Zwischenruf Merkel und die 7 Zwerge


Im Erbfolgestreit der CSU ist die gesamte Führungsriege der Partei auf Kleinformat geschrumpft. Einzig Horst Seehofer, der Unberechenbare, hat noch das Zeug, die bundespolitische Macht der Christsozialen zu behaupten - und die Allmacht der Kanzlerin in der Union zu durchkreuzen. Aus stern Nr. 05/2007

Fast kann man ihn heute verstehen. Fast kann man begreifen, warum sich der Unhaltbare so festklammerte an seinen Ämtern. Fast könnte man wehmütig werden wegen seines Endes. Fast. Denn er kannte die, die nach ihm kommen. Und nun sind sie auch fürs Publikum kenntlich geworden. Aber erst und nur durch ihn. Durch sein Klammern. Und deshalb bleibt es beim Fast.

Edmund Stoiber hat nicht nur sich selbst kleingemacht, sondern auch jene kleingeredet und als klein erkennbar gemacht, die vor ihm, hinter ihm und um ihn herum wuselten in den Wochen, in denen die CSU eine andere Partei wurde. Eine Partei, deren kraftstrotzender nationaler Herrschaftsanspruch - in Jahrzehnten gegen die ungleich mächtigere CDU, gegen die angeblich ewigen Luschen in Bonn erstritten - mindestens gefährdet, wenn nicht gar schon verloren ist. Eine Partei, die womöglich nur noch regionale Größe hat, daheim in Bayern. Die selbst dort nicht mehr in alter Herrlichkeit zu herrschen imstande ist. Für die nun alles auf dem Spiel steht.

Stoiber hat den eigenen Nimbus zerstört, weil die Flucht aus Berlin seiner Kraftmeierei die Glaubwürdigkeit nahm. Er hat den Nimbus der anderen zerstört, weil er sie nötigte, ihre Kraftmeierei zu konterkarieren - liebedienerisch, schwankend zwischen zögernder Auflehnung und peinlicher Unterwerfung.

Der Riese Stoiber schrumpfte. Und um ihn herum erhob sich kein neuer, der den alten kaltblütig in den Abgrund stieß, um dessen Reich zu retten. Um ihn herum buckelten sieben Zwerge, die alles offenbarten, bloß nicht Mut und Geradlinigkeit, und von denen zwei sich erst verbündeten, als er ihnen den Rücken gekehrt hatte: Günther Beckstein, Erwin Huber, Joachim Herrmann, Markus Söder, Peter Ramsauer, Michael Glos - ja und auch: Horst Seehofer.

Bei Seehofer indes liegt der Fall etwas anders. Bei ihm war es taktische Selbstverzwergung, von der er sich nun energisch freizumachen versucht. Als er am Sonntag vor Stoibers Abdankung den treuesten aller Treueschwüre auf den Unrettbaren leistete, ging es ihm um Zeitgewinn. Er wusste, dass anderntags "Bild" seinen privaten Seitensprung plakatieren würde, dass seine Widersacher in der Partei - und das sind viele, sehr viele, gar nicht mal nur in Stoibers Lager - versuchten, ihm den Aufstieg zum CSU-Vorsitz zu verbauen. Er wollte Stoiber stabilisieren, vorläufig, um zunächst sein Privatleben zu ordnen und dann mit wiedergewonnener Familie seinen Anspruch anzumelden.

Beckstein und Huber verbündeten sich auch deshalb so rasch, weil sie ihn wehrlos wähnten, außer Gefecht gesetzt. Denn dieser Horst Seehofer ist ihnen unheimlich, wie vielen in der CSU-Nomenklatura. In München wie in Berlin. Stoiber hat ihn benutzt und gefürchtet zugleich, weil keiner wirksamer als dieser "Linke" gegen die vermeintlich neoliberalen sozialpolitischen Irrwege Angela Merkels zu Felde zog.

Als Merkels Kopfpauschale in der Krankenversicherung CDU und CSU in schier unversöhnlichen Widerspruch trieb, war es der Sozialpopulist Seehofer, der jeden Saal, jedes Publikum zu Beifallsstürmen dagegen hinreißen konnte. Mit gewagter Argumentation, hart am Rande der Redlichkeit, manchmal auch darüber hinaus. Im Merkel-Lager knirschte man mit den Zähnen. Seehofer aber gewann jene Beliebtheit im Volk, an der CSU-Basis, die heute seine Stärke ist.

Er erinnert als letzter an Stoibers altes Format. An sein politisches Potenzial, auch seine Störkraft, den Willen und die Chance, die bundespolitische Eigenständigkeit - und im Konfliktfall auch die Starrköpfigkeit - der CSU zu behaupten. Peter Ramsauer, dem Chef der CSU-Abgeordneten im Bundestag, hätte man in der nachfolgenden Generation dieses Potenzial zugetraut. Doch er hat es noch nicht, und womöglich erreicht er es nie. In der Stoiber-Krise jedenfalls hat er nichts davon erahnen lassen.

Die CSU hat die Wahl zwischen einer kleinbayerischen und einer großbayerischen Lösung. Ein CSU-Chef Huber, im Landeskabinett unter dem Ministerpräsidenten Beckstein in Disziplin verhaftet, ist für die Berliner Kanzlerin die bequemste Lösung. Denn die beiden Rivalen sind wohl zuerst und auf Dauer miteinander beschäftigt. Sie vermögen nicht mehr Gegenmacht zu entfalten als jede Landes-CDU. Angela Merkel wäre in dieser Konstellation nicht mehr nur die Vorsitzende ihrer eigenen Partei, sondern die Präsidentin der Gesamt-Union.

Horst Seehofer dagegen wäre für Merkel, obgleich in ihrem Kabinett gebunden und ihr jüngst charmant zugeneigt, ein gefährlicher, weil unberechenbarer Partner. Würde er CSU-Chef, wäre ihm wohl auf Sicht auch das Amt des Landwirtschaftsministers zu klein, zumal dann, wenn er sich im Konflikt mit den Münchner Potentaten durchgesetzt und das Purgatorium seiner privaten Affäre überstanden hätte. Seine Wahl zum CSU-Chef trüge schon die Saat einer Berliner Kabinettsumbildung in sich. Horst Seehofer sieht Stoibers Abgang als Stunde null der CSU. Da hat er recht.

Hans-Ulrich Jörges print

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