Dien Bien Phu Wie eine Bauernarmee eine Kolonialmacht besiegte


Vor fünfzig Jahren verlor Frankreichs Armee, eingekesselt in einem abgelegenen Tal, die Schlacht um Dien Bien Phu gegen die Vietminh. Die Niederlage, ein Gemetzel von unvorstellbarer Brutalität, besiegelte das Ende der Kolonialherrschaft in Indochina.

Für die alten Männer in den grünen Uniformen und mit den zahlreichen Orden an der Brust sind die Erinnerungen an die Schlacht zwischen den roterdigen Schützengräben und dem Stacheldraht noch sehr lebendig. Die Veteranen von Dien Bien Phu sind gekommen, um den 50. Jahrestag ihres Sieges zu feiern, des Sieges vietnamesischer Bauern über eine moderne französische Armee, der auch das Ende des französischen Kolonialreichs in Indochina einläutete.

Strategische Meisterleistung

Die Schlacht von Dien Bien Phu, die am 7. Mai 1954 mit der Kapitulation der französischen Truppen endete, gilt auch heute noch als strategische Meisterleistung, die immer wieder von Militärhistorikern auf der ganzen Welt studiert wird. Und sie hatte weitreichende politische Auswirkungen. "Das war ein Sieg, der die Welt erschütterte", sagt Carlyle Taylor, ein Vietnamexperte an der australischen Militärhochschule. "Es war eine schwere Niederlage für eine Kolonialmacht, zugefügt von einem Dritte-Welt-Land." Und der Erfolg wog umso schwerer, als er sich zur Zeit des Kalten Krieges ereignete.

Frankreich hatte sein Kolonialreich in Indochina im Zweiten Weltkrieg an Japan verloren. Nach der Niederlage und dem Zusammenbruch Japans entstand im Norden Vietnams die Demokratische Republik Vietnam unter Präsident Ho Chi Minh. Frankreich wollte sein altes Kolonialreich aber wieder aufbauen, was ab 1946 zum Indochinakrieg führte. Anfang der 50er Jahre war der französische Indochinakrieg schon Teil des Kalten Krieges, die Vietnamesen wurden von der UdSSR und China unterstützt, Frankreich von den USA, die bis zu 80 Prozent des Indochinakriegs finanzierten.

Im Kampf gegen die vietnamesischen Rebellen, die Vietminh, besetzten französische Truppen am 20. November 1953 schließlich den Ort Dien Bien Phu an der Grenze zu Laos, um ihnen den Nachschub abzuschneiden. Der französische Plan scheiterte aber. Dies lag nicht zuletzt an ihrem Gegner, dem legendären, heute 92-jährigen General Vo Nguyen Giap, der in Vietnam als lebendes Denkmal gilt. Er schloss die Franzosen mit rund 72.000 Kämpfern am 13. März 1954 ein, und es gelang ihm, was die Franzosen für unmöglich gehalten hatten: In einer logistischen Glanzleistung zerlegten die Vietminh ihre schwere Artillerie in Einzelteile, transportierten sie dann über die Berge, um sie vor Dien Bien Phu schließlich wieder in Stellung zu bringen. Nach einer 56-tägigen Belagerung kapitulierten die Franzosen.

"Ich war Soldat und Bauer für mein Land"

Hunderte Vietnamesen kommen in diesen Tagen in das Grenzstädtchen, um den Sieg zu feiern, der getöteten Kameraden zu gedenken und um die Erinnerungen vielleicht ein letztes Mal wiederaufleben zu lassen. "Ich war damals in der Hölle", erinnert sich der 77-jährige Vu Van Nay. Er stützt sich dabei auf seine Krücke, sein linker Fuß fehlt. "Heute fühle ich mich wie im Himmel." Und der 74-jährige Nguyen Van Ky fügt stolz hinzu: "Sie dachten, sie hätten ihre Panzer, ihre Flugzeuge, ihre Artillerie und wir hätten nichts. Sie haben uns unterschätzt."

Der Preis für den Sieg aber war hoch. Auf französischer Seite wurden rund 2.000 Soldaten getötet, unzählige starben auf dem Marsch in die Gefangenenlager. Die vietnamesischen Verluste lagen mindestens beim Dreifachen, zehntausende wurden zudem verwundet. Heute blickt man von dem letzten Hügel, der in den Kämpfen erobert wurde, auf drei Kriegsgräberfriedhöfe.

Dien Bien Phu, das waren damals 24 Häuser, erinnert sich der 79-jährige Nguyen Tieu. Heute leben hier 70.000 Menschen. Die Hauptstraße heißt 7. Mai. Neben lebhaften Märkten finden sich jetzt Internet-Cafes. Die Stadt ist umgeben von glitzernden Reisfeldern. Den Grundstein legte Ho Chi Minh, der 1958 hunderte Soldaten wieder nach Dien Bien Phu schickte, um den Ort auszubauen und für den Nachschub im weiter andauernden Krieg zu nutzen. Tieu und andere wurden hierher geschickt, um den Dschungel zu roden, Reis und Gemüse anzubauen. "Ich war Soldat und Bauer für mein Land", sagt Tieu. Noch 300 Veteranen leben heute in dem Ort.

Erinnerung schwindet allmählich

Auch in Vietnam schwindet allmählich die Erinnerung an die Kriege zwischen 1946 und 1975, dem Jahr des Abzugs der USA. Das Land hat sich im letzten Jahrzehnt stark gewandelt und der Welt geöffnet. Herangewachsen ist eine Generation, die keinen Krieg erlebt hat. Die Kinder und Enkel der Bauernsoldaten von einst gehen auf Universitäten, arbeiten in der Industrie.

Selbst wenn das Land im Weltmaßstab immer noch arm ist, die Veteranen sind stolz auf das, was sie geleistet haben. "Als ich im Graben kämpfte, stellte ich mir eine Welt ohne Krieg vor", sagt der einarmige Nay. "Wir haben uns für unsere Kinder und die nächste Generation geopfert. Ihr Leben ist viel besser.

Sie brauchen nur noch zu lernen und hart zu arbeiten. Sie brauchen keine Angst vor Krieg zu haben."

Zum Jahrestag kam auch General Giap

Auch Giap ließ es sich nicht nehmen und reiste nach Dien Bien Phu. "Wir haben Jahre darauf gewartet, ihn zu sehen", sagt der 75-jährige Nguyen Van Chua. "Es war wundervoll, ihn zu sehen. Es war vielleicht das letzte Mal." Aus dem unbeugsamen Willen der Vietnamesen lässt sich immer noch einiges lernen. Davon ist der 92-jährige General Giap überzeugt. In einer Pressekonferenz stellte Giap sich noch einmal den Fragen der Journalisten zu den Ereignissen von damals.

Die Schlacht habe gezeigt, dass "eine Nation sehr stark ist, wenn sie sich entschlossen hat aufzustehen," sagte Giap. "Wir sind sehr stolz darauf, dass Vietnam die erste Kolonie war, die mit dem Sieg von Dien Bien Phu ihre Unabhängigkeit aus eigener Kraft erlangen konnte."

Giap war vom früheren Präsidenten Ho Chi Minh mit dem Kommando über die Vietminh-Armee betraut worden, obwohl er keinerlei militärische Erfahrung hatte. Und er setzte sich in Dien Bien Phu auch über die Ratschläge chinesischer Militärberater hinweg, indem er sich für ein langsameres Vorrücken und ständige kleine Angriffe entschied. "Es war die schwierigste Entscheidung, die ich in meinem Leben, in meiner Militärkarriere zu treffen hatte."

"Durst nach Freiheit"

Allein der Wille und der Durst nach Freiheit hätten den Kampf der Vietnamesen bei der 56-tägigen Belagerung getragen, erklärte Giap, wobei er mit einem Lächeln hinzufügte, seine Soldaten hätten ihm französische Schokolade gebracht, die sie in abgeworfen Nachschubpaketen der Franzosen fanden.

Am Tag nach dem Sieg kam ein Telegramm von Ho Chi Minh. "Ich erinnere mich noch genau an einen Satz in dem Brief: ’Das ist wirklich ein großer Sieg, aber es ist nur der Anfang’", sagte Giap. "Nur Ho Chi Minh konnte zu dieser Zeit einen solchen Satz schreiben." Und er sollte Recht behalten, denn der Friede war in Vietnam noch lange nicht in Sicht. Was dem Abzug der Franzosen folgte, war ein langer und blutiger Krieg gegen die Amerikaner, der vor 29 Jahren am 30. April 1975 mit dem Abzug der Besatzer endete.

"Nichts ist wertvoller als Freiheit und Unabhängigkeit", sagte Giap in einem Fazit. Auch heute sollten große Länder nicht den Unabhängigkeitswillen kleinerer Völker unterschätzen, mahnte er. Zur Lage in Irak könne er sich nicht äußern, sagte Giap, aber als General, der Franzosen und Amerikaner besiegte, habe er doch einen Rat: "Jede Macht, die ihren Willen anderen Ländern aufzwingen will, wird scheitern."

"Land, in dem wir nichts verloren hatten"

1960 waren aus den meisten französischen Kolonien in Afrika freie Länder geworden. Über die Vietminh schrieb Oberst Pierre Langlais in seinem 1963 erschienenen Buch "Dien Bien Phu", das auf seinem Kriegstagebuch basierte, sie kämpften, "um uns aus ihrem Land zu werfen, in dem wir nichts verloren hatten."

Oberst Pierre Langlais, der die 10.000 französischen Soldaten in Dien Bien Phu de facto kommandierte, nahm gerade eine Dusche im Freien, als der Angriff der Vietminh am 13. März um 05.30 Uhr, eine halbe Stunde später als vom französischen Geheimdienst angenommen, begann. In seinem Tagebuch erinnert er an diesen Moment: "Einem Donner in der Ferne folgten Augenblicke später ohrenbetäubende Explosionen. Ich sprang in meinen Unterstand wie eine Ratte in ein Loch." Die Vietnamesen, die auf Seiten der Franzosen kämpften, flohen schnell. "Wer könnte es ihnen vorwerfen? Sie waren gute Soldaten in dem kleinen Krieg. Aber nach diesem Schock, welchen Grund hätten sie, ihr Leben zu verlieren?" schrieb Langlais.

In den folgenden Wochen fiel Außenposten um Außenposten der Franzosen. Auch die freiwilligen Soldaten aus Algerien, Marokko und den anderen afrikanischen Kolonien desertierten nach und nach. Die Landebahn in Dien Bien Phu wurde allmählich zu gefährlich für die Nachschubflugzeuge. Lebensmittel und Munition wurden aus der Luft abgeworfen. "Der Nachschub konnte mit dem Krieg nicht mithalten", schrieb Langlais. "Abwürfe aus großer Höhe auf eine Zone, die Tag für Tag kleiner wurde, das bedeutete, dass uns 30 Prozent verloren ging und den Feinden zu Gute kam. Auf diese Weise wurden den Vietminh-Batterien rund 5.000 Granaten geliefert."

"Ergebt euch. Ihr seid verloren"

Am Morgen des 7. Mai "stand ein Schatten über unserem Graben. Es war ein vietnamesischer Soldat, sein Gesicht verzerrt durch einen Mundschutz, der seine Waffe auf uns richtete und rief: 'Ergebt euch. Ihr seid verloren.'

"Ergebt euch. Ihr seid verloren"

Am Morgen des 7. Mai "stand ein Schatten über unserem Graben. Es war ein vietnamesischer Soldat, sein Gesicht verzerrt durch einen Mundschutz, der seine Waffe auf uns richtete und rief: 'Ergebt euch. Ihr seid verloren.'

Wir waren wie versteinert. Eine einzige Bewegung hätte zu einem Kugelhagel geführt", schreibt Langlais. Ein anderer französischer Offizier erschoss den Soldaten von hinten. Aber schon bald waren die Vietminh überall.

"Ich überlegte schnell, was ich zerstören wollte. Ich verbrannte meine Briefe, Unterlagen, das Kriegstagebuch, dass ich jede Nacht schrieb und aus dem ich meinen Kameraden am Morgen oft vorlas, dieselben Angaben, die ich jetzt noch so erstaunlich gut in meinem Gedächtnis wiederherstellen kann. Ich verbrannte den Lederrahmen mit dem geliebten Bild der Frau, an Bord meines Segelboots, die später meine Ehefrau wurde. Ich verbrannte mein rotes Fallschirmjäger-Beret."

Langlais, der in Gefangenschaft geriet, schließt sein Tagebuch mit einer letzten Notiz über seine Seelenpein: "Wir haben nicht zur Verteidigung unserer Häuser gekämpft, wir haben nicht gekämpft, um Fremde von unserem Land zu vertreiben, wir haben nicht einmal gekämpft, um Indochina für Frankreich zu erhalten. Aber warum dann? Die Ehre des Waffenhandwerks, das war alles."

"Drei Farben, eine Flagge, ein Reich"

In Paris leitet der 85-jährige General Jacques Bourry die Vereinigung der Kämpfer der Französischen Union (Association des Combattants de L'Union Francaise). In seinem Büro hängen eine große Karte von Indochina und ein Plakat: "Drei Farben, eine Flagge, ein Reich." Bourry beharrt darauf, die französische Absicht, die Mehrheit der Bevölkerung, die nichts vom Kommunismus Ho Chi Minhs wissen wollte, vor diesem zu bewahren, sei richtig gewesen. "Aber wir konnten nicht länger bleiben. Es gab zu viele Tote, und wir hatten einfach nicht die Mittel oder den politischen Willen." Und mit einem bitteren Lachen fügt er hinzu: "Die Amerikaner ersetzten uns, sicher, aber auch ihre enormen Möglichkeiten bewahrten sie nicht vor der Niederlage." Was den Krieg im Irak betrifft, ist Bourry pessimistisch. "Das ist eine Angelegenheit der Amerikaner. Das geht uns nichts an. Sie werden gehen müssen. Ein Krieg dieser Größenordnung ist heutzutage nicht mehr möglich."

Ein Denkmal aus Marmor und Eisen erinnert im südfranzösischen Frejus an die 58.000 Toten, die Frankreich in Vietnam insgesamt zu beklagen hatte. Aber kaum 60, zumeist alte Menschen finden täglich den Weg hierhin. Etwa drei Viertel der 10.000 Soldaten in den Gräben von Dien Bien Phu kamen aus den französischen Kolonien, aus Algerien, Marokko und anderen afrikanischen Staaten sowie Vietnam. Namen im Denkmal von Frejus zeigen es deutlich: Dialo Alpha Mamadou, Tahar ben Abdesselem, Pham Me. "Das ist der Hauptgrund, warum so wenige Menschen hierher kommen", sagt Patrice Lorenzi, der Leiter der Gedenkstätte an den Indochinakrieg. "Ihre Familien leben weit entfernt. Sie leben ein anderes Leben in Ländern, die nichts mit unserem zu tun haben. Die Welt ist jetzt eine andere."

Für die meisten Franzosen ist die Lektion aus diesem Krieg, in dem eine Armee aus Bauern eine moderne Militärmaschinerie besiegte, klar: Auch eine Großmacht kann ihren Willen nicht einer fremden Bevölkerung aufzwingen, die ihre Angelegenheiten selbst regeln will. In den 58.000 Toten - das sind ungefähr so viele, wie auch die USA in Vietnam verloren - sind noch nicht diejenigen eingerechnet, die auf dem Marsch in die Gefangenenlager oder in Gefangenschaft starben.

Bittere Lektionen für Frankreich

"Jeder, der hierher kommt, hat den selben Gedanken - dass sie umsonst gestorben sind", sagt Lorenzi. Stundenlang ist er hier allein. "Dieser Ort zeigt deutlich, dass man den Menschen nicht etwas aufzwingen kann, was sie nicht wollen. Es sei denn, man ist bereit, ihr Land völlig niederzubrennen und wieder ganz von vorne anzufangen." Diese Lektion lernten die Franzosen zuerst in Indochina und dann in Algerien. Der sieben Jahre währende Krieg begann nur Monate nach dem Waffenstillstand in Vietnam 1954. Auch er endete mit dem Abzug der Franzosen.

Die Militärstrategen der USA, die derzeit in muslimischen Städten einer oft feindseligen Bevölkerung gegenüber stehen, untersuchen sehr genau das französische Vorgehen in Algerien. Der französische General Paul Aussaresses, der die Strategie gegen den Guerillakrieg entwarf, löste in seiner Heimat aber jüngst einen Sturm der Entrüstung aus, nachdem er in seinen Memoiren offen über Folter und Massenerschießungen berichtet hatte.

Tini Tran, Mort Rosenblum und Margie Mason/AP AP DPA

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