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KZ Dachau: Die "Mörderschule der SS"

Hier nahm die Umsetzung der Theorie in die Praxis ihren Anfang - schon drei Wochen nach seiner Errichtung wurden im KZ Dachau die ersten Häftlinge ermordet. Das Sterben hatte mit der Befreiung aber noch kein Ende.

Am 29. April 1945, neun Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, befreiten US-Truppen das Konzentrationslager Dachau. Es war als erstes großes KZ von den Nazis errichtet worden. Bereits am 22. März 1933, nur wenige Wochen nach Adolf Hitlers Machtergreifung, wurden hier die ersten Häftlinge eingeliefert. Das Dachauer KZ wurde zum "Modell" für die vielen später errichteten Konzentrationslager. Als Ausbildungsstätte für die Nazi-Schergen wurde das KZ in Dachau bei München nach den Worten von Historikern zur "Mörderschule der SS". Hier begann auch die "Karriere" des berüchtigten Rudolf Höß, des späteren Kommandanten im KZ Auschwitz.

Lernen im Lager

"Die SS-Männer, die einige Jahre später den millionenfachen Mord mit Giftgas durchführten, lernten zuerst im Konzentrationslager Dachau, anders denkende Menschen als minderwertig zu betrachten und sie kaltblütig zu ermorden. Die Umsetzung der nationalsozialistischen Theorien in blutige Realität nahm im Konzentrationslager Dachau ihren Anfang", schreiben der Historiker Prof. Wolfgang Benz und die Leiterin der Dachauer KZ-Gedenkstätte, Barbara Distel, in einem geschichtlichen Abriss.

Die ersten Häftlinge in Dachau waren politische Gegner der Nazis: Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Später wurden hier auch evangelische und katholische Geistliche, Zeugen Jehovas, Juden, Roma und Sinti sowie Homosexuelle inhaftiert. Nach Beginn des Krieges kamen Widerstandskämpfer aus anderen Ländern und Kriegsgefangene dazu. Schon drei Wochen nach seiner Errichtung wurden im Dachauer KZ die ersten Häftlinge ermordet. Im Juni 1933 nahm ein Münchner Staatsanwalt zwar noch Ermittlungen wegen Häftlingserschießungen auf, doch alle Verfahren wurden nach wenigen Monaten eingestellt.

Wie viele Menschen im Dachauer KZ in den zwölf Jahren von 1933 bis 1945 ums Leben kamen, lässt sich nicht mehr feststellen. Knapp 32.000 Todesfälle sind in den Lagerunterlagen festgehalten. Aber viele Einzelexekutionen und die Erschießung tausender russischer Kriegsgefangener blieben unerfasst. Die hygienischen Bedingungen und die medizinische Versorgung im Dachauer Lager waren katastrophal. Nach dem Ausbruch einer Fleckfieber-Epidemie erlagen allein im Januar 1945 rund 3000 Häftlinge der Krankheit.

Hunderte von Gefangenen starben bei Malaria-Versuchen oder anderen medizinischen Experimenten in Dachau. So wurde manchen Häftlingen Eiter in den Körper gespritzt, um die Wirkung von Arzneimitteln zu testen. Mehrere tausend kranke oder behinderte Häftlinge wurden 1941/42 von Dachau ins Schloss Hartheim bei Linz - einer ehemaligen Anstalt für Geisteskranke - gebracht und dort mit Giftgas ermordet. Die Angehörigen erhielten eine Nachricht, auf der als Todesursache Herz- oder Kreislaufversagen angegeben war.

Größtes System von Außenlagern

Die arbeitsfähigen Häftlinge wurden zunächst im Straßenbau oder in Kiesgruben als Arbeitssklaven eingesetzt, nach Kriegsbeginn vor allem in der Rüstungsindustrie - so in einem BMW-Werk zur Herstellung von Flugzeugmotoren in München-Allach. Aus den regional verteilten Arbeitskommandos entstand ein System von Außenlagern. Das KZ Dachau war mit bis zu 169 Außenkommandos der größte Lagerkomplex überhaupt.

Im April 1945 wollte die SS das KZ wegen der vorrückenden US-Armee evakuieren. Bei dem "Todesmarsch" von 7000 Gefangenen, die als erste in Richtung Süden geführt wurden, kamen nochmals Hunderte ums Leben. Sie wurden erschossen, sobald sie nicht mehr weiterkonnten, oder starben an Hunger, Kälte oder Erschöpfung. Am 29. April 1945 wurde das KZ Dachau als eines der letzten Konzentrationslager von Einheiten der 42. US-Infanteriedivision befreit. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich rund 32.000 Häftlinge aus 31 Nationen in den überfüllten Baracken und noch einmal die gleiche Zahl in den Außenlagern.

Das Sterben hatte mit der Befreiung aber noch kein Ende: Allein im Mai 1945 erlagen mehr als 2000 Ex-Gefangene den Folgen ihrer Haft.

Jürgen Balthasar/DPA / DPA