Gladbecker Geiseldrama Irrfahrt quer durch die Republik


Die Tragödie begann als missglückter Banküberfall und wurde nach einer ziellosen Flucht auf der Autobahn A3 beendet. Im August 1988 hielten die Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski die Nation in Atem.

Das Gladbecker Geiseldrama vor 15 Jahren ging als eines der Aufsehen erregendsten Verbrechen in die deutsche Kriminalgeschichte ein. 54 Stunden lang hielten vom 16. August 1988 an die beiden Geiselgangster Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner die Nation mit ihrer Irrfahrt durch West- und Norddeutschland in Atem. In bis dahin nicht gekannter Weise wurden die beiden Verbrecher dabei durch Interviews und Live-Berichte auch zu Medienstars. Die traurige Bilanz nach dem gewaltsamen Ende des Dramas: drei Tote und zahlreiche Verletzte.

Überfall mit Maschinengewehren

Das spektakuläre Verbrechen beginnt am Morgen des 16. August 1988. Degowski, damals 32 Jahre alt, und der 31-jährige Rösner überfallen, mit Maschinengewehren bewaffnet, eine Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck (Nordrhein-Westfalen). Sie nehmen zwei Geiseln, fordern einen Fluchtwagen und 300 000 Mark Lösegeld. Einem Rundfunksender geben sie telefonisch das erste Interview. Nach der Geldübergabe fahren die Gangster am Abend mit ihren Geiseln im Fluchtwagen los. Noch in Gladbeck steigt Rösners Freundin Marion Löblich zu.

Über die Autobahn fahren sie vom nördlichen Rand des Ruhrgebiets nach Bremen. Am Abend des 17. August kapern sie dort einen Linienbus. Kaltblütig stehen sie der Presse Rede und Antwort. Mit 27 Geiseln an Bord fahren sie auf die Autobahn bis zur Raststätte Grundbergsee. Dort lassen sie die zwei Bankangestellten frei. Als die Polizei Marion Löblich vorübergehend festhält, erschießt Degowski den 15- jährigen Italiener Emanuele de Georgi. Der Bus nimmt Kurs auf Holland. Bei der Verfolgung verunglückt ein Polizist tödlich.

Spezialkommando stoppte Fluchtauto

Am frühen Morgen des 18. August fährt der Bus über die Grenze. Wieder fallen Schüsse. Der Busfahrer und Löblich werden verletzt. Die Täter erpressen ein neues Fluchtauto und setzen mit den beiden Bremer Geiseln Silke Bischoff und Ines Voitele die Fahrt fort. Sie kehren ins Rheinland zurück, wo sie in Köln erneut mit Journalisten sprechen. Am Mittag fahren sie Richtung Frankfurt am Main davon. Auf der Autobahn A 3 bei Bad Honnef greift schließlich ein Spezialkommando der Polizei mit Waffengewalt ein. Silke Bischoff stirbt durch eine Kugel aus Rösners Waffe, ihre Freundin überlebt schwer verletzt.

Live gesendete Fernseh- und Radiointerviews des Trios, an seiner Seite Geiseln in Todesangst, lassen die Nation schaudernd an dem Drama teilhaben. Auf fatale Weise unvergessen bleibt die "Pressekonferenz" von Rösner, Degowski und Löblich am Mittag des 18. August 1988 im umlagerten Fluchtauto mitten in der Kölner Innenstadt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Degowski bereits den 15-jährigen Italiener erschossen, war der Polizist bei der Verfolgung ums Leben gekommen, hatten zahlreiche Menschen Verletzungen oder einen tiefsitzenden Schock erlitten. Mit einem dramatischen Ramm-Manöver durch die Polizei auf der Autobahn und einem wilden Schusswechsel endet das Geiseldrama wenig später.

Untersuchungsausschüsse und Rücktrittsforderungen

In der Folge entbrennt auf politischer Ebene eine lange Diskussion über Polizeitaktiken und Zuständigkeiten. In Bremen und Düsseldorf tagen parlamentarische Untersuchungsausschüsse. Der Bremer Innensenator Bernd Meyer tritt wegen polizeilicher Fehler zurück. Sein nordrhein-westfälischer Amtskollege Herbert Schnoor bleibt trotz zahlreicher Rücktrittsforderungen im Amt. Die Medien werden wegen ihrer mangelnden Zurückhaltung gescholten. In den Redaktionen entbrennt eine heftige Diskussion über Grenzen journalistischer Berichterstattungspflicht. Der Deutsche Presserat legt später fest, dass es Interviews mit Tätern während des Geschehens nicht geben dürfe.

Rösner und Degowski werden im März 1991 zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt und kommen in nordrhein-westfälische Gefängnisse. Löblich erhält eine neunjährige Freiheitsstrafe, die sie vollständig verbüßt. Degowski wird nach Angaben der Staatsanwaltschaft Essen wegen der besonderen Schwere der Schuld frühestens im Januar 2013 entlassen. Das entsprechende Prüfungsverfahren bei Rösner zur Festlegung der so genannten Mindestverbüßungsdauer läuft noch.

"Gefesselte Ausführung"

Degowski darf zwei Mal gefesselt und in Begleitung zweier bewaffneter Beamter durch das Städtchen Werl nahe seines Gefängnisses laufen, damit er den Kontakt zur Außenwelt nicht gänzlich verliert - dies löst zum 15. Jahrestag des Geiseldramas eine politische Kontroverse aus. Für Gangster Rösner seien zurzeit keine dieser so genannten gefesselten Ausführungen geplant, heißt es.

Helge Toben DPA

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