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Zwischenruf: Unsere versteckten Toten

Gestorben fürs Vaterland, verdrängt vom Vaterland: Regierung und Bundeswehr verweigern den Gefallenen der Auslandseinsätze das namentliche Gedenken. Das tun stattdessen Amerikaner und Briten für die Deutschen. Aus stern Nr. 03/2007

Der amerikanische Staatsbürger kann seinen gefallenen Soldaten ins Gesicht schauen. Alphabetisch geordnet, mit Foto, vollständigem Namen, Alter, militärischer Einheit, Heimatort in den USA und den Umständen seines Todes im Irak oder in Afghanistan wird jedes einzelnen Toten in einem speziellen Internetportal des Nachrichtensenders CNN gedacht. Ähnlich verfährt die Zeitung "USA Today" im Internet. Am Silvestertag des Jahres 2006 zum Beispiel ist Jonathan E. Schiller, 20, aus Ottumwa im Bundesstaat Iowa im irakischen Bakuba ums Leben gekommen, als ein Sprengsatz in der Nähe seiner Patrouille explodierte. Das amerikanische Verteidigungsministerium führt die Listen der Gefallenen auf der Homepage "Defend America" unter dem Stichwort "Fallen Warriors". Eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen. Es ist nun mal traurige - wenn man will: patriotische - Tradition, die Opfer der Kriegsschauplätze auch namentlich bekannt zu machen, ihrer zu gedenken, sie in Ehren zu halten.

Der deutsche Staatsbürger kann seinen gefallenen Soldaten nicht ins Gesicht schauen. 64 sind bislang bei den diversen Auslandseinsätzen der Bundeswehr ums Leben gekommen, auf dem Balkan etwa oder in Afghanistan. Doch die puren Zahlen, den Einsatzgebieten zugeordnet, sind das Einzige, was das Verteidigungsministerium bekannt gibt - und das nur auf Anfrage. Keine Homepage zeigt in Deutschland ihre Fotos, nennt Namen, Alter, Herkunft und Todesumstände. Wer im Internet unter "Bundeswehr im Einsatz" den Begriff "Gefallene" eingibt, erhält von der Truppe die amtliche Auskunft: "Es konnte kein mit Ihrer Suchanfrage übereinstimmendes Dokument gefunden werden." Nicht mal eine Zahl. Wer bei "Einsatz von A-Z" sucht, findet unter "G" zwar "Gefechte" und "Gewehre", aber keine Gefallenen, unter "T" zwar "Transport" und "Truppenarzt", doch keine Toten. Und wer unter "Opfer" sucht, wird verwiesen - zu "Erste-Hilfe Kurs am Loyola Gymnasium" und "Gedenkstunde zum Volkstrauertag". Das war's.

Dahinter steckt ein stiller Skandal. Die Toten der deutschen Auslandseinsätze werden von Politik und Militär absichtsvoll versteckt. Der stern wollte sie der Öffentlichkeit zeigen, alle 64. Mit Fotos, Namen, Alter, Herkunft und Todesumständen. Um zu erinnern. Um nachdenklich zu machen. Um zu dokumentieren, dass die etwa 7700 deutschen Soldatinnen und Soldaten in fremden Konflikten nicht nur bewaffnete Entwicklungshelfer sind, sondern ihr Leben einsetzen. Für ihr Land. Für dessen Bürger. Im Auftrag des Parlaments.

Was meine Kollegen Stefan Braun und Tilman Gerwien dann recherchierten, führte von einer Überraschung zur nächsten. Und zu Empörung. Das Verteidigungsministerium weigerte sich, die Namen, Fotos und Todesumstände der ums Leben gekommenen Soldaten zu veröffentlichen. Begründung: Datenschutz. Auch meine Nachfrage, die Todesfälle wenigstens anonymisiert bekannt zu geben, um mögliche Bedenken von Angehörigen zu respektieren, wurde abgewiesen. Es stellte sich heraus, dass selbst der Verteidigungsausschuss des Bundestages über die Toten nicht im Einzelnen informiert ist, ja, dass er offenbar nicht mal Interesse daran bekundet hat. Und dass auch der Bundeswehrverband nur lückenhaft im Bilde ist.

Die stern-Recherchen konnten aus verschiedenen Quellen für rund 45 Soldaten Identität sowie Ort, Zeitpunkt und Umstände ihres Todes klären. Von elf Toten liegen zudem Fotos vor. Auf dem Appellplatz des deutschen Feldlagers Rajlovac in Bosnien gibt es zum Beispiel ein Denkmal mit den Namen von Gefallenen, im Kosovo einen Gedenkstein. Zudem wird auf dem britischen Militärfriedhof in Kabul an 16 tote Deutsche namentlich erinnert. Bei CNN an 18 in Afghanistan gefallene Deutsche, an zwei sogar mit Foto. Briten und Amerikaner erinnern namentlich an gefallene Deutsche - die Deutschen selbst hingegen nicht.

Welche Schande, welcher Zynismus! Die politische Absicht ist offenkundig: Mit Macht soll eine Opferdiskussion erstickt werden, wenn der Bundestag - routiniert und abstrakt - Auslandseinsätze beschließt. Eine Diskussion nicht nur über Tote, sondern auch über Ausrüstung, Führung und Seelenlage der Truppe. Denn nicht alle 64 sind im militärischen Einsatz gefallen, viele sind bei Unfällen ums Leben gekommen, einige haben sich das Leben genommen.

Gestorben fürs Vaterland, verdrängt vom Vaterland. Dazu passt auch der Plan von Verteidigungsminister Franz Josef Jung, nur ein anonymes Ehrenmal für die Toten der Auslandseinsätze zu errichten - auf dem abgeschirmten Gelände des Ministeriums in Berlin. Man mag es nicht glauben: Der Mann ist in der CDU und gilt als konservativ! Das Mahnmal gehört - mit Namen - zum Bundestag, dorthin, wo die Einsätze beschlossen wurden. Auch als Mahnung an die Volksvertreter.

Der stern wird die Sache nicht zu den Akten legen. Denn die Toten in Anonymität zu stoßen heißt, sie ein zweites Mal sterben zu lassen. Vielleicht legt ja auch ein Abgeordneter im Verteidigungsausschuss Wert darauf, jenen ins Gesicht zu schauen, die das Parlament in den Tod geschickt hat.

Hans-Ulrich Jörges / print