Ausstellung "Diktatoren abschießen macht Spaß"


Mit der ersten Einzelausstellung in Deutschland erinnert das Museum Ludwig in Köln an den Fotografen James Abbe. Die Aufnahmen des Amerikaners wurden zu Ikonen der modernen Bilderwelt. Spezialität: Fotos von Diktatoren.

"Shooting dictators is great fun", zu Deutsch etwa "Diktatoren abschießen macht Spaß", kommentierte er sein Werk ironisch. Ob Weltpolitiker oder Hollywoodstars, James Abbe hatte alle Großen der Welt vor der Linse seiner Kodak Faltkamera. Der amerikanische Fotograf und Fotojournalist gilt als einer der wichtigsten Bild-Chronisten des 20. Jahrhunderts. Viele seiner Aufnahmen wurden zu Ikonen der modernen Bilderwelt.

Originalfotos und neue Abzüge

Unter dem Titel "Shooting Stalin. Die wunderbaren Jahre des Fotografen James Abbe" zeigt das Kölner Museum Ludwig vom 2. Oktober bis 9. Januar 2005 Werke des Amerikaners. In der ersten Einzelausstellung des Fotografen in Deutschland wird Abbes Werk mit über 200 Originalfotografien sowie neuen Abzügen von den Originalnegativen präsentiert.

Einen Namen als Fotograf machte sich der 1883 in einer Kleinstadt in Virgina geborene Abbe im New York der "Roaring Twenties". Hier fotografierte er die Helden des Broadways und der Stummfilmära, unter ihnen Rudolph Valentino, Charlie Chaplin, Mae West und Josephine Baker. Andere Porträtfotos, wie etwa von Thomas Mann, blieben unbekannt und sind erst jetzt wieder entdeckt worden.

Es war die große Zeit der Fotoreportagen. Um das Leben in Bildern zu zeigen, unternahm Abbe abenteuerliche und beschwerliche Reisen. Es galt, das Fremde aufzusuchen, das Exotische auszuspüren. Intelligent, sprachbegabt und mobil, verkörpert Abbe genau jenen Typ des fliegenden Reporters, nachdem eine bildbegeisterte Leserschaft damals verlangte. Abenteuerlich muten auch die Anstrengungen an, die Abbe für eine gute Reportage mitunter unternahm. Für seine Arbeit "Bei der Venus von Milo" zum Beispiel bestellte Abbe eigens Komparsen in den Louvre, um diese als Museumsbesucher zu fotografieren. Die Rechnung zahlte seine Redaktion ohne zu Murren.

Chronist politischer Umwälzungen

Abbes Leidenschaft galt dem Film, dem Theater und Tanz, den Bühnen in New York, Paris, London und Berlin, sein Ruhm begründete sich mit den Porträts der Leinwand- und Revuestars. Zu seiner Spezialität wurden aber Fotos von Diktatoren. Ab Mitte der "Goldenen Zwanziger Jahre" zog Abbe durch die Metropolen Europas, wo er zum Chronisten der politischen Umwälzungen wurde. Das Ergebnis waren großartige Fotoreportagen über die letzten Jahre der Weimarer Republik oder über die Wirren des Spanischen Bürgerkriegs. Unbekümmert näherte er sich auch den Tyrannen Europas - Mussolini, Stalin, Hitler, Franco.

Seit 1932 lebte Abbe in Berlin, wo er im Auftrag der "Berliner Illustrierten Zeitung" (BIZ) arbeitete. Die Stadt selbst erlebte er als Brennpunkt der Geschichte: In fünf Minuten könne er das Reichskanzleramt erreichen, in zwei Minuten die französische Botschaft, wo nervöse Juden ihre Ausreisevisa beantragten, und nur 15 Minuten Busfahrt seien es bis zu dem Gefängnis, in dem der Kommunistenführer Ernst Thälmann einsitze, beschrieb er einmal die Umgebung seiner Wohnung. "Mit dieser Liste könnte ich einen ganzen Artikel bestreiten. Berlin ist im Moment der Ort, wo die Welt dem Abgrund am nächsten steht", endete seine Aufzählung.

Seinen schwierigsten Auftrag erhielt er von Kurt Korff, dem Chefredakteur der BIZ: "Bringen Sie mir Fotos von Hitler, wie er aus einer Synagoge kommt! Oder bringen Sie mir Fotos von Stalin im Kreml!" Der Auftrag schien unausführbar - kein Journalist der westlichen Hemisphäre hatte den kommunistischen Herrscher je porträtieren dürfen. Am 13. April 1932 bekam Abbe schließlich die Erlaubnis, den sowjetischen Diktator zu fotografieren - ganz ohne Propagandaauftrag. Die Gelegenheit zu diesem "Shooting" erhielt Abbe, als das "Berliner Tagblatt" das Gerücht aufbrachte, mit Stalin gehe es dem Ende zu. "Stalin angeblich schwer krank - Gesundheitszustand verschlechtert sich zusehends - Deutscher Spezialist eilt in den Kreml", hatte die Zeitung geschrieben. "Der Coup liegt mir zu Füßen", reagierte der Fotograf erfreut.

25 Minuten mit Stalin

Zutritt zum Allerheiligsten der aufstrebenden Weltmacht verschaffte sich Abbe mit einem Trick. Er bot den Herren im Kreml an, das lancierte Gerücht durch ein Foto eines Amerikaners zu wiederlegen. Ganze 25 Minuten durfte Abbe schließlich Stalin fotografieren - in dessen Arbeitszimmer unter einem Porträt von Karl Marx. Als er den Diktator fragte, ob er seine Fotos freigeben könne, ohne sie zu retuschieren, antwortete Stalin mit einem amüsierten "nitschewo" (Das ist mir egal). Abbe bot Stalin an, ihm einen Satz Fotos zu schicken, worauf er höflich erwiderte: "spasibo" (danke). Die Aufnahmen des Sowjetherrschers erschienen im selben Jahr auf der Titelseite der "New York Times" - und gingen um die Welt.

Mit Abbes Rückkehr in die USA 1937 endete auch seine Karriere als Fotograf. Als Radiomoderator kommentierte er das Weltgeschehen noch bis in die 50er Jahre hinein. Er starb 1973 in San Francisco. Die sorgfältig kuratierte Ausstellung ist eine längst überfällige Hommage. Leider ist der Titel der Kölner Ausstellung nur eine Metapher.

Museum Ludwig

Bischofsgartenstraße 1 (Dom/Hbf)
D 50667 Köln
Telefon +49 221 221 26 165
Fax +49 221 221 24 114
Email: info@museum-ludwig.de
www.museenkoeln.de/museum-ludwig

Ausstellungsdauer

2.10.2004-9.1.2005

Öffnungszeiten

Di.-Do. 10-18 Uhr, Fr. 11-18 Uhr
Sa./So. 10-18 Uhr, Mo. geschlossen

Katalog zur Ausstellung

Bodo von Dewitz und Brooks Johnson (HG.): "Shooting Stalin. Die wunderbaren Jahre des Fotografen James Abbe (1883-1973)". Steidl Verlag, Göttingen, 39 Euro

Dusko Vukovic

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