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Iran: Wie Khomeini die Macht und die Massen eroberte

Schah Reza Pahlavi ahnte wohl, dass er am 16. Januar 1979 Teheran für immer verlassen würde. Als Ajatollah Khomeini Tage später aus dem Exil heimkehrte, stand der Sieg der islamischen Revolution fest.

"Tod dem Schah" skandierten die iranischen Massen monatelang und unablässig auf ihren Protestmärschen durch Teheran und andere iranische Städte. Als sich Mohammed Reza Pahlavi angeblich auf amerikanischen Druck bereit fand, nur noch zu repräsentieren und das Regieren seinem Kritiker Schapur Bachtiar zu überlassen, hatte er sein Volk längst verloren. Der "König der Könige" ahnte wohl schon, dass er am 16. Januar vor 25 Jahren Teheran im Privatjet zu einem "Erholungsurlaub" ohne Wiederkehr verließ. Beim Abschied von wenigen Getreuen auf dem Rollfeld standen ihm Tränen in den Augen.

Die Nachricht von der Ausreise des verhassten Despoten versetzte Millionen Iraner in einen Freudentaumel. Sie feierten nach über einem Jahr friedlicher Proteste und blutiger Unruhen mit hunderten von Toten, als habe ein neues Leben begonnen. Sie stürzten Denkmäler der Pahlewi-Dynastie und schenkten Soldaten nelkenumkränzte Bilder jenes Mannes, den die Mehrheit der damals 35 Millionen iranischer Muslime schiitischer Glaubensrichtung längst zu ihrem Idol und Führer auserkoren hatten: Ajatollah Ruhollah Khomeini.

Gottesstaat statt Monarchie

Aus dem Exil hatte er den Mullahs daheim telefonisch Aufrufe zum Sturz des Schahs übermittelt, die sie in etwa 80 000 Moscheen und auf Kassetten überspielt unter das Volk brachten. Von Beginn an ließ er keinen Zweifel daran, dass er die Monarchie durch einen Gottesstaat ersetzen wollte, in dem Religion und Politik eins sind. Warnungen iranischer Intellektueller, der islamische Fundamentalist Khomeini werde das Land in eine neue Diktatur führen, verhallten ungehört.

Der 78-Jährige Geistliche mit stets finsterem Blick ließ gleich nach der Schah-Ausreise wissen, er werde aus seinem Exilort bei Paris in die Heimat zurückkehren. Diese hatten inzwischen tausende Ausländer auch angesichts anti-amerikanischen Slogans vorsorglich verlassen. Neue Unruhen wurden von hartnäckigen Gerüchten begleitet, das Militär werde putschen. Bachtiar versuchte unterdessen vergeblich, Khomeini die Anerkennung seiner Regierung abzuringen. Er ließ tagelang den Flughafen von Teheran sperren, um offensichtlich Zeit zu gewinnen. Das Volk strömte derweil auch aus der Provinz herbei, um ihrem Idol einen triumphalen Empfang zu bereiten. Dies geschah am 1. Februar 1979, als der Imam (Führer) nach 15 Jahren im Exil unbehelligt vom Militär doch landen durfte.

Er stand in Sandalen in der Flugzeugtür, grüßte mit spärlicher Geste und löste an Massenhysterie grenzende Begeisterung aus. Sein Sieg aber stand noch auf des Messers Schneide. Es mehrten sich Berichte über links- oder rechtsextremistischer Gruppen, die in Teheran auf eigene Faust blutige Zwischenfälle provozierten. Dann verschärfte der Revolutionsführer den Machtkampf und setzte Bachtiar eine eigene Übergangsregierung entgegen. Ausgangssperre und Kriegsrecht sollten als Verschwörung der Militärs gegen die Revolution missachtet werden. Ein Bürgerkrieg galt als möglich.

Unbeugsam, unbeirrbar und gnadenlos

Am 10. Februar gingen schahtreue Elitetruppen gegen Luftwaffensoldaten in Teheran vor, die sich auf die Seite Khomeinis geschlagen hatten. Kämpfe und Schießereien breiteten sich aus. Demonstranten errichteten Barrikaden, plünderten Waffenarsenale der Armee und Polizei, Soldaten begannen überzulaufen. Am Tag darauf erklärten die Streitkräfte ihre Neutralität und lösten sich praktisch auf. Bachtiar tauchte unter. Abends unterbrach Radio Teheran sein Programm und verkündete das Ende des Kaisertums. Khomeini, unbeugsam, unbeirrbar und gnadenlos, hatte die Macht.

Die Islamische Republik wurde am 1. April 1979 proklamiert. Der Schah starb 60-jährig am 27.Juli 1980 in Kairo an Krebs. Khomeini war 88, als er am 3. Juni 1989 starb. Bachtiar wurde am 7. August 1991 in Paris ermordet.

Gerd Rainer Neu/DPA / DPA