HOME

Zwischenruf: Geheim-Operation Stoiber

Gerhard Schröder, das wird in München offenbart, wollte die CSU nach der Wahl zum Putsch gegen Angela Merkel verlocken. Doch der will nichts davon wissen. Aus stern Nr. 47/2006

Die aufwühlenden Sätze jenes Wahlabends müssen heute mit anderen Augen gelesen werden. Nie mand außer ihm werde in der Lage sein, "eine stabile Regierung zu stellen", hatte Gerhard Schröder, Noch-Kanzler und trunken vor Euphorie, am Abend des 18. September 2005 Angela Merkel, Noch-nicht-Kanzlerin und schockiert vom Wahlausgang, entgegengeschleudert. "Sie wird keine Koalition unter ihrer Führung mit meiner Sozialdemokratischen Partei hinkriegen, das ist eindeutig, machen Sie sich da gar nichts vor", rief Schröder aus der "Elefantenrunde" von ARD und ZDF in die deutschen Wohnzimmer. "Ich sage Ihnen", trumpfte er auf, "ich führe Gespräche, und ich sage Ihnen voraus, die werden erfolgreich sein." Heute wird offenbar: Das waren nicht nur leere Worte, dem folgte die Tat. Doch davon findet sich nichts in Schröders Memoiren.

Den großspurigen, fast putschistisch anmutenden Sätzen folgte offenbar der Versuch, einen Putsch Edmund Stoibers gegen Angela Merkel anzuzetteln. Zur Erinnerung: Die SPD war mit 34,2 Prozent erstaunlich stark aus der Wahl hervorgegangen, die Union dagegen, von Stoiber vorher auf 42 bis 45 Prozent verpflichtet, atemberaubend auf 35,2 Prozent zusammengebrochen. Das löste, wie mir dieser Tage wegen meiner Recherche im engsten Umfeld Stoibers eröffnet wurde, folgende Operation aus: Am Wahlabend, im Umfeld der "Elefantenrunde", habe Schröder den CSU-Chef und Kanzlerkandidaten des Jahres 2002 unter vier Augen angesprochen. Man solle mal miteinander reden in den nächsten Tagen.

Daraufhin habe sich telefonisch ein Emissär angesagt, ein Mittelsmann, der nicht aus der Politik komme. Stoiber sei darauf eingegangen und habe ihn am Mittwoch nach der Wahl, am Abend des 21. September, in München empfangen. Der Emissär, so erinnert man sich in Stoibers Umfeld, unterbreitet ein Angebot. Stoiber solle "als erster Mann der Union" in ein großkoalitionäres Kabinett Schröder eintreten, die CDU Merkel stürzen und sich einen neuen Vorsitzenden wählen. Nicht angesprochen worden sei dagegen die sogenannte Israel-Lösung, die in jenen wirren Tagen des Übergangs Furore machte: der Tausch der Kanzlerschaft zwischen den Partnern nach der Hälfte der Legislaturperiode. Stoiber, so heißt es in München, habe indes glatt abgelehnt - Merkel sei die Kanzlerkandidatin der Union. Deren Position war an jenem Mittwoch bereits entscheidend gefestigt. Noch am Wahlabend, unter dem Eindruck von Schröders Fernsehauftritt, hatten sich maßgebliche Ministerpräsidenten der CDU darauf verständigt, an ihr festzuhalten. Jetzt erst recht, lautete die Parole. Und am Dienstag nach der Wahl war sie mit demonstrativem Ergebnis zur Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion im neuen Bundestag gewählt worden.

Stoiber, der am Wahlabend noch vielsagend erklärt hatte, er sei bereit, "Verantwortung in Berlin zu tragen" - eine Formulierung, die auch Kanzler-Ambitionen einschließt -, ist bei den Koalitionsverhandlungen dabei, springt dann aber im letzten Moment ab und kehrt nach München zurück. Von Schröders Annäherung hat er Merkel indes nie berichtet. Sie erfährt davon durch meine Anfrage - und ist überrascht. Stoiber, das kann daraus gefolgert werden, hatte ein schlechtes Gewissen wegen des konspirativen Kontakts. Und Schröder, der sich vermutlich gar nicht vorstellen konnte, dass Stoiber diesen Kontakt bestätigt, dementiert. Nein, es habe am Wahlabend keinen direkten Gesprächskontakt mit Stoiber gegeben. Nein, er habe am 21. September keinen Emissär nach München geschickt. Aber warum sollte der Münchner all das erfinden?

Hätte Stoiber auch abgelehnt, wenn Schröder ihm die Kanzlerschaft in einer Großen Koalition angetragen hätte? Die Frage bleibt hypothetisch. Schröders Urteil über Stoiber aber ist in seinen Memoiren nachzulesen. "Im Grunde seines Herzens scheint er mir ein vorsichtiger, wenn nicht ängstlicher Mensch zu sein, der jede Herausforderung, von der er nicht weiß, ob er sie gewinnen kann, eher scheut." Ihn kennzeichne eine "Mischung aus überzogenem Anspruch und Angst vor der eigenen Courage". Auch dieses Urteil liest man nun mit anderen Augen.

Übrigens: Schröder versuchte in jenen Tagen, noch eine zweite Karte auszuspielen. An einem der Abende nach der Wahl saß er mit dem damaligen SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter im Berliner "Ristorante San Giorgio" - Lieblingslokal Guido Westerwelles, einen Steinwurf von dessen Wohnung entfernt. Als der FDP-Chef hereinkam, an der Seite seines Lebensgefährten Michael Mronz, und die beiden lauern sah, war ihm sofort klar, worauf sie aus waren: eine rot-gelb-grüne Ampelkoalition unter Schröders Führung. Westerwelle machte auf dem Absatz kehrt und floh. Schröder, der Spieler, hatte alle Karten gezogen. Und verloren. Auch davon liest man nichts in seinen Memoiren.

Hans-Ulrich Jörges / print