75 Jahre "Machtergreifung" Als Hitler zum Kanzler ernannt wurde


Am 30. Januar 1933, vor 75 Jahren, ernennt Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Es folgen Fackelzüge durch Berlin. Noch glaubt die konservative Machtelite, die Nazis bändigen zu können. Das ist eine fatale Fehleinschätzung. Es ist der Auftakt zum Holocaust.

Als vor 75 Jahren der Januar 1933 und damit das Schicksalsjahr der Deutschen anbricht, atmet das liberale Bürgertum auf. Das bedrohliche Jahr 1932 ist vorbei. Die Nazis haben mit der Wahl zur stärksten Reichstagsfraktion im vorangegangenen Sommer zwar ihren Höhepunkt erreicht, aber Reichspräsident Paul von Hindenburg hat Adolf Hitler die Kanzlerschaft verweigert. Bei der Neuwahl im Herbst haben sie Stimmen eingebüßt. "Der gewaltige nationalsozialistische Angriff auf den demokratischen Staat ist abgeschlagen", urteilt die renommierte "Frankfurter Zeitung". Vier Wochen später, am 30. Januar 1933, ist Hitler dennoch Kanzler und beginnt sein Schreckensregime. Wie konnte es dazu kommen?

Seit der Gründung 1920 dümpelte die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) mit ihren Antimarxismus und Judenhass bedeutungslos vor sich hin. Ein Umsturzversuch scheiterte 1923 in München kläglich. Bei der Wahl 1928 kam sie nur auf 2,6 Prozent - so viel, wie rechtsextremistische Parteien auch heute manchmal erreichen.

Der SA liefen die Mitglieder davon

Ihr Aufstieg begann mit der Weltwirtschaftskrise. Die Zahl der Arbeitslosen wuchs im Februar 1932 auf 6,1 Millionen, eine Quote von 30 Prozent. Hinzu kam die politische Instabilität: In 14 Jahren Weimarer Republik wechselte die Regierung 20 Mal. Immer mehr Erwerbslose zog es zu den Kommunisten; Arbeiter und Angestellte zu den Nazis. Beide Seiten lieferten sich tödliche Straßenschlachten. Auch Teile des Mittelstands, die eine Bolschewisierung des Landes und sozialen Abstieg fürchteten, wandten sich den Nazis zu. Die Machtelite setzte auf ein Ende der verachteten Parlamentsdemokratie.

Doch Ende 1932 durchschritt die Wirtschaft die Talsohle. Die Arbeitslosenzahl sank wieder. Enttäuscht von Hitlers Weigerung, sich unter einem anderen Kanzler an der Regierung zu beteiligen, wandten sich bei der Wahl im November viele von den Nazis ab. Der SA liefen die Mitglieder davon. Hitler trug sich mit Selbstmordgedanken.

"Und nun, meine Herren, vorwärts mit Gott!"

In dieser Situation Anfang 1933 glaubt die rechte Machtelite, die geschwächten, aber immer noch starken Nazis für sich instrumentalisieren zu können: Sie sollen einem autoritären Regime die Massenbasis verschaffen, aber nicht die alleinige Macht bekommen. Der als Kanzler gescheiterte Konservative Franz von Papen schmiedet deshalb hinter dem Rücken seines Nachfolgers Kurt von Schleicher ein Bündnis mit Hitler. Darin sollen auch die reaktionäre Deutschnationale Volkspartei und die nationalistische Organisation Stahlhelm eingebunden werden. Hindenburg, der Hitler nicht schätzt, billigt das.

Am 28. Januar tritt Schleicher mangels Mehrheit im Reichstag zurück. Zwei Tage später, am Vormittag des 30. Januar, vereidigt Hindenburg die neue Regierung Hitler/von Papen. Von den zunächst neun Kabinettsmitgliedern sind nur drei Nazis: Hitler als Kanzler, Wilhelm Frick und Hermann Göring. Hitler verspricht, die Verfassung zu erhalten. Dann schließt Hindenburg die kurze Zeremonie: "Und nun, meine Herren, vorwärts mit Gott!" Papen wird seine völlige Verkennung des Kräfteverhältnisses später mit der Bemerkung belegen, man habe sich Hitler engagiert und werde ihn bald "so in die Ecke gedrückt (haben), dass er quietscht".

Fackelzug durch das Brandenburger Tor

Am Abend ziehen in Berlin gut 20.000 SA-Leute und Stahlhelm- Angehörige in einem stundenlangen Fackelzug durch das Brandenburger Tor und die Wilhelmstraße hinunter. Tausende beobachten den Aufmarsch, an einem Fenster der Reichskanzlei auch Hitler. Beim Rundfunk haben die Nazis eine Live-Berichterstattung durchgesetzt. Der Satiriker Kurt Tucholsky hört am Radio mit und prägt seinen Spruch: "Man kann gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte." Für andere ist es nicht mehr als ein weiterer Regierungswechsel. Die Zeitgenossen hätten dem Kabinett "keine lange Zukunft eingeräumt", sagt der Historiker Hans Mommsen.

Wenige Monate später sieht alles anders aus. Der Schwung der neuen Machthaber und die zunehmende Konjunktur gefallen den Menschen. Gegen Kommunisten, Sozialdemokraten und andere Gegner jedoch bricht nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar der bis dahin halbwegs gezügelte Terror von SA und SS vollends los. Am Ende des Jahres sind - selbst nach halbamtlicher Statistik - 100.000 Menschen verhaftet. Die ersten 600, darunter auch Juden, sind ermordet. Zwölf Jahre später werden es Millionen sein.

Christian Andresen/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker