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Zwischenruf: Oskars zweite Phase

Das neue Führungsduo der SPD wird Bündnisse mit der Linken in den Ländern nicht stoppen. Auch Oskar Lafontaine setzt auf Koalition statt Konfrontation - und schätzt Frank-Walter Steinmeier. Es öffnen sich verblüffende Perspektiven.

Von Hans-Ulrich Jörges

Der Handstreich folgte alter Schröder-Schule: Ein Kanzlerkandidat muss aus eigener Herrlichkeit ins Amt kommen, wenn er nicht Parteichef ist. Gerhard Schröder knüpfte seine Kandidatur 1998 an die raffinierte Bedingung, dass er nicht mehr als zwei Prozent bei der Landtagswahl in Niedersachsen verlieren (!) dürfe. Er legte 3,6 Prozent zu, weil er damit die Wahl zum Plebiszit über die K-Frage gemacht hatte, und am Abend rief ihn der SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine an: "Na, Kandidat?" Lafontaines spätere Resignation war darin schon angelegt.

Frank-Walter Steinmeier lancierte die Entscheidung über seine Kandidatur, bevor sie verkündet war, via "Spiegel" an die Öffentlichkeit. Er müsse selbst nach der Kandidatur greifen, statt sie von Kurt Becks Gnaden zu empfangen, las der Noch-Parteichef am Abend vor der Nominierung. Die Altkanzler Schröder und Schmidt hätten Steinmeier gedrängt, seinen "Machtanspruch" zu demonstrieren. Beck ertrug die Demütigung nur wenige Stunden; bei Lafontaine dauerte es ein halbes Jahr, bis er - fortwährend gemobbt - hinschmiss.

Nun zieht also der Erfinder von Schröders Agenda 2010 für die SPD in den Wahlkampf, und der Erfinder der Rente mit 67, Schröders einstiger Knappe, führt die Partei. Passt das zu der entschröderten, linksgewendeten SPD? Und hat das Duo eine Chance gegen Angela Merkel? Legt sich der Pulverdampf des Putsches, wird man erkennen: Es kann gelingen. Nichts ist so, wie es oberflächlich erscheint. Und Lafontaine spielt dabei eine überraschende Rolle.

Der Laden ist wie befreit

Ist die SPD noch bei Sinnen, ringt sie sich zu Geschlossenheit durch, wird die Wirkung beim Publikum so sein wie an der Börse, wenn der Chef eines Konzerns in der Krise gefeuert wird: Der Aktienkurs steigt. Der Laden ist wie befreit. Auch die Parteilinke hatte Beck ja längst abgeschrieben. Man braucht nur einmal die Perspektive zu wechseln und die Welt nicht, wie üblich, aus dem Elendsquartier der SPD zu betrachten, sondern aus dem Villenviertel der Union. Und man erkennt, dass die Loser einiges zu gewinnen haben, die Wohlhabenden viel zu verlieren.

Schon Ende des Monats kann die CSU in Bayern ein Debakel erleben, unter 50 Prozent sacken und, wenn es ganz dicke kommt, gar auf eine Koalition mit den Liberalen angewiesen sein - ein historischer Einschnitt. Zwei Monate später dann, wieder der Worst Case für die Union gedacht: Roland Koch stürzt, Hessen geht verloren. Der nach Merkel mächtigste Mann der CDU wäre ohne Amt, ein zentrales Bundesland an die erstmals siegreich vereinte Linke verloren. Was bislang nur als Risiko für die SPD gesehen wurde, würde sich in einen die ganze Partei anspornenden Triumph verwandeln. Und dann, vier Wochen vor der Bundestagswahl, womöglich noch der Verlust das Saarlands und Thüringens an rot-rote Bündnisse. Die SPD wäre oben, die CDU unten.

Das neue Spitzen-Duo steht dem nicht im Wege. Wer glaubt, es wolle die Landesverbände an die Kette legen, irrt: Der Trend zur rot-roten Rückeroberung der Länder wird nicht gestoppt, ist nicht zu stoppen. Beide mühen sich um die Integration der SPD-Linken, und beider Rhetorik färbt sich rot ein. Agenda pur ist passé. Selbst Schröder hat ja verkündet, es gehe nicht um die Zehn Gebote. Das nun hängende Strategiepapier von Steinmeier und Beck propagiert Wachstumspolitik, blinkt aber auch heftig links für "gerechte Besteuerung großer Einkommen, Vermögen und Erbschaften". Franz Müntefering schrieb schon im Februar, wenn Andrea Ypsilanti in Hessen Rot-Rot-Grün wage, solle sie die Linke wenigstens in eine Koalition binden, statt ihr die Freiheit der Tolerierung zu lassen. Da ist er - verblüffend - einig mit Lafontaine: Auch der will lieber eine Koalition.

Denn Lafontaine hat die zweite Phase seines Kurses gegenüber der SPD eingeleitet: auf Konfrontation folgt Koalition. Am Dienstag wird er 65, er möchte noch die Früchte seiner Arbeit ernten. Die Linke ist auf dem Zenit, so stark, wie er es sich erträumt hat, die SPD nach links verschoben - jetzt schlägt wieder sein sozialdemokratisches Herz. Auf dem Parteitag der Hessen- Linken war das schon zu spüren: Der Mann, dem ruinöse Milliardenpläne vorgeworfen wurden, mahnte plötzlich, die Genossen müssten sich "im Rahmen dessen bewegen", was im Landeshaushalt möglich sei. Mit 5,1 Prozent könne man "nicht die gesamte Politik mitbestimmen". Ganz neue Töne.

Unter vier Augen offenbart er zudem ganz unbekannte Gefühle für Steinmeier. Mit dem habe er unter Schröder "persönlich gut" kooperiert, ihn "immer gegenüber Schröder gelobt". Umgekehrt habe Steinmeier ihn, auch danach, nie getreten. Kurzum: Er halte Steinmeier für den "Unbelastetsten, Souveränsten" in der SPD-Führung. Das muss ja nicht gleich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.

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