HOME

Zwischenruf: Die Physikerin der Macht

Chaos bei der Präsidentenkür? Angela Merkel schwer beschädigt? Welch Irrtum! Die CDU-Vorsitzende hat die Kräfte wissenschaftlich präzise vorausberechnet. Aus stern Nr. 12/2004

Angela Merkel ist der Einzug der exakten Naturwissenschaft in die Politik. 1986 promoviert die Physikerin mit einer Arbeit über "Die Berechnung von Geschwindigkeitskonstanten von Elementarreaktionen am Beispiel einfacher Kohlenwasserstoffe" zum Dr. rer. nat. 18 Jahre später, in der ersten Märzwoche 2004, promoviert sie zur christlich-liberalen Kanzlerkandidatin und womöglich ersten Kanzlerin Deutschlands. Der Titel ihres überaus erfolgreichen Experiments könnte lauten: "Die Berechnung von Geschwindigkeitskonstanten von Elementarreaktionen am Beispiel einfacher maskuliner Karrierepolitiker".

Bei der Auswahl ihres Präsidentschaftskandidaten hat die Physikerin der Macht alles berechnet - im Voraus, mit mathematischer Präzision. Auf einem Schaltplan der Kräfte und Gegenkräfte: das Ergebnis wie die Wechselwirkung der Energien, die es besorgen. In keiner Phase ist der über die Politik gekommenen Naturwissenschaftlerin die Versuchsanordnung entglitten, das Experiment aus dem Ruder gelaufen. Dass es in der Apparatur blitzt und kracht, heißt ja noch lange nicht, dass der Versuch außer Kontrolle gerät.

Triumph wissenschaftlicher Rationalität

Die Präsidentenkür, ein einziges Chaos? Angela Merkel, schwer beschädigt? Wer diese oberflächliche Betrachtung für Analyse hält, irrt so fundamental wie ihre Rivalen, die nach der Bauernschläue des Politikbetriebs nur einen Schritt voraus denken, während sie fünf oder sechs im Hirn abgespeichert hat. Und dabei das Ergebnis kennt, statt von ihm überrascht zu werden. Im Vergleich, das haben die Elementarreaktionen offenbart, ist die Politik wehrlos, überwältigt vom Triumph wissenschaftlicher Rationalität über ihre Leidenschaften, Affekte und Instinkte.

Dr. rer. nat. Angela Merkel war nie so erfolgreich wie in dieser ersten Märzwoche und nie so stark wie an deren Ende. Die Operation Horst Köhler hat sie zur stärksten Figur der deutschen Politik gemacht. Aber auch zur kältesten, die all jene, die staunend begreifen, was geschehen ist, in heftigste Zweifel stürzt, ob sie von einer Technikerin aus poliertem Stahl regiert werden wollen. Denn in Menschen fließt Blut, nicht Strom. Nicht nur in Wolfgang Schäuble, in Edmund Stoiber, in Roland Koch, in Friedrich Merz. Auch in den Wählern. Zuweilen kocht dieses Blut sogar. Und Angela Merkel? Ist sie nur zu experimenteller Betriebstemperatur imstande oder auch zu menschlicher Wärme? Diese Frage macht ihre Stärke zur Schwäche.

Die Antwort ist sie schuldig. "Angela Merkel macht keine Rechnung auf, deren Ergebnis sie nicht kennt", sagt Dieter Althaus, der thüringische Ministerpräsident, der ihr nicht nur taktisch verbunden ist. Die Rechnung, die sie für die Wahl des Präsidentschaftskandidaten aufgemacht hat, sah Wolfgang Schäuble nicht als Ergebnis vor. Denn Schäuble ist Vergangenheit, ein überständiger, verwundeter Veteran aus dem System Kohl. Unabhängig, das heißt für sie unberechenbar. Keiner, der für die Zukunft, für das System Merkel stehen könnte. Kohl wie Schäuble hat sie längst überwunden, kaltgestellt. So einer kommt nicht mehr hoch, ganz hoch, gar über sie hinaus. So einer wird abgefunden, eingekapselt, unter ihr: Schäuble vielleicht als Bundestagspräsident nach der Wahl 2006. Dann kann er ihr noch dankbar sein. Im Rollstuhl thronend über dem Hohen Haus und der Frau Bundeskanzler sanft das Wort erteilend.

Keine Silbe wechselt sie mit ihm über Monate

Keine Silbe wechselt sie mit ihm über Monate, was seine Hoffnungen angeht. Sie macht ihm keine und belügt ihn daher auch nicht. Lüge, Täuschung, Verrat haben im naturwissenschaftlichen Denken keinen Platz. Bloß im politischen - und daher in der Kalkulation ihrer Rivalen. Schäuble ist Kippschalter in Merkels Versuchsanordnung - gedacht, die Energien jener anderen sichtbar zu machen und abzuleiten. Es funktioniert. Da die Vorsitzende schweigt und schweigt, schlägt ihn Roland Koch, der Erzrivale, zu Jahresbeginn öffentlich vor. Wie er meint, um Druck auf sie zu machen. Es folgen Edmund Stoiber und Friedrich Merz, der Zweit- und der Dritt-Rivale. Es geschieht, was kalkuliert war: In der FDP baut sich Gegendruck auf, die Energie fließt zurück - und der Schalter verschmort wegen Überlastung. So sollte es sein, so kam es.

Mit drei bestechenden Resultaten. Wolfgang Schäuble ist ausgeschaltet. Aber nicht von ihr, sondern von Guido Westerwelle, der im innerparteilichen Überlebenskampf seinen eigenen Rivalen ein Opfer bringen muss. Er bringt ihnen Schäubles Kopf. Köpft für Angela Merkel. Und überlebt. Und muss ihr auch noch dankbar sein. Seit der ersten Märzwoche ist Guido Westerwelle, ihr Duzfreund, ein Abhängiger Angela Merkels. Die Unabhängigkeitsstrategie der Liberalen ist Geschichte. Punkt eins - abgehakt.

Koch und Merz empören sich, wie abzusehen, im CDU-Präsidium - aber ohne Plan, ohne Verbündete und ohne Chance. Denn die FDP will nun mal nicht. Sorry, was kann man da tun, wenn man doch 2006 mit ihr regieren will? Die Stand-up-Revolte der Stand-up-Comedians bricht zusammen, und alle erkennen: Diese beiden können?s nicht, wer sich mit denen verbündet, gehört zu den Verlierern. Koch und Merz schrumpfen. Am Ende kann sie noch argumentieren, Schäubles vermeintliche Freunde hätten ihn nur instrumentalisiert, um ihr zu schaden, und ihn dadurch verbrannt. Punkt zwei - abgehakt.

Er weiß längst, dass Schäuble keine Chance hat

Edmund Stoiber will unter allen Umständen vermeiden, dass er selbst zur Präsidentschaftskandidatur gepresst wird. Er weiß längst, dass Schäuble keine Chance hat - und schon am Montag nach der Hamburg-Wahl ventilieren seine Helfer angestrengt Ersatznamen, obgleich der Meister nach außen für Schäuble steht. Bis in die Niederungen der sachsen-anhaltinischen Provinz p?ügt die Kandidatensuche die politische Republik um - Wolfgang Böhmer, der Arzt, dem die Ossis vertrauen, wird ausgegraben. Und wieder zugeschaufelt. Am nächsten Morgen verkünden die Fanfaren der CSU: Es bleibt bei Schäuble, er ist der gemeinsame Kandidat von CDU und CSU. Merkel dementiert, reduziert ihn zur "Präferenz". Denn verlieren will sie nicht. Und sie weiß ja längst: Schäuble wird verlieren, weil er verlieren muss. Stoiber aber fürchtet die Verratsdebatte und will die Schuld auf Merkel und Westerwelle laden. Er vergisst, dass er mit Schäuble untergehen wird. Nun ist er der Verlierer. Und neben Westerwelle zum zweiten Abhängigen Angela Merkels geworden. Denn ein solcher Loser wird nicht mehr als Kanzlerkandidat über diese Frau triumphieren. Er kann nur noch auf einen Sessel in ihrem Kabinett hoffen. Punkt drei - abgehakt. Experiment voll gelungen.

Und die Kandidatin hat ihren Kandidaten, jenen, für den alles arrangiert war. Schon zwei Tage vor der Hamburg-Wahl offenbart ein Vertrauter den bis zum Ergebnis durchkalkulierten Ablaufplan. Zwischen Stoiber und Merkel, sagt er, besteht festes Einvernehmen, "dass Schäuble fast gar nicht durchsetzbar ist". Zunächst will sie aber ganz sichergehen, dass Stoiber selbst wirklich nicht will. Wollte er, könnte er auch. Dann hätte die Union ab sofort eine völlig ungefährdete Kanzlerkandidatin. 30 Prozent Chance sieht man noch, dass Stoiber umfällt. Michael Glos, CSU-Statthalter in Berlin und seinem Herrn höchst kritisch verbunden, bestärkt sie bis zuletzt. Würde Stoiber kippen, so der Plan, müsste Schäuble dennoch der FDP aufgetragen werden, um ihn auf offener Bühne abservieren zu lassen und dem Bayern das Motiv für eine Not-Kandidatur zu liefern. Bleibt Stoiber hart, und das erweist sich schnell, haftet er mit für alles Nachfolgende. Und das sieht - als Zwischenschritt - wiederum die Ablehnung Schäubles durch Westerwelle vor.

Es folgt in der nächsten Stufe eine Alternativplanung. Modell eins: Sollte dem FDP-Chef seine Partei aus dem Ruder laufen, sodass die Liberalen der SPD und den Grünen Cornelia Schmalz-Jacobsen als gemeinsame Kandidatin schmackhaft zu machen versuchen, wird man kontern und Rot-Grün Klaus Töpfer anbieten. Das aber ist extrem unwahrscheinlich, und so kommt es auch nicht. Es kommt ganz so, wie es kommen soll. Westerwelle steht zur Union, und es greift Modell zwei: Der FDP werden Annette Schavan, die erzkatholische, alleinstehende Kultusministerin aus Stuttgart, enge Verbündete der CDU-Führerin (erstmals eine Frau im höchsten Staatsamt, auch ganz nett!), und der Weltökonom Horst Köhler angeboten. Keine Frage, für wen sich die Wirtschaftsliberalen entscheiden. Bingo.

Westerwelle war nur ihr Werkzeug

Und Angela Merkel hat den Präsidenten, der seinen Aufstieg allein ihr verdankt - denn Stoiber stand ja für Schäuble, und Westerwelle war nur ihr Werkzeug. Horst Köhler ist der Prophet, der Merkels Reich bereitet, das Reich der harten sozialökonomischen Reformen. Ein frisches Gesicht, das mit frischer Rhetorik Modernität verspricht, so wenig in den verharzten Verästelungen der alten Bundesrepublik verhaftet wie sie selbst. Deutschland geht auf den Weg in die Merkel-Republik. Der Mann im Rollstuhl hätte ihn eher blockiert. Er ist ein Mann von gestern.

Bleibt die Frage nach dem Blut und dem Strom, nach der Seele der Wissenschaft. Oder schärfer formuliert: Wer fürchtet sich vor Maggie Merkel? Einstweilen verdrängt ihr Erfolg diese Zweifel: Alle wollen mit der Siegerin sein, die mächtiger zu werden verspricht als selbst Helmut Kohl. Denn dessen Machtinstinkt kam aus dem Bauch, der ihre aus dem Hirn. Findet sie aber keine Antwort auf die Frage nach der menschlichen Dimension und kommt ins Straucheln, dann wird sie zerrissen, noch ehe sie den Boden berührt. Auch in der Naturwissenschaft geht ja nicht jede Formel auf. Manche scheitert am wilden Leben.

Hans-Ulrich Jörges / DPA