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GOETHE-SERIE I: Die Leiden des jungen Goethe

Mit 24 will er sich umbringen, mit 25 ist er weltberühmt. Sein ganzes Leben ist ein Rausch zwischen Macht und Frauen, Kunst und Krieg, Lust und Flucht, Dichtung und Wahrheit.

Mit 24 will er sich umbringen, mit 25 ist er weltberühmt. Sein ganzes Leben ist ein Rausch zwischen Macht und Frauen, Kunst und Krieg, Lust und Flucht, Dichtung und Wahrheit. Am 28. August hat er Geburtstag. In der ersten Folge: Johann Wolfgang im Sturm und Drang

Über seinem Bett hängt der Schattenriss von Lotte. Neben seinem Bett liegt der wohlgeschliffene Dolch. Er nimmt ihn, bevor er die Kerze löscht, und setzt die scharfe Spitze auf seine Brust. Goethe ist 24. Er ist beseelt vom Gedanken, die Erde zu verlassen. Er hat es doch bei Montesquieu gelesen: Helden und große Männer haben ein Recht, den 5. Akt ihrer Tragödie selbst zu bestimmen. Ja, ja, er weiß, er ist kein Held, ihn zeichnet eher ein Mangel an Taten aus, und fünf Akte hat er auch noch nicht durchlebt. Aber der Schmerz ist doch da, die Pein, das Liebesleid.

Goethe durchdenkt alle Todestechniken: Gift? Strick? Adern öffnen? Oder raffiniert sterben durch den Biss einer Natter? Nein. Ein Selbstmord muss mit der Freiheit des Geistes getan werden. Nicht wie der griechische Held Ajax, der seinen Körper ins Schwert fallen lässt. Wohl aber wie der römische Kaiser Otho, der sich den Dolch, den er am Bette liegen hat, mitten ins Herz stößt.

Wer das nicht kann, sagt Goethe, darf sich nicht erlauben, die Welt zu verlassen. Und so versucht er denn Abend für Abend, bevor er das Licht löscht, seinen Dolch - behutsam - ein paar Zoll tief in die Brust zu stoßen. Es geht nicht. Natürlich. Und so lachte ich mich zuletzt selbst aus, schreibt er 40 Jahre später in 'Dichtung und Wahrheit', warf alle hypochondrischen Fratzen hinweg, und beschloß zu leben. Aber wie?

Da kommt ihm der Tod zu Hilfe: Ein junger Mann, den er ein paarmal getroffen hat, erschießt sich aus unerfüllter Liebe zu einer verheirateten Frau. Das ist es doch. Das kennt er doch. Auch er liebt doch Lotte, die ebenfalls vergeben ist. Das will er erzählen in den 'Leiden des jungen Werthers'. Es ist die Geburt des größten deutschen Bestsellers.

Goethe schreibt das Buch in ein paar Wochen. Er schüttet seine wunde Seele hinein. Taumelnd und lyrisch, sanft und süchtig, wild und wuchtig. Und am Ende hämmert er die Sätze wie Nägel aufs Papier: Um zwölfe mittags starb er Man fürchtete für Lottes Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.

So etwas hat es noch nicht gegeben. Ein Roman rauscht im Triumph durch Europa. Man kleidet sich wie Werther, trägt blauen Frack zur gelben Hose, sprüht Eau de Werther drüber, trinkt Tee aus Tassen mit Werthers Porträt, und wer so unglücklich liebt wie Werther, erschießt sich auch wie Werther.

Und Goethe? Der braucht den Dolch nicht mehr, der schreibt sich mit der Feder auf den Olymp.

Vor dem Tod aber hat er bis zu seinem Lebensende eine Heidenangst. Er spricht nicht über ihn, schreibt nicht über ihn, geht zu keiner Beerdigung, nicht zu den Eltern, nicht zu seiner Schwester, seiner Frau und dem Herzog, nicht zu Herder, Wieland, Schiller und Charlotte von Stein. Ihr Sarg poltert an seinem Arbeitszimmer vorbei. Und als er die Nachricht vom Tod seines Sohnes erhält, sagt er: Ich wußte immer, daß ich einen Sterblichen gezeugt. Goethe will unsterblich sein.

Dabei kommt er am 28. August 1749 so gut wie tot zur Welt. Drei Tage dauert die Geburt. Als er endlich mittags ans Licht gezerrt wird, ist er schon blau. Eine hilflose Hebamme stiert auf das atemlose Wesen. Da greift die Großmutter ein, massiert die Herzgrube des Jungen mit Wein und schüttelt ihn ins Leben.

Wolfgang und seine Schwester Cornelia sind Überlebende. Vier ihrer Geschwister sterben bald nach der Geburt. Nur Jakob hält ein paar Jahre durch. Als auch ihn der Tod holt, vergießt der 10-jährige Goethe keine Träne. Ob er denn den Bruder nicht geliebt habe, fragt die Mutter. Da läuft der Junge in seine Kammer, kramt unterm Bett einen Haufen Papiere mit Geschichten und Lektionen hervor und sagt: Das habe alles er gemacht, um es dem Bruder beizubringen.

Da ist schon der Oberlehrer Goethe, der immer alles besser weiß. Der auch seiner schwermütigen Schwester sagt, wie sie schreiben und was sie lesen soll. Als er in Leipzig studiert, bittet er Cornelia, in ihren Briefen einen breiten Rand zu lassen - für seine Korrekturen. Wenn du willst, daß ich für dich sorgen soll, schreibt er, so mußt du mir folgen.

A ber noch leben die zwei zusammengeklettet im reichen Haus am Frankfurter Großen Hirschgra ben 23, ein paar Schritte von der Hauptwache entfernt. Der Vater, Kaiserlicher Rath im Magistrat, sorgt für Zucht und Ordnung und den besten Unterricht.

Die Kinder lernen leicht: Latein, Griechisch, Italienisch, Französisch, Religion. Wolfgang auch Fechten und Reiten. Geschichte mag er nicht. Geschichte ist für den späteren Politiker ein Mischmasch von Irrtum und Gewalt. Geometrie wandelt er ab ins Tätige, bastelt und klebt kleine Häuser mit Türen und Treppen. Seine Handschrift ist schön und sauber bis zum Lebensende. Aber die Wörter schreibt er, wie's ihm gerade passt. Interpunktion interessiert ihn nicht. Er überlässt das später seinen Schreibern.

Wenn die Geschwister mit dem Unterricht durch sind, holen sie sich heimlich aus der Bibliothek den für die Kinder verbotenen 'Messias' von Klopstock, diesen Sänger zwischen Barock und Klassik.

Während der Vater vom Barbier rasiert wird, hocken sie sich hinter den Kachelofen und lesen das Hexameter-Epos mit verteilten Rollen, skandieren - leise, leise - die höllischen Flüche, bis Cornelia als Adramelech mit eisernen Krallen den Satan Wolfgang packt und, bevor sie ins Rote Meer stürzen, laut und leidenschaftlich ruft: Hilf mir! schwarzer Verbrecher O, wie bin ich zermalmt! Der Barbier schüttet vor Schreck die Seifenlauge über dem Herrn Rath aus, der reißt den 'Messias' an sich und verbannt das neumodisch ungereimte Zeug aus dem Hirschgraben.

Vom Vater hab ich die Statur,

Des Lebens ernstes Führen,

Vom Mütterchen die Frohnatur

Und Lust am Fabulieren

Das Mütterchen nennt ihren Liebling Hätschelhans, und der ist - wie Richard Friedenthal in seiner glanzvollen und noch immer unübertroffenen Goethe-Biografie schreibt - ein Waschlappen.

Hat keine Freunde. Nur ein paar Nachbarskinder, die er kommandieren kann. Er sei eben sehr an das Befehlen gewohnt, schreibt er. Und wenn ihn einer ärgert, rastet er aus und schlägt auch schon mal ein paar Jungs zusammen. Er kann es nun mal nicht ertragen, wenn man ihn auslacht.

Aber sonst? Schreitet er ziemlich gravitätisch durchs Leben. Ist auch angezogen wie ein Erwachsener, mit langen Rockschößen, kleinem Degen und engen Beinkleidern. Dabei sind Goethes Beine kurz und stämmig, was ihn stört, weil es dem klassischen Gang sehr hinderlich ist. So trägt er denn später gern die langen, schmalen Gehröcke, die ihm so gut stehen.

Selbstbewusst und altklug zieht der 16-Jährige im Oktober 1765 ins Studium nach Leipzig. Leipzig - das ist nach dem engen, gotischen, verwinkelten Frankfurt wie Paris.

Und Goethe hat einen großzügigen Wechsel vom Vater, ist ein reicher Student. Wohnt in keiner Bude, sondern mietet ein paar artige Zimmer. Und isst Austern und Fasan und nicht Kalb und Schwein. Eine kleine Heilige bedient den jungen Studiosus in der etwas altfränkischen Kleidung - Käthchen Schönkopf, Tochter des Gasthauses. Sie ist zwanzig, also schon eine gesetzte Jungfer. Sie hat auch einen Zukünftigen. Aber für Goethe näht sie die Manschetten, und Goethe darf an ihrem Schreibsekretär dichten. Er ist schwer in sie verliebt.

Sie gehen ins Theater, sehen Lessings 'Minna von Barnhelm'. Was für ein Stück! Was für Charaktere! Sitzen angegossen wie ein Handschuh. Und er studiert nicht die Rechte - wie's der Vater will - sondern das Leben. Hofmeistert, wie er sagt, auch an den Mädchen herum, macht allerhand Versuche, aber bei vielen sei Hopfen und Malz verloren.

Er hört Lyrik bei Gottsched und Prosa bei Gellert und schreibt stürmische Briefe an seinen Freund und Mentor Ernst Wolfgang Behrisch, der ihn in die Geheimnisse der Mädchenliebe eingeweiht. O Behrisch, es ist Gift in diesen Küssen! Warum müssen sie so süß seyn! Briefe sind seine geflügelten Pferde. Er schreibt arrogant und elegant, witzig und wild. Ja, er sei auffahrend wie ein Held! Weh dem, der meiner Lava entgegenkommt.

Einmal liegt er mit Fieber im Bett, und sein Käthchen guckt sich mit einem anderen Lessings 'Miss Sara Simpson' an. Verrat! Er rennt ins Theater, rast auf die Galerie, sieht die Geliebte und den Nebenbuhler in der Loge, wankt geschlagen nach Hause. Ich riß mein Bett durcheinander, schreibt er an Behrisch, verzehrte ein Stückchen Schnupftuch und schlief bis 8 auf den Trümmern meines Bettpalastes.

Er schreibt 'Die Laune der Verliebten', sein erstes Drama um Eros und Eifersucht. Das hilft. Er trennt sich in Freundschaft von der ewigen Liebe - und fühlt sich wie Herkules. Und lebt und schaut sich wieder um.

Dabei nimmt Goethe am richtigen Studentenleben gar nicht teil. Er ist ja nicht nur arrogant, sondern auch gehemmt. Und er raucht nicht, trinkt wenig, tanzt selten, fühlt sich eigentlich eher bei älteren Jungfern wohl, die ihn im Familienkreis aufnehmen und umtutteln.

Zufrieden ist der Stud. jur. nach drei Jahren Kunst- und Liebesrausch nicht mit sich, weil er sich ewig einbildet, die anderen seien unzufrieden mit ihm. Es wurmt ihn, dass Gellert seine leidenschaftliche Prosa mit roter Tinte korrigiert und sittliche Anmerkungen macht. Voller Verachtung wirft Goethe alle Arbeiten, die er für seine besten hält, in den Herd seiner Wirtin, bis es im ganzen Haus qualmt und raucht.

Nach diesem ersten seiner vielen Autodafes schnürt Goethe sich in sein wirriges, störrisches Wesen ein und flieht schließlich in einen dramatischen Blutsturz. Es scheint, als ob er stürbe.

Er nennt Gründe für sein Leipziger Leiden: Das schwere Bier habe ihm sein Hirn verdüstert. Der Kaffee habe seine Eingeweide paralysiert. Das Kaltbaden sei ihm schlecht bekom-men. Und bei einem Sturz vom Pferd habe er sich ein Auge geschellert. All das zusammen hätte in seinem Körper eine Verschwörung angezettelt, die dann in einer Revolution zum Ausbruch kam.

Er erholt sich leidlich mit der Bibel und antiken Klassikern und reist an seinem 19. Geburtstag gleichsam als Schiffbrüchiger von Leipzig ab ins enge Frankfurt.

Nein, der Vater ist nicht erfreut über den übel aussehenden Sohn. Und wie dünn er geworden ist. Und wie blass. Und was hat er da im Mantelsack? Zeichnungen, Manuskripte, Poeme. Ist das alles? Also das will der Herr Rath nun doch mal genau wissen. Und schon kocht der erste Krach.

Die Mutter päppelt ihren Hätschelhans langsam wieder rund. Und Cornelia überschüttet den Bruder mit all ihrer angestauten Leidenschaft. Wo kann sie denn sonst hin damit? Zur Mutter? Nein. Zum harten Vater noch weniger. Dabei ist sie so ein kluges Kind. Nur eben nicht sehr schön mit dieser langen, gebogenen Nase und dem unreinen Teint und dieser blöden hochgeschürzten Frisur.

Aber nun ist der Bruder ja da. Wie in alten Zeiten hocken sie zusammen. Und er liest ihr vor. Und sie liest ihm auch was vor. Kleine Prosa im Stile Rousseaus, was ihn entzückt. Die zwei erfinden eine Geheimsprache, die nur sie verstehen, die sie auch kess in Gegenwart der sprachlosen Eltern benutzen. So spinnen sie sich in eine Einheit, eine unerlaubte Liebe, die so scheu ist und sich im Kopf doch alles erlaubt.

Neun Monate bleibt Goethe im Elternhaus und wird nicht recht gesund. Eine Geschwulst wächst ihm aus dem Hals. Sie muss geschnitten werden. 96 Gulden kostet der Eingriff. Eine gewaltige Summe damals. Auf der Lunge scheint er es auch zu haben. Und ewig die Verstopfung. Mutter liest ihm Tröstliches aus der Bibel vor. Bringt nichts. Goethe gerät in Todesangst. Wieder muss ein Arzt her. Der verschreibt Glaubersalz.

Erlöst und erleichtert schreibt der junge Dichter nun 'Die Mitschuldigen', ein kriminales Lustspiel in Alexandrinern a la mode. Flott und frech. Es geht darin um einen Polterwirt mit lüsterner Tochter, deren Lumpengatte von einem Adonis beinah betrogen wird. Ein Spaß, in dem geflucht, geklaut und gejeut wird. Dann wieder vergräbt sich der noch immer hustende Goethe frühmorgens schon in düstere Schriften über Alchemisten und Quacksalber und Humunkuluskocher, ergeht sich im teuflischen Umkreis seines späteren Faust.

Also Schluss jetzt! Der Junge soll nun endlich mal zu Ende studieren. Der Vater ist gereizt, spricht ein Machtwort, will den aufsässigen Hypochonder, der dauernd ein Wehwehchen hat, in der Realität sehen. In der Juristerei. Straßburg ist genau das Richtige. Da kann er auch sein etwas stolperndes Französisch abschleifen. Und das sanfte Klima wird dem Kränkling bekommen. Also los.

Und Cornelia? Ist verzweifelt. Muss nun auch irgendwie entkommen. Entscheidet sich für einen Freund der Familie, den Amtmann Johann Georg Schlosser - und liebt doch den Bruder. Im grauen Taftkleid ist sie zur Trauung gegangen. Zitternd im Hochsommer. Mit einer Wärmflasche im Schoß. So wankt sie in die junge Ehe und ekelt sich. Als sie ihr erstes Kind bekommt, setzt sich die Depression an ihr Bett.

Schlosser leidet Qualen. Er weiß, dass Goethe seine Frau für alle Männer verdorben hat. Was soll er tun? Er schreibt eine Geschichte: Er hatte einmal ein Schaf. Das lag in seinem Schoß und aß und trank mit ihm. Da kam ein Mann und lehrte es fliegen. Es trank Ätherluft und speiste Morgenthau und flatterte um die Sonne. Ich sitze seitdem allein und weine.

Mit einer bequemen Diligence, einem Eilwagen der Post, reist Goethe über Darmstadt und Karlsruhe nach Straßburg. Er steigt erst mal im Gasthaus 'Zum Geist' ab. Und dann gleich durch die schmale Gasse zum Koloss, zum Wunderwerk, dem Münster, und rauf auf die Plattform, auch wenn er Höhenangst hat, egal, er muss das sehen, von oben. Welch ein Blick: Weite, Wolken, Wind und der Rhein. Ja, hier kriegt er wieder Luft.

Er bezieht ein Quartier an der Sonnenseite des Fischmarkts, das von ein paar alten Jungfern geführt wird. So was mag er ja. Und den wackeren Theologen Franz Lerse, einen Tischgenossen, hat er ein Jahr später so, wie er war, samt Namen in seinen 'Götz' eingebaut.

Und noch eine Überraschung beim Mittagstisch: Sitzt da doch immer so ein blutarmer, schlichter Mensch mit Haarbeutelperücke, völlig aus der Mode. Kohlenbrenner war er mal, dann Schneider und Lehrer, ein Autodidakt. Herrlicher Erzähler. Goethe ist sprachlos. So einen aus dem Volk hat er noch nie erlebt: Jung Stilling.

Goethe sorgt dafür, dass seine wundersame Lebensgeschichte samt dieser Ballade vom einäugigen Räuber Hübner im wilden deutschen Wald gedruckt wird. Goethes einarmiger Raubritter Götz von Berlichingen wird sein literarischer Bruder werden.

Und die Juristerei? Mit der ist es in Straßburg nicht so berühmt. Also nimmt Goethe sich einen guten Repetitor, der ihn präpariert - bis zum Examen.

Dazwischen bleibt Zeit. Und weil die Universität eine glänzende medizinische Fakultät hat, belegt Goethe ein wenig Anatomie und Geburtshilfe und Chemie - seine heimliche Geliebte.

Mit der Anatomie will er endlich seine Ängste überwinden. Das Muttersöhnchen ist doch so empfindlich gegen Gerüche, Geräusche, bei Hundegekläff wird er rasend! Und er kann kein Blut sehen, keine Wunden, na und Tote schon gar nicht. Also zwingt er sich. Guckt hin. Härtet sich ab. Geht auch nachts zitternd auf Friedhöfe, um diese elende Furcht vor Dunkelheit loszuwerden.

Eines Tages trifft er im Gasthaus einen eleganten Geistlichen mit seidenem Mantel und gepudertem Haar. Es ist der 26-jährige Johann Gottfried Herder, Theologe und Schriftsteller, eine gewaltige elektrisch geladene Wolke, wie Christoph Martin Wieland sagt. Goethe stellt sich vor, und die beiden kommen ins Gespräch.

Herder sei wegen seines Auges nach Straßburg gekommen. Der Tränensack sei verschlossen, und der Knochen darunter müsse nun - quasi als Tränenkanal - durchbohrt werden. Eine höllische Prozedur.

Goethe, der ja immer gleich lustvoll drauflosschwadroniert, erzählt Herder, was er schon so alles gemacht hat. Erzählt auch von seiner Siegelsammlung und den Fürstenwappen, durch die er Geschichte gelernt. Und dass er alle Potentaten kennt bis zum Adel hinunter. Und Herder? Lacht. So könne man doch Historie nicht lernen.

Da wird der junge Oberlehrer also wieder zum Adlatus. Goethe darf bei Herders Operation zuschauen, und dann sitzt er ganze Tage im Krankenzimmer und hört dem fünf Jahre älteren Meister zu. Herder ist der Erste, der ihm überlegen ist. Noch.

Also Geschichte. Das sei Adlerflug des Gedankens, sagt Herder ihm, und keine Kleinstaaterei mit Wappen und solchem Zeug. Geschichte sei auch Poesie, denn Poesie sei die Muttersprache der Menschheit, die Mythen, die Bibel, Homer, auch die Volkssagen. Alles Urschreie der Völker.

Und Goethe fragt mit Ehrfurcht, und Herder antwortet mit Spott. Das irritiert ihn. Er ist doch so empfindlich. Und er kommt auch gar nicht zum Reden. Herder ist der Prediger. Goethe der Zuhörer. Und Herder predigt, dass das Heilige Römische Reich ja gar kein Reich sei. Und dass man im Zeitalter des Länderaustausches lebe. Das einzige Reich sei das des Geistes. Frankreich, sagt er, hat ausgedient. Ist am Ende. Aber Voltaire? Zu alt. Die Zeit für das deutsche Originalgenie sei gekommen. Und Goethe begreift.

Aber nun endlich - die Liebe. Ein Tischgenosse nimmt Goethe mit aufs Land zu Verwandten. Sie reisen durch die Wantzenau nach Sesenheim, ein idyllisches Nest. Goethe hat sich verkleidet. Als armer Theologiestudent. Er liebt ja diese Mystifikationen. Später legt er sich auch fremde Namen zu. Und gibt sich als Maler aus. Also jetzt erst mal der arme Student. Mal sehen, was sie sich denken.

Pastor Brion denkt sich gar nichts. Er führt ein gastliches Haus, und jeder ist ihm willkommen. Er tischt den guten Elsässer Landwein auf, und dann rauschen die Töchter rein, so vom Feld mit kurzem Rock und nackten Füßen, den Strohhut in der Hand. Man isst, man schwätzt, Friederike spielt ein paar Melodien am verstimmten Spinett und singt dazu. Sie ist achtzehn und spaziert am Abend mit Goethe in den Mondschein hinein, plaudert, plappert, bezaubert ihn. Und er ärgert sich über seine Maskerade.

Die Freunde bleiben über Nacht, oben im ersten Stock, im Gastzimmer. Am Morgen erscheint Goethe im eigenen Kostüm. Er will doch lieber Eindruck machen. Mit einem angebrannten Korken zieht er sich die Brauen über seinen schönen dunklen Augen nach.

Er kommt wieder. Die Brions nehmen ihn mit offenen Armen auf. Und Geborgenheit ist bei Goethe immer die beste Voraussetzung für eine Liebesaffäre. Abends sitzen sie am Kachelofen, machen Pfänderspiele, die dann meist mit einem geraubten Kuss enden. Küsse sind Ers atz für das, was Goethe sich noch lange nicht traut. Und Friederike wird sein rosafarbenes Frühlingswetter, sein Naturgefäß für Gedichte.

Manchmal überkommt ihn Melancholie. Dann schreibt er: Die Welt ist so schön! so schön! Wers genießen könnte! Aber dann fährt man zu den Rheininseln, brät Fische am offenen Feuer, flieht vor den Schnaken, und Goethe führt am Abend ein gotteslästerliches Gespräch mit Pastor Brion über diese nervenden Viecher, die ihn am Glauben irre machen.

Ein paar Wochen lebt er so im Glück mit brennenden Küssen und nächtlichen Ritten hin zu Friederike und nach Straßburg zurück. Dann muss Schluss sein. Der Vater drängelt. Goethe soll endlich seine Doktorarbeit machen. Und er denkt auch gar nicht an wirkliche Bindung, wie Friederike das tut. Verloben? Heiraten gar? Ausgeschlossen.

Noch einmal reitet er zur Freundin, die stumm ist und fast vergeht vor Liebesleid. Vom Pferd herab reicht er ihr die Hand. Aus dieser Szene entsteht 'Willkommen und Abschied', das erste große Gedicht.

Ich ging, du standest und sahst zur Erden,/und sahst mir nach mit nassem Blick

Der Dekan der Universität lehnt Goethes Doktorarbeit über Kirchenrecht ab. So was von hingeschludert und unorthodox. Aber er kann trotzdem Advokat werden, wenn er öffentlich über einige Thesen disputiert.

Na wunderbar. Goethe setzt sich mit ein paar Kollegen hin und schreibt 56 positiones juris auf. Darunter ziemlich freche wie Rechtsunerfahrene können nicht Richter sein. Spricht sich aber auch für die Todesstrafe aus und erklärt die Sklaverei zum Naturgesetz. Und reden kann er ja, und so wird er Dr. jur.

Nach der Anhörung schreibt einer der Professoren an einen Exkollegen, dass ein Student namens Goethe aufgeblasen von seinen Kenntnissen eine Doktorarbeit abgeliefert hätte, die durchsetzt gewesen sei mit Spitzfindigkeiten des Monsieur Voltaire. Sie hätten ihm verboten, solch Elaborat drucken zu lassen. Man hat sich über ihn lustig gemacht, und er ist abgezogen.

Er zieht wieder nach Frankfurt, dieses Nestum Vögel auszubrüteln. Gott helf aus diesem Elend, Amen. 22 ist er, braun gebrannt und kräftig und sieht richtig hübsch aus. Die Mutter erkennt ihren Hätschelhans nicht wieder. Der zufriedene Vater richtet ihm eine Kanzlei ein. 28 Prozesse führt Goethe im Römer - in vier Jahren.

Einmal verteidigt er einen, der ihn früher mal einen Zimperling genannt. Dem bleibt nun die Spucke weg: Scharf, feurig und ironisch greift der junge Anwalt den Gegner an. Das Gericht verweist ihn. Goethe schnappt ein. Er hat bald wirklich keine Lust mehr auf diesen Job. Er lässt die Arbeit schluren, verschleppt die Prozesse, macht Schulden bei Freunden.

Und er stöbert in seinen Straßburger Manuskripten rum, liest Shakespeare, Sokrates und Cäsar, kramt Altdeutsches aus, findet die Geschichte vom adeligen Wegelagerer Götz aus trüben Zeiten, wo die Fürsten arm und die Kaufleute reich wurden. Also lauert der einarmige Bandit im dunklen deutschen Walde den Pfeffersäcken auf. Das ist doch was, denkt Goethe und hat den Stoff gefunden für sein erstes großes Drama, den 'Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand'.

Er schneidet sich eine Feder zurecht, nicht zu spitz und nicht zu stumpf, und der wilde Szenenhagel von Liebe, Treue, Verrat und Mord prasselt nur so aufs Papier. In sechs Wochen. Ein Wurf in rauhem Ton mit dem bekanntesten aller Goethe-Zitate im dritten Akt.

Da sei ungemein viel deutsche Stärke, Tiefe und Wahrheit drin, schreibt Herder an seine Verlobte. Goethes Mentor glaubt, aus dem Spatzenmäßigen könne doch noch ein Adler werden. Junge Genien seien wie junge Füllen, schreibt Wieland über den 'Götz', das schnaubt und wiehert, wälzt sich und bäumt sich, schnappt und beißt und will sich weder fangen noch reiten lassen. Desto besser!

Der Vater schickt Goethe ans Reichskammergericht nach Wetzlar. Es ist sein letzter Versuch, aus dem Jungen doch noch etwas Ordentliches zu machen. Wetzlar also. Warum nicht. Es ist Frühling, Goethes liebste Jahreszeit, also bloß weg von zu Haus.

Wetzlar ist winzig, ein Nest mit Misthaufen, und das oberste Berufungsgericht - ein Schlampladen. 16233 unerledigte Prozesse liegen da rum. So was ist ja gar nicht aufzuarbeiten. Was soll Goethe sich da erst anstrengen. Sein Großvater hatte in Wetzlar mal eine Liaison und verlor bei der Flucht aus dem Gemach der Liebsten seine Perücke. Das sind doch ganz andere Geschichten.

Er vergnügt sich. Und lernt auf einem Ball Charlotte kennen. Sie ist die Tochter vom Amtmann Buff, einem Witwer mit 13 Kindern. Lotte sorgt für den hungrigen Haufen, schmiert Butterbrote, kocht und macht und tut, und Goethe ist ein gern gesehener Gast.

Sofort stellt es sich wieder ein, dieses wohlige Gefühl im Kreis einer Familie. Und wie schön, dass Lottchen schon vergeben ist. Da hat er doch einen guten Grund zu leiden. Also Goethe fühlt sich pudelwohl. Die Kinder lieben ihn und hängen an seinem Rockschoß. Und er hängt an Lottes Schürze. Er will ja gar nicht erwachsen werden. Will eher Lottes Kind sein. Natürlich ihr liebstes. Auch halte ich mein Herzchen wie ein krankes Kind, sagt Goethe im Werther als Goethe, jeder Wille wird ihm gestattet.

Lottes Verlobter, Albert Kestner, der fleißige, gediegene Gesandtschaftssekretär, kein Freund von Vollmondnächten, schreibt an einen Bekannten über diesen merkwürdigen Goethe Dr. juris, 23 Jahre alt, der, statt im Amt zu arbeiten, Homer und Pindar liest. Er sei ein wahres Genie, heftig in allen Affekten, handle, wie es ihm passe, egal, was andere dächten. Er gehe nicht in die Kirche, bete auch nicht, strebe nach Wahrheit und liebe Rousseau. Aller Zwang ist ihm verhaßt.

Goethe geht bei Lotte ein und aus. Einmal gibt er ihr einen Kuss auf den Mund, und sie beichtet es sofort dem Verlobten. Der schreibt Goethe einen Brief, er solle sich mal keine Flausen in den Kopf setzen.

Das ist das Signal zum Leiden: Warum ist sie nicht frei? Warum erhört sie nicht das Genie? Und der Herbst ist gekommen, den Goethe nicht mag, und an einem düsteren Abend erzählt Lotte auch noch diese schreckliche Geschichte vom Tod ihrer Mutter. Das hält er nicht aus. Er muss weg, muss fliehen. Muss sie auch bestrafen, weil sie das Heilige ihrer Beziehung ans Licht gezerrt. Also einen Brief noch an Kestner, theatralisch in der dritten Person: Er ist fort, Kestner, wenn Sie diesen Zettel lesen, ist er fort O mein armer Kopf.

Dieses dramatische Ende, die zertrennte Nabelschnur zu Lotte, ach, und sie nie mehr beim Brotschneiden sehen, wie soll er nur satt werden. Und der freundliche Kestner, die heulenden Kinder, die Flucht aus Wetzlar und Lottes Bild über seinem Bett und der spitze Dolch neben seinem Bett. Soll er sich umbringen? Wenn ein junger Mann Nacht für Nacht versucht, ob er einen Dolche einige Zentimeter in seine Brust zu stoßen vermag, schreibt K.R. Eissler in seiner großen psychoanalytischen Studie über Goethe, ist es nicht schwer, die darunter liegende Triebsituation zu erraten.

Alles wirbelt also durch Goethes Kopf. Und plötzlich die Nachricht aus Wetzlar, der junge Jerusalem, den Goethe aus der Gesandtschaft kennt, hat sich umgebracht. Der Ehemann seiner Angebeteten hatte ihm das Haus verboten. Da war er zum nichts ahnenden Kestner gegangen, hat sich Pistolen geliehen und sich erschossen.

Diesen Sprengstoff von Schock, Gefühl, von Todessehnsucht und Verlangen zündet Goethe genial im 'Werther'. Egal, wie sehr er Lotte und Kestner damit verletzt. Er jedenfalls schreibt sich gesund. Das Gewitter ist vorbei, die Neurose verzieht sich, der Rausch steht im Buch. Er schickt eins der ersten Exemplare an Lotte, er habe es tausendmal geküsst. Er ist nun der berühmteste Autor seiner Zeit.