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Zwischenruf: Kampf im Kuckucksnest

Drei "Neue" haben die alte Politik in diesem Wahlkampf erschüttert: Oskar Lafontaine, Angela Merkel, Paul Kirchhof. Die Abstoßungsreaktionen waren heftig. Aus stern Nr. 38/2005

Drei Neuerungen hat dieser Wahlkampf gebracht. Drei Kräfte, die den hermetischen Politikbetrieb gesprengt haben: Oskar Lafontaine, Angela Merkel, Paul Kirchhof. Um einen berühmten Filmtitel abzuwandeln: Drei krochen ins Kuckucksnest. Ins Nest des alten, erschöpften, uniform denkenden Parteiensystems. Und diese drei kämpfen seither darum, jeder auf seine Weise, ob sie sich im Nest behaupten können - oder ob sie hinausgedrängt werden. Der Kampf verrät viel über das Kuckucksnest, seine Bewohner und wie sie mit Eindringlingen umgehen.

Die nachhaltigste Wirkung hat der, über den am abfälligsten geurteilt wird. Oskar Lafontaine hat das Vier- zum Fünfparteien-System verändert - zählt man die CSU als eigenständige Kraft, sogar zum Sechsparteien-System. Daraus könnte wachsen, wonach lange Ausschau gehalten wurde: die Berliner Republik, fundamental anders als die Bonner. Lafontaine hat die im Osten historisch verhungernde PDS zur gesamtdeutschen Linkspartei verwandelt, Rot-Grün als mehrheitsfähige Konstellation zerstört, die Achse der Politik nach links verschoben und eine verwirrende Vielfalt theoretisch denkbarer Koalitionsmodelle eröffnet.

Er selbst will vorerst nur ein einziges: die große Koalition. Die Linke könnte sich an der Leber der gefesselten SPD mästen, bevor sie der Leidenden Heilung im Bündnis offeriert. Nur ein Einziger, Friedrich Merz bei "Sabine Christiansen", hat Lafontaine mit sachlicher Härte, strategischer Ernsthaftigkeit und persönlichem Respekt angenommen. Ansonsten schlug ihm eine verächtliche Kollektivabwehr, auch der Medien, entgegen, die den angeblich champagnerschlürfenden, Privatjet-süchtigen "Luxus-Linken" zu einer Art Quasimodo der deutschen Politik verunstaltete. Im neuen Bundestag wird es ein abruptes Erwachen in der veränderten Wirklichkeit geben.

Allein kämpfen und allein kämpfen, das kann ein großer Unterschied sein. Angela Merkel hat ihn gegen Gerhard Schröder erfahren. Der Kanzler hat furios gekämpft, alle Register gezogen, alle Aufmerksamkeit auf sich gelenkt und alles verborgen, was er verbergen musste: den fehlenden Koalitionspartner für eine dritte Amtszeit, die verschlissenen Mitglieder seiner Regierung - trotz wiederholter Störmanöver sogar Hans Eichel -, den Dissens mit seiner eigenen Partei (der ja das Motiv war für die Vertrauensfrage im Bundestag), die unscharfen Pläne der SPD für eine erneuerte Regierungsverantwortung. Er hat persönliches Vertrauen gegen den Vertrauensverlust seiner Partei mobilisiert. Er hat die Verlockung, die Sicherheit des Alten gegen das Risiko des Neuen mobilisiert. Und mutlose SPD-Anhänger wie Unentschlossene in letzter Minute zur Fahne geholt.

Die Kanzlerkandidatin hat beeindruckend gekämpft, unbekannte Stärken entfaltet, mehr Register gezogen, als ihr zugetraut wurden - doch das Team, das sie um sich gebraucht hätte, hat sich versteckt und damit die Schwächen der Union offenbart. Wer selbst "neu" ist, weil erstens Frau und zweitens ostdeutsch, wer zudem einen "neuen Anfang", Unbekanntes propagiert, vom Steuersystem bis zur Krankenversicherung, der braucht Sympathie- und Vertrauensträger an seiner Seite, die Ängste nehmen und Verlässlichkeit versprechen.

Doch sie sind in Deckung gegangen, zur Seite getreten, lau geblieben, die Stoibers und die Wulffs. Oder sind ihr gar offen in den Rücken gefallen wie Christoph Böhr, der die Stimmung im Lande eine Woche vor der Wahl im Ton der Kapitulation beschrieb: "Wer weiß, welche Medizin uns die Union verabreichen will." Das zielte auf Angela Merkel und meinte: Vielleicht ist die große Koalition doch besser. Für die Kandidatin und ihre Männer gilt: Sie will mehr, als sie sagt; die sagen mehr, als sie wollen.

Ein System wankt, ein anderes versucht sich zu erheben. Der Wahlkampf trug am Ende alle Zeichen eines gesellschaftlichen, ja kulturellen Bruchs, überhöht zum Endkampf eines Milieus, einer Generation. Die Bitterkeit, die Grundsätzlichkeit, die Härte im Nahkampf - bis hin zum Angriff auf die Kinderlosigkeit der Kandidatin - waren ausgeprägter als vor drei Jahren selbst gegen Edmund Stoiber. Der war ja ein guter Bekannter aus der alten Bundesrepublik, eher Variante denn Alternative. Angela Merkel aber, die Frau aus dem Osten, stört im Kuckucksnest. Sie ist so anders, so schwer fassbar. So verunsichernd.

Paul Kirchhof, der dritte "Neue", hat diesen Kampf bis zur Niedertracht erlitten. Er hat gesagt, was er will. Etwas ganz Neues. Das ist lebensgefährlich im Nest. Die einen ließen ihn allein, die anderen verzerrten ihn zum Zerstörer des Sozialstaats. Das Kirchhof-Feuerwerk sei abgebrannt, jetzt sähen die Menschen "die stinkenden Hülsen", holzte Ludwig Stiegler, der SPD-Linke. Was mit Kirchhof, einem der in Deutschland so seltenen Ideengeber, auf Plakaten und Titelbildern angestellt wurde, verdient nur ein Urteil: unanständig. Es weckt Ekel.

Hans-Ulrich Jörges / print