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Emigration: Aus der Wüste ins Paradies

Kampf für den eigenen Staat: stern-Korrespondentin Mira Avrech über den Abschied von Deutschland und das Abenteuer Israel.

April 1933 in Kiel. War der Tag wirklich so wolkenverhangen, oder ist es nur meine Erinnerung, die ihn heute so erscheinen lässt? Wir vier Kinder saßen mit dem Vater im Wohnzimmer, als meine Mutter hereinstürzte. Sie war kreidebleich, ihre linke Wange blutverschmiert. Sie war gerade in unserem Kaufhaus gewesen und stotterte nur: "Zwei große Nazis standen am Eingang. Sie schwenkten gewaltige Hakenkreuzflaggen und ließen keinen durch. Ich sagte ihnen, dass ich Deutsche sei, sie sollten mein Eigentum sofort verlassen. Sie lachten nur und stießen mich gegen eine Mauer. Ich bin kaum wieder auf die Beine gekommen."

Sie war noch nicht zu Ende mit ihrem Bericht, da hörten wir schon das dumpfe Echo schwerer Stiefel. Ich stand hinter meinem Vater, um an ihm vorbei einen Blick aus dem Fenster zu werfen auf die langen Reihen der SA-Männer. Mit wehenden Fahnen zogen sie durch die Straße und drehten ihren Kopf nach rechts, als sie am Hotel "Continental" vorbeikamen. Dort, gegenüber unserer Wohnung im Sophienblatt 7, auf dem Balkon stand Adolf Hitler. Eine Hakenkreuzbinde am Arm, grüßte er mit dem Nazi-Gruß zurück.

Aus der Wüste ins Paradies

Ein halbes Jahr später, im Dezember 1933, standen wir frühmorgens am Kieler Hauptbahnhof. Es war wieder ein grauer Tag. Da mein Vater der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde war, schienen fast alle 500 Juden Kiels gekommen zu sein, um uns zu verabschieden. Einer fragte meinen Vater: "Isidor, warum verlässt du das Paradies, um in die Wüste zu gehen?" Da mischte sich mein Großvater ein, ein frommer Jude mit Seitenlocken und einem langen Bart: "Israel", er sprach meinen Vater mit seinem hebräischen Vornamen an, "hör nicht auf sie. Du verlässt die Wüste, um ins Paradies zu gehen."

Vielen Juden verweigerten die britischen Behörden damals das Einreisevisum für ihr Mandatsgebiet. Doch mein Vater, ein überzeugter Zionist, war schon 1929 als Tourist nach Palästina gefahren und hatte dort ein Stückchen Land gekauft. Also erhielten wir die nötigen Papiere.

Als wir zu Beginn des Jahres 1934 in Palästina ankamen, war ich neun Jahre alt und Tel Aviv eine kleine Stadt voller Sand. Irgendwie hatte ich es geschafft, mein Fahrrad mit auf die große Reise zu nehmen. Um damit zu fahren, musste ich es erst im Bus zu den wenigen asphaltierten Straßen im Zentrum schaffen. Morgens zogen Karawanen von Kamelen am Strand entlang, geführt von Arabern, die auf Eseln ritten und eine Keffieh um Hals und Kopf geschlungen hatten. Nachmittags verkauften Araber und Juden in unserer Straße Orangen aus Körben, die ihre Esel durch die Stadt schleppten.

Meine Ferien verbrachte ich bei meinem Onkel. Ich genoss die Sonne, wenn ich ihm half, die reifen Orangen zu ernten. Das Dorf war voll von jungen Idealisten. Tags wässerten sie ihre Felder, molken die Kühe und fütterten die Hühner. Abends saßen sie am Lagerfeuer, brieten Kartoffeln, spielten Akkordeon und sangen jüdische Lieder.

Mit 18 in der Britischen Luftwaffe

Als ich 18 wurde, 1943, trat ich der Britischen Luftwaffe bei - dem Kampf gegen Hitler. Viele Juden in Palästina machten das damals. Bald hatte ich den Rang eines Sergeanten und musste auf einer riesigen Landkarte die Bewegungen feindlicher Flugzeuge eintragen. Wenig später fand ich mich irgendwo an der Küste wieder. Heimlich hatte ich mich dorthin geschlichen, um illegalen jüdischen Einwanderern aus kippeligen Booten an Land zu helfen. Bleich, erschöpft und mit nichts als dem Wenigen, das sie in den Armen tragen konnten, kletterten die Neuankömmlinge aus ihren kleinen Booten. Wir brachten sie zu irgendwelchen Verstecken. Wer von den Briten erwischt wurde, musste wieder raus aufs stürmische Meer.

Noch heute erinnere ich mich an ein Schiff, "Struma" hieß es, voller Juden aus Rumänien und Russland, die einen Hafen nach dem anderen anzulaufen versucht hatten, ohne Erfolg, bis das Schiff schließlich kenterte und alle Passagiere mit sich riss. Solche Erfahrungen machten mich zum Mitglied von Irgun, der extremen jüdischen Untergrundbewegung Menachem Begins, der später Ministerpräsident Israels wurde. Nicht um gegen Araber zu kämpfen, sondern um die Briten aus dem Land zu vertreiben, das wir für unseres hielten.

Wir träumten damals große Träume. Die Idee des Kibbuz entstand, wo jeder mit jedem alles teilte, selbst die Kleidung. Als Shimon Peres, später Minister und Friedensnobelpreisträger, 1945 heiratete, gab ihm sein Kibbuz die einzige lange Hose weit und breit. Doch eine passende Jacke fehlte. Er fand schließlich eine alte Armeeweste, färbte sie schwarz und trat so mit seiner Braut vor den Rabbi.

Die Vereinten Nationen stimmen der Teilung zu

Am 29. November 1947 gegen Mitternacht schienen alle Bürger von Tel Aviv in der Hauptstraße versammelt zu sein. Atemlos lauschten sie den Nachrichten, die mit Lautsprechern übertragen wurden: Die Vereinten Nationen hatten für eine Teilung Palästinas gestimmt. Tausende fielen sich in die Arme, lachten oder weinten vor Freude. Ich muss in dieser Nacht Hunderte geküsst haben, die ich nie zuvor gesehen hatte. Irgendwann fand ich mich neben einem Stand wieder, den ein jüdischer Einwanderer aus Deutschland betrieb. Er war einmal ein bekannter Schauspieler in Berlin gewesen. Nun verkaufte er als Straßenhändler Würstchen vor dem einzigen Kino Tel Avivs. In dieser Nacht verteilte er, was er hatte, ohne einen Pfennig dafür zu nehmen.

Die Freude währte nicht lang. Am nächsten Morgen kam im Radio die Nachricht, dass jüdische Busse von Arabern angegriffen worden waren. Zwei jüdische Krankenschwestern waren auf ihrem Weg zur Arbeit in einem arabischen Hospital in Jaffa ermordet worden. Der jüdische Wächter einer Orangenplantage war niedergestochen worden von einem Araber, mit dem er seit Jahren befreundet war und mit dem er fast jede Mahlzeit geteilt hatte. Scharfschützen nahmen die Straße, in der wir lebten, unter Feuer. Sie schossen vom Turm der Hassan-Bek-Moschee herunter. Einer der Männer, den sie töteten, war unser Nachbar, der gerade auf dem Weg zum Bäcker war. Wochenlang wurden wir von der Moschee herab beschossen.

Der Staat Israel war noch nicht ausgerufen. Wir hatten keine offizielle Armee. Stattdessen gab es drei Untergrundorganisationen. In der ersten und einzigen Schlacht meines Lebens schlich ich mich in den Reihen des Irgun in das arabische Jaffa. Ich hatte ein uraltes Gewehr bei mir, kaum Munition und Angst zu schießen, weil ich fürchtete, dann ohne Patronen irgendwo verloren zu gehen.

Gefühl der Geborgenheit

Am 14. Mai 1948 rief David Ben Gurion den Staat Israel aus. Es sollte bis zum Sechs-Tage-Krieg 1967 dauern, bevor wir das Gefühl hatten, den feindlich gesinnten Arabern nicht länger schutzlos ausgeliefert zu sein.

Mira Avrech / print