebäude bezogen. Im Wettstreit der Diplomaten aber sind sie Russland in der deutschen Hauptstadt heillos unterlegen.
Von Hans-Ulrich Jörges

Der Begriff "Botschaft" hat drei Bedeutungen. Er bezeichnet erstens eine Nachricht oder auch eine feierliche Erklärung an einen Adressaten, zweitens die ständige diplomatische Vertretung eines Staates in der Hauptstadt eines anderen und drittens das Gebäude, in dem diese diplomatische Vertretung untergebracht ist. Die Vereinigten Staaten von Amerika, führende Macht auf der Erde, haben im Verhältnis zu Deutschland, führende Macht in Europa, nur eines: ein Botschaftsgebäude in Berlin.

Aber sie haben weder eine Botschaft - im Sinne einer politischen, ökonomischen oder kulturellen Ansprache - an die Deutschen noch eine wahrnehmbare diplomatische Vertretung. Amerika ist in Deutschland ohne Botschaft.

Auf diesen anhaltenden Skandal, diese unbegreifliche Borniertheit, dieses bestürzende Resultat imperialen Hochmuts muss aufmerksam gemacht werden - nun, da die USA an spektakulärem Ort, neben dem Brandenburger Tor, ein neues Botschaftsgebäude in Dienst gestellt haben. Exakt da, wo 69 Jahre zuvor schon einmal eine amerikanische Botschaft eingeweiht worden war, wenn auch damals ohne Botschafter. Denn der war nach der Reichspogromnacht der Nazis gegen die Juden nach Washington zurückbeordert worden. De facto hat sich heute an dem botschafterlosen Zustand nichts geändert. Zwar ist William R. Timken, der den Titel trägt, körperlich präsent in der Hauptstadt der Deutschen - politisch aber ist er abwesend, vollständig. Und zu sagen hat er den Deutschen schon rein gar nichts.

Botschafter spricht kein Deutsch

Diesen William R. Timken, einen 69-jährigen, schwerreichen Kugellagerfabrikanten aus Ohio, kann man in Berlin gelegentlich über Empfänge schnüren sehen, stets mit dem gleichen desorientierten Gesichtsausdruck. Er spricht kein Deutsch. Wenige kennen ihn, und er kennt wenige. In der alten, hinter martialischen Straßensperren verbarrikadierten US-Botschaft hatte er in seinem Büro eine Deutschlandkarte an die Wand gehängt, auf der Nadeln in jene Orte gespießt waren, die er seit 2005 besucht hatte. Wenn er das Stück stolz präsentierte, erinnerte er an einen Kolonialoffizier in den Urwäldern Borneos.

Der Fall hat System in der amerikanischen Außenpolitik. Das Weiße Haus liebt es, an die wichtigsten Orte der Welt nicht erfahrene Diplomaten zu entsenden, sondern Seiteneinsteiger, denen der Präsident persönlich Dank schuldet. Timken hat den Republikanern von George W. Bush im Wahlkampf mindestens 300.000 Dollar gespendet und wurde dafür mit dem Ehrentitel "Super-Ranger" geehrt.

Auch sein Vorgänger Daniel Coats war kein Diplomat, sondern konservativer Politiker, auch er sprach kein Deutsch, auch er wurde für Treue im Wahlkampf belohnt. Er war aber zumindest einmal vernehmbar, als er sich mit Gerhard Schröder wegen des Irak-Kriegs öffentlich anlegte. Doch ein Diplomat im wohlverstandenen Interesse seines Landes war auch er nicht. Wiederholt fragte damals der ¬ bei der Botschaft an wegen eines Gesprächs über das deutsch-amerikanische Zerwürfnis. Die Antwort war umwerfend: "We are not interested." Die US-Mission war nicht daran interessiert, die Haltung Amerikas zu erläutern.

Einladungen, Empfänge, Ausstellungen? Ich habe in meinen sechs Jahren in Berlin nie derartiges erlebt. Die Stimmen Amerikas sind Gary Smith, Chef der mit Spenden finanzierten American Academy, die Begegnungen von Intellektuellen in einer Villa am Wannsee organisiert, und John Kornblum, bis 2001 Botschafter der USA. Beide sind unermüdlich, beide sprechen fließend Deutsch.

Russischer Botschafter gewinnt Sympathien

Beherrscht wird das diplomatische Parkett von dem umtriebigen russischen Botschafter Wladimir Kotenew und seiner Frau Maria. Die beiden demonstrieren - politisch eisern, aber persönlich ungemein charmant und perfekt in der deutschen Sprache -, wie man trotz schwieriger Mission Sympathien gewinnt. Mit rauschenden Festen und Empfängen: vom Sommerball für Politik und Wirtschaft über russische Modenschauen bis zur Geburtstagsfete oder Einladungen zum Valentinstag - ganz undiplomatisch mit rotem Herz auf der Karte. Das Paar ist bekannt, beliebt und omnipräsent. Russland leuchtet.

Amerika aber schweigt und versteckt sich. In einer Situation, in der George W. Bush Antiamerikanismus zu neuer Blüte gebracht hat. 48 Prozent der Deutschen fanden vergangenes Jahr in einer stern-Umfrage, von den USA gehe größere Gefahr für den Weltfrieden aus als vom atomar verdächtigen Iran. Das muss, das darf nicht so bleiben. Die Deutschen sind nicht irgendwer, gerade für Amerika.

"Yes, we can", das Motto Barack Obamas für die Präsidentenwahl, verspricht Change, Wandel, auch in Berlin: eine Botschaft mit einem Botschafter und einer Botschaft.

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