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Zwischenruf: Warschaus zweiter Aufstand

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen sind katastrophal schlecht - doch hierzulande scheint das niemanden ernsthaft zu beunruhigen. Ein Aufruf, unsere Nachbarn ernst zu nehmen und ihnen zuzuhören stern Nr. 09/2007

Wir sind blind. Wir wollen nicht sehen. Wir erheben uns über die Wirklichkeit und wehren sie ab, indem wir sie der Lächerlichkeit preisgeben. Wir, die Deutschen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Europäische Union ein Reich des Friedens und der Harmonie ist, sagen wir: eine Union der Lämmer, in der es Gedrängel nur um die Tröge gibt, aber keine Bitterkeit, Feindschaft gar. Und wir, die Deutschen, mittendrin, geschätzt und ein wenig geliebt inzwischen, trotz der historischen Last, die wir mit uns schleppen und die doch immer leichter wird. Glauben wir.

Auch ich habe das geglaubt, bis ich in Warschau war, mit Norbert Lammert, dem Bundestagspräsidenten und zweiten Mann im Staate, der dort Gespräche führte, deren atmosphärische Aufladung und protokollarische Verkrampfung an Zeiten des Kalten Krieges erinnerten. Auch ich war blind, wollte nicht erkennen, war versucht, mich über die Wirklichkeit zu erheben, sie dem deutschen Mechanismus der Entsorgung durch Lächerlichkeit zu überantworten. Die polnischen Zwillinge, die Kaczynskis, Jaroslaw (der Ministerpräsident) und Lech (der Staatspräsident), diese kleinen, runden Männer - der eine in einer Satire der linken "Tageszeitung" als Kartoffel geschmäht, was dem Blatt in Polen den Vergleich mit dem Nazi-Hetzblatt "Der Stürmer" eintrug und hier erneut Gelächter auslöste -, die Staatsführung Polens also trägt bei uns das Odium der Skurrilität.

Die bittere, harte, erschreckende Wirklichkeit aber ist: Deutschland und Polen, die Nachbarn und Kernstaaten Europas, sind einander so abgrundtief entfremdet, dass nicht mehr viel zu Feindschaft fehlt. "Wir befinden uns in einer großen Krise", sagt Heinrich Kroll, einer der beiden Abgeordneten der deutschen Minderheit im polnischen Parlament, dem Sejm. Und: "Die Beziehungen zwischen Berlin und Warschau sind katastrophal. Heute kann man in Polen Wahlen gewinnen mit anti-deutschen Ressentiments."

Wir haben den Polen den Rücken gekehrt. Wir lachen gerne über sie. Wir wischen vom Tisch - als absurd überzeichnet, als Erpressungsmanöver, als innenpolitisch instrumentalisiert -, was Polen an den Deutschen in Rage versetzt. Wenden wir uns um, hören wir hin, nehmen wir ernst, was sie uns zu sagen haben! Die "Preußische Treuhand", die beim Europäischen Gerichtshof auf Rückgabe von Immobilien Vertriebener klagt. Für uns ein bedeutungsloser Verein Verirrter - für die Polen politische Speerspitze, die auf ein Drittel ihres Staatsgebiets zielt. Erika Steinbach, die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen und CDU-Politikerin, die ein Zentrum gegen Vertreibungen plant. Für uns ein Fortschritt in der politischen Erbfolge der Vertriebenenverbände - für die Polen eine Frau, die Täter zu Opfern machen möchte.

Gerhard Schröders Ostsee-Gaspipeline. Für uns ein Projekt der Energiesicherheit - für Warschau ein Fait accompli in deutsch-russischer Tradition zur Umgehung Polens, das auch durch Gaslieferungen nicht geheilt werden kann. Das Verbot deutscher Jugendämter für polnische Partner aus geschiedenen Mischehen, mit ihren Kindern Polnisch zu sprechen. Für uns bürokratische Hartherzigkeit bei vier von 40000 deutsch-polnischen Partnerschaften - für die Polen Zwangs-Germanisierung. In solchem Umfeld wird alles glaubwürdig, auch das Ondit, in Berlin werde "das preußische Schloss" wieder aufgebaut - als Hort des Vertreibungszentrums.

Das erledigt sich von selbst? Wenn die Kaczynskis erst mal weg sind? Wenn die Klagen der "Treuhand" scheitern, in drei Monaten etwa? Welche Illusion! Andere und anderes werden an die Stelle treten. Vielleicht die beginnende deutsch-russische Allianz gegen das amerikanische Raketenabwehrsystem, das in Polen (und Tschechien) installiert werden soll. Gerade diese Allianz könnte Warschau bewegen, dazu Ja zu sagen.

Geschichte vergeht nicht. Unsere NS-Geschichte nicht, aber die Opfer-Geschichte der anderen auch nicht. Die Polen leben noch mehr, unausweichlich, in ihrer Geschichte als wir. Und polnische Geschichte ist die deutsch-russischer Kumpanei - bei Teilung, Zerstörung und Vernichtung. Deutsche haben Warschau 1944 dem Erdboden gleichgemacht, während Russen zusahen. Deutsche und Russen haben die Intelligenz, den Adel und die Offiziere Polens ausgelöscht. Doch unsere Erinnerung ist beherrscht vom Holocaust. Warum sollten die Polen deutsche Erinnerung an die Vertreibung respektieren, wenn die Deutschen ihre polnischen Opfer missachten? Selbst dem geschichtsbewussten Norbert Lammert unterlief es, dass er bei der Besichtigung des Museums für den von Deutschen hingeschlachteten Warschauer Aufstand deutschsprachige Schilder an den Exponaten vermisste. Polnisch und Englisch waren nicht genug. Arroganz und Verachtung empfinden die Polen bei uns. Bleibt das so, wenden wir ihnen nicht unser Gesicht zu, wird Polen nicht Schwerpunkt deutscher Außenpolitik, haben nicht nur wir ein schwärendes Problem - sondern Europa.

Hans-Ulrich Jörges / print