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Zwischenruf: Die gottlose Hauptstadt

Klaus Wowereit hat die Sozialdemokraten zum ersten Mal in einen Kampf gegen die Kirchen geführt - und mit einer großen Traditionslinie seiner Partei gebrochen.

Von Hans-Ulrich Jörges

Es ist ein schaler Triumph. "Nach wie vor", sagt Klaus Wowereit, "nach wie vor" sei der rot-rote Senat an einer "konstruktiven Zusammenarbeit mit den Kirchen" interessiert. Eine Selbstverständlichkeit, als generöses Angebot des Siegers im Kirchenkampf formuliert. Vielleicht ahnt er ja nun zumindest, welchen Einschnitt es für die Kultur der Hauptstadt bedeutet, dass er den Volksentscheid für die Wahlfreiheit zwischen Ethik- und Religionsunterricht an den traditionell miserablen Schulen Berlins zum Scheitern gebracht hat. Dass er die Stadt aufs Neue gespalten hat zwischen dem (noch) religiös geprägten Westen und dem überwältigend atheistischen Osten, umerzogen in der DDR. Dass er schließlich sich und seine Partei, die SPD, in eine verhängnisvolle Rolle manövriert hat. Geschichtslos, machtvergessen, kirchenfeindlich. Und isoliert, auf der Insel der heidnischen Hauptstadt, in der nur noch 40 Prozent einer Religion angehören - in München, zum Vergleich, sind es 95 Prozent.

Das hat nicht nur kulturelle, es hat auch politische Folgen. Für Wowereit, den ehedem katholisch Getauften und nun säkular Konvertierten, zuallererst. Wer kann ihn sich jetzt noch vorstellen als Kanzlerkandidaten einer Partei, die siegen will, überall? Wer sein Kind am Nachmittag, nach der Schule, zum Ballettunterricht bringe, könne es ja wohl auch zum freiwilligen Religionsunterricht gehen lassen, hat er gesagt. Und gar nicht begriffen, was es bedeutet, Ballett und Religion auf eine Ebene zu stellen, auf das Niveau eines Hobbys - in einer Zeit, in der landauf, landab über Werte und die Unabdingbarkeit ihrer Vermittlung geredet wird. Man dürfe den Gegnern "keine Vorlagen" liefern, warnte er seine Partei, hämmerte sie zum monolithischen Block in der Gewissensfrage. Und begriff gar nicht, dass solcher Ton an den Kirchenkampf der DDR erinnern könnte - fortgeführt voll Inbrunst vom Koalitionspartner, der Linkspartei.

"Pro Reli"

Frank-Walter Steinmeier, der Kanzlerkandidat, ertrug das nicht und unterschrieb "pro Reli" - wie auch Wolfgang Thierse und die Linke Andrea Nahles. Sie brachen das feige Stillhalteabkommen der Bundes-SPD mit Wowereit, nahmen seinen Zorn auf sich. Das darf man Steinmeier - und den beiden anderen - nicht vergessen.

Denn Klaus Wowereit hat einen symbolmächtigen Bruch vollzogen mit der Geschichte der SPD. Zum ersten Mal hat er sie, geschlossen und ohne erkennbaren internen Widerspruch, in einen Wahlkampf geführt gegen alle großen Religionsgemeinschaften: Protestanten, Katholiken, Juden, Muslime. Jene SPD, die nie einen evangelischen Arbeitskreis brauchte, weil die gesamte Partei dieser Arbeitskreis war. "Sprach die Kirche mit staatlichen oder parteipolitischen Vertretern, so traf sie immer wieder auf ihre eigenen Leute", sagte einst Jürgen Schmude, Bildungs-, Justizund Innenminister in den besseren Zeiten der Sozialdemokraten.

"Christliche Tradition als prägender Kulturfaktor"

Von 1985 bis 2003 war Schmude Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er stand in großer Tradition. Gustav Heinemann, Sozialdemokrat und späterer Bundespräsident, war der erste Präses nach dem Krieg. Beide verzahnten EKD und Partei. "Dass die Kirche heute schwächer ist, als mancher sie sich wünscht, kann ja wohl kein vernünftiger Grund sein, ihrer weiteren Schwächung auch noch Vorschub zu leisten", sagte Schmude 1998 und beschwor "das Gewicht der christlichen Tradition als prägender Kulturfaktor". Nun hat Wowereit - ausgerechnet in der Hauptstadt, der Herzkammer der Wiedervereinigung - mehr als nur Vorschub geleistet, die Kirchen an den Rand der Gesellschaft zu drängen.

Darunter die evangelische Kirche, ohne die Ethos, Richtung und Erfolge der Sozialdemokratie undenkbar wären. 1961 wandten sich evangelische Wissenschaftler, darunter Carl Friedrich von Weizsäcker und Werner Heisenberg, im "Tübinger Memorandum" gegen eine nukleare Aufrüstung. 1965 bereitete die EKD mit ihrer Ost-Denkschrift, die den Verzicht auf die deutschen Ostgebiete forderte, die Friedenspolitik Willy Brandts vor. 1966, zum 60. Geburtstag Herbert Wehners, schrieb Bischof Hermann Kunst auf Einladung Brandts einen offiziellen Glückwunschartikel in der Parteizeitung "Vorwärts". In den 80er Jahren standen die Protestanten an der Seite der Friedensbewegung. 1989 wäre der Sieg der friedlichen Revolution in der DDR ohne Schutz und Rückhalt der evangelischen Kirche nicht möglich gewesen. Perdu in Berlin, im Jahr des 20. Jubiläums.

Übrigens: Ich gehöre keiner Kirche an, habe aber "pro Reli" votiert. Meine beiden Töchter, inzwischen erwachsen, wurden nicht getauft. Ich habe sie dennoch in den Religionsunterricht geschickt, weil ich die christliche Werteerziehung für unverzichtbar halte - und weil sie die Gottesfrage selbst beantworten sollten. Die eine hat sich taufen und konfirmieren lassen, die andere nicht. Das ist die Freiheit, die ich meine.

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