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Zwischenruf: Zeit zu gehen, Herr Ackermann!

Trotzig verteidigt er das gescheiterte Investmentbanking, das die Welt ins Verderben gestürzt hat. Der Chef der Deutschen Bank sollte vorzeitig seinen Stuhl räumen - und den Weg freimachen für die Erneuerung des Finanzsystems.

Von Hans-Ulrich Jörges

Das WIR macht den Unterschied. "Ich muss eingestehen, dass wir, die in der Finanzindustrie arbeiten, uns kollektiv blamiert haben", sagt Leonhard Fischer. "Wir haben auf unserem wichtigsten Gebiet, dem Risikomanagement, versagt." Leonhard "Lenny" Fischer war einer der erfolgreichsten deutschen Bankmanager, wechselte von der Investmentbank JP Morgan in den Vorstand der Dresdner Bank, führte die Winterthur- Versicherung und ist heute Co-Chef des belgischen Finanzinvestors RHJ.

Solches WIR kommt Josef "Joe" Ackermann nicht über die Lippen. Partout nicht. Er täuscht Selbstkritik vor, indem er pauschal bleibt. "Natürlich haben die Banken Fehler gemacht, einige sogar schwere Fehler", sagt der Schweizer, Chef der stilprägenden Deutschen Bank. "Dafür müssen sie Verantwortung übernehmen. Sie sind jedoch bei Weitem nicht allein für die jetzige Krise verantwortlich."

Die Deutsche Bank und Josef Ackermann waren es wohl, die Horst Köhler vor allen anderen im Visier hatte, als er in seiner "Berliner Rede" zu einer Abrechnung mit den Bankern antrat, wie sie für ein Staatsoberhaupt ohne Beispiel ist. "Auch angesehene deutsche Bankinstitute haben beim Umgang mit Risiko zunehmend Durchblick und Weitsicht verloren", sagte er. Das Auftürmen von Finanzpyramiden sei für viele zum Selbstzweck geworden, insbesondere für die Investmentbanken. "Damit haben sie sich nicht nur von der Realwirtschaft abgekoppelt, sondern von der Gesellschaft insgesamt. Dabei geht es auch um Fragen der Verantwortung und des Anstands." Bis heute warte man "auf eine angemessene Selbstkritik der Verantwortlichen".

Rekordverlust und Kollaps

Ackermann müssen Köhlers Worte in den Ohren gedröhnt haben wie die Trompeten von Jericho. Durchblick und Weitsicht hat er schon lange verloren, nicht nur für die Lage der Branche, sondern auch für die eigene Bank. Mehrfach prognostizierte er im vergangenen Jahr das nahende Ende der Finanzkrise - dann musste er einen Rekordverlust von 3,9 Milliarden Euro für die Deutsche Bank aufdecken. Und kollabierte am selben Abend symbolhaft auf einem Empfang.

Doch den Zusammenbruch des Investmentbanking und seiner Zockerkultur, das Scheitern der autistisch auf die eigene Rendite fixierten Geldmaschine mochte er nicht eingestehen. Kein Zeichen der Einsicht, kein Mut zur Neuorientierung der Banken, ihres Ethos, ihrer Leitbilder, ihres Daseinszwecks. Trotzig verteidigt der Reserveoberst die alten Irrtümer, als hätte er sich Wachs in die Ohren gestopft. "Wir wandeln uns nicht von einer Investmentbank zu einer Universalbank", verkündete er. "Das Investmentbanking ist zwar volatil, erlaubt aber auch sehr schnell wieder sehr gute Gewinne." Kollegen im Vorstand der Deutschen Bank konnten die unerhörten Sätze kaum glauben - sie sehen sich als Manager einer Universalbank. Die Kanzlerin ist längst auf Distanz gegangen zu ihrem einstmals engen Berater.

Josef Ackermann ist der Untote einer gestorbenen Bankenwelt. Und der Letzte, der das noch nicht begriffen hat. Die ihm begegnen, lächeln ihn an - und schütteln die Köpfe, kaum hat er sich umgewandt. Es ist der tragische, fast bemitleidenswerte Fall eines aus der Zeit Gerückten, aus dem Olymp Gestürzten, seiner Autorität Entkleideten, der glaubt, er könne die Politik noch davon abbringen, die Banken zurückzuzwingen zu konservativen Geschäftsmodellen. Politik und Wirtschaft wünschen nichts sehnlicher als Banker, die sich wieder als Bankiers begreifen. Vertrauen zu den Banken, dem Vertrauensgewerbe schlechthin, bekunden heute nur 21 Prozent der Deutschen.

Die Politik kann nicht warten

Ackermanns Vertrag läuft noch bis zum Mai 2010. So lange aber können Politik und Gesellschaft nicht mehr warten. Die Politik fühlt sich allein gelassen im Kampf gegen die Krise, die Gesellschaft sucht neue Leitfiguren: Menschen, die Gesicht und Haltung zeigen, Symbolfiguren der Erneuerung - im Mittelstand, im Management von Dax-Konzernen, bei den Banken. Vor allem bei der deutschen Bank.

Der Überständige sollte rasch gehen, vorzeitig. Ende April präsentiert er die - offenbar gute - Bilanz des ersten Quartals, Ende Mai ist Hauptversammlung. Das ist die Gelegenheit, mit Restglanz abzutreten. Es gibt Jüngere, Einsichtsfähige, Änderungswillige, die ihn ersetzen können. Rainer Neske ist so einer, 44 Jahre alt und im Vorstand verantwortlich für Privat- und Geschäftskunden. "Die Banken stehen in der Pflicht, aus ihren Fehlern zu lernen", sagt er. "Es geht jetzt darum, dass wir um die Wiedergewinnung des Kundenvertrauens kämpfen." Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit dürfen sich nicht scheuen, in diesem Sinne Einfluss zu nehmen. Ein Investmentbanker oder eine Übergangsfigur wären unzumutbar. In dieser Zeit ist die Ackermann-Nachfolge ein Politikum.

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