Zwischenruf Wem gehört Obama?


In Berlin hat der Wahlkampf-Wettstreit begonnen, wer den Wundermann aus Amerika für sich nutzbar machen kann. Die Kanzlerin sucht seine Nähe, der Kandidat erklärt ihn zum Sozialdemokraten. Und die Russen kommen quer ...
Von Hans-Ulrich Jörges

Der Kandidat meidet den Brandgeruch am Ground Zero seiner Partei, er atmet lieber Weltgeschichte. Zwei Tage nach der SPD-Katastrophe in Hessen - kein Wort hat er dazu vernehmen lassen - strahlt Frank-Walter Steinmeier in die Wohnzimmer der Deutschen, als sei Barack Obamas Triumph auch der seine. Am Abend nach der US-Wahl hat der Kanzleraspirant ARD und ZDF besetzt, um klarzumachen: Ypsilanti ist Münte, Obama bin ich. "Gerade als Sozialdemokrat", zaunpfahlt er später in der "FAZ", freue er sich über dessen Sieg. Irgendwie ist auch der schwarze Mann ein Roter - sein Erfolg soll von unserem künden.

Die Kanzlerin flieht die missmutige Runde. Es ist einer jener trüben Abende, an denen Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten ihrer Union um Petitessen deutscher Hühnerhof- Politik schachern muss, die Autobahn-Maut zum Beispiel. Es ist drei Tage nach der Obamania, und da kommt der erhebende Anruf aus Übersee gerade recht, um sich aus dem Raum rufen zu lassen und anschließend lässig zu verkünden, der "President elect" habe ihre Nähe gesucht. Das macht mächtig Eindruck, und die Jungs, die mal Männer waren, begreifen: Sie sind ganz klein, Angela aber spielt mit den Großen - und der Größte der Großen ist auch schon ganz der Ihre.

In Berlin hat der Kampf begonnen, das Ringen des Wahljahrs 2009: Wem gehört der Heiland? Wer darf sich aalen in seiner Aura: Angie oder Stone?

Die Kanzlerin, unbestreitbar, beginnt mit einem kleinen Wettbewerbsnachteil. Als Obama im Sommer am Brandenburger Tor deutsche Massen segnen wollte, da zeigte sie sich bockbeinig und bekundete ein "gewisses Befremden" über den Missbrauch des historischen Ortes. Während sich Steinmeier befremdet zeigte über ihr Befremden.

Da glaubte sie wohl noch nicht ganz an den Siegeszug des Wundermannes. Und es darf vermutet werden, dass der kühlen Kopfgeburtlerin, der Physikerin aus dem Osten, das Messianische des Predigers aus dem Westen durchaus suspekt war - vielleicht noch ist. Nach seinem Feldgottesdienst an der Siegessäule erteilte er ihr zwar schon Absolution im Kanzleramt: Nie wäre er selbst auf die Idee gekommen, am Brandenburger Tor ... Jemand aus seinem Stab ...

Aber: Da war was. Und damit die Erinnerung an dieses Etwas nicht zu rasch verblasst, frischte sie der Sozialdemokrat Klaus Wowereit in einem Glückwunschbrief liebevoll auf: Wenn Obama wieder nach Berlin komme, "wird sicher auch Gelegenheit sein, das Brandenburger Tor nicht nur von fern zu sehen". Das freilich sind eher Albernheiten. Politfolklore.

Die Bilder an der Seite Obamas, die Bilder des Wahljahrs, werden der Kanzlerin gehören, naturgemäß. Sie ist die Erstverwerterin seines Charismas. Steinmeier, der Außenminister, bleibt Zweitverwerter, er kommt nicht so nah und so oft heran an die Ikone, er muss der Erkenntnis unbescheiden auf die Sprünge helfen. Daher hat er so früh begonnen mit der zupackenden Vereinnahmung des Jahrhundertmannes.

In der Sympathie der Russen indes lag er kommod vor Merkel - und die Rolle des Mittlers, geschätzt in Washington und Moskau, versprach Rendite im Wahlkampf. Als Steinmeier Kandidat wurde, träumte die regierungsnahe "Iswestija": Mit ihm könne "das goldene Gerhard-Schröder-Zeitalter" zurückkehren, er sei Verfechter "wohlmeinender Beziehungen mit Russland, ohne immer wieder nach Washington zu schauen, wie es Angela Merkel tut". Welch ein Irrtum!

In Moskau, berichten Kundige, mochte man einfach nicht an einen Sieg Obamas glauben. Nun zeigte man sich überrumpelt von der Geschichte - und brachte Steinmeiers Koordinaten durcheinander. Denn die Ankündigung, das geplante amerikanische Raketenabwehrsystem in Polen und Tschechien mit russischen Raketen in der ostpreußischen Exklave Kaliningrad zu beantworten, provoziert Obamas Härte. Gedacht war das Manöver vermutlich, um einen Keil zwischen die entspannungsseligen Europäer, insbesondere die Deutschen, und die Amerikaner zu treiben. Doch der Effekt war ganz anders als berechnet: Steinmeier musste sich gegen Moskau stellen. Besinnt man sich dort nicht, folgt gar im Wahljahr Härteres, würde er Moskau entfremdet. Der Obamanier verlöre seinen Vorteil vor Merkel.

Afghanistan stellt Steinmeiers amerikanischen Traum auf eine noch härtere Probe. Verlangt Obama wirklich mehr deutsche Truppen auf dem verlorenen Kriegsschauplatz, ist es vorbei mit der neuen Liebe - oder ihr muss ein schweres Opfer gebracht werden. Das aber wäre in der SPD wohl nur streng konditioniert durchsetzbar: als letztes Aufgebot, dem bei Misserfolg der große Schnitt, der Truppenabzug folgt. Wem gehört dann Obama? Nur noch den Amerikanern.

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